Die meisten Leute laufen vorbei, ohne dem schlichten grauen «Bürgisserhus» Beachtung zu schenken, das sich an der Bahnhofsstrasse in Berikon versteckt. Denn, wer ahnt, dass sich hinter diesen Mauern eine Galerie befindet?

Die Eröffnung des Fotostudios und der Kunstgalerie «Flussreif» ist ein neuer Lebensabschnitt für den Fotografen Dominique Andereggen. «Die Schweiz ist ein Paradies, die Lebensbedingungen hier sind unglaublich», sagt Andereggen mit einer Inbrunst, die von Erfahrung zeugt. Fünf Jahre lang hat der 32-Jährige mit seiner Partnerin Solange dos Santos in Maputo, der Hauptstadt von Mosambik, in Afrika gelebt.

Der ehemalige Sportstudent

Mit seiner Frau, die ebenfalls als Fotografin tätig ist, baute er das Studio Magmaphotography auf. «Wäre Solange nicht gewesen, hätte ich keine Chance gehabt», meint der ehemalige Sportstudent. Und trotzdem hatten die Einwohner ihm den Erfolg zugeschrieben.

«Zu Beginn mussten wir die Bilder von Solange unter meinem Namen verkaufen. Vor allem die Einheimischen konnten sich nicht vorstellen, dass eine Mosambikanerin diese Leistung zustande bringt.» Die exponierte Stellung als Schweizer war für Andereggen nicht leicht, doch er versuchte, die Vorteile zu nutzen.

So wagten sich die beiden 2009 an ein Tabuthema: Menschen mit Albinismus. Das Ziel des Fotoprojektes und des Buches «Sons of the Moon» war, die Menschen zu sensibilisieren.

Dies in einem Land, wo Aberglaube und Respektlosigkeiten das Leben der Betroffenen oft schwer beeinträchtigen. Delikte wie Tötungen und Vergewaltigungen seien die grausigen Ausläufer, aber auch Ausgrenzungen im Alltag isoliert die Menschen mit dem Gendefekt, der vor allem durch die pigmentlose und daher weisse Haut auffällt.

«Die Idee war es, diese Menschen in ein neues Licht zu rücken. Wir haben nicht ihr Leiden festgehalten, sondern wollten ihre Schönheit zeigen», erklärt Andereggen.

Um das Vertrauen der Betroffenen zu gewinnen, haben sie sich der Organisation für Menschen mit Albinismus angeschlossen. «Die meiste Zeit haben wir damit verbracht, den Teilnehmern zu erklären, was wir hier eigentlich tun», sagt der Fotograf, «mit der Zeit sind die Beteiligten aber richtig aufgetaut und es sind Freundschaften entstanden.»

Auch die Reaktionen bei der Ausstellung in Mosambik seien sehr emotional gewesen. «Ein Bekannter von uns hatte zuvor starke Vorurteile gegenüber Menschen mit Albinismus – als er die Bilder gesehen hatte, musste er weinen.»

Andereggen ist sich sicher, dass das Projekt «Sons of the Moon» zumindest in Mosambik langfristige Spuren hinterlassen wird.

Auch wenn Andereggen bereits die nächste Reise nach Afrika plant, ist die Schweiz nicht mehr nur Zwischenstopp, sondern Heimat geworden. Nach langer Suche habe er die Balance gefunden.

«In Afrika ist mir klar geworden, dass ich stets mir selber im Weg gestanden bin. Ich habe mich zu fest auf meine Unvollkommenheit und meine Fehler konzentriert, als mich auf meine Stärken zu berufen. Wie in der Fotografie ist auch im Leben alles eine Frage der Perspektive.»

Buch: Sons of the Moon, 211 S., Fr. 100.–. Bestellung: info@flussreif.ch