Sommernachtstraum

Mit Avatar gepaarte Hobbits in Sin City

Die hässlichen Elfen in einem nur auf groteske Ästhetik zielenden Sommernachtstraum. Judith Schlosser

Die hässlichen Elfen in einem nur auf groteske Ästhetik zielenden Sommernachtstraum. Judith Schlosser

Regisseur Markus Heinzelmanns Sommernachtstraum gerät am Theater Basel zur hirnlosen Effekthascherei - ein langweiliger Albtraum.

Nach der lauten Komödie drinnen spielte sich draussen vor dem Schauspielhaus Basel eine leise Tragödie ab. Die Schauspielerinnen, inzwischen umgezogen und abgeschminkt, kamen allmählich heraus; und sie sahen so fertig aus, so traurig, irgendwie gebrochen. Gibt es eigentlich keine Schauspieler-Gewerkschaft, die man in solchen Fällen alarmieren kann? Wegen Missbrauchs durch Regie. Denn der einzige Sex in Regisseur Markus Heinzelmanns neuem Basler Sommernachtstraum ist die Vergewaltigung der Schauspieler.

Alle müssen sie lächerlich-grosse Gnomen-Ohren und Knubbelnasen tragen. Den Elfen haben die Maskenbildner dazu eine enorme Glatze übers Haar gepappt. Halbnackt, nur in hautfarbenem BH, weissen Männerunterhosen und etwa zehn Zentimeter hohen High Heels werden die Schauspielerinnen auf der Bühne ausgestellt. Manche dieser Elfen müssen in Zweitrollen zwergenhafte Handwerker in Cowboy-Kleidung spielen; dann wird ihnen über die Glatze eine schlecht sitzende Perücke gestülpt, die immer wieder vom Kopf fällt. Das ist offenbar Heinzelmanns Verständnis von Humor.

Das alles wäre ja erlaubt, wenn es denn irgendwie einen Sinn ergäbe, wenn dahinter irgendeine Aussage, ein Inhalt, ein Bezug zu uns da draussen stünde. Doch hinter der schrillen Oberfläche tut sich nichts auf. Es bleibt allein bei dieser Ästhetik des Grotesk-Hässlichen. Warum der Regisseur sich dieses Stoffes ermächtigt hat, bleibt das einzige Mysterium des Abends – und wie die Schauspielleitung darauf gekommen ist, diesen Mann zu engagieren.

Die verunstalteten Schauspieler verlieren ihre Persönlichkeit. Hinter so viel Maske Gefühle zu zeigen, grenzt an Unmöglichkeit – dafür bräuchte es filmische Mittel wie Nahaufnahmen oder Computeranimationen. Sie erinnern denn auch an Fantasyfilmfiguren, an Hobbits oder Camerons blaue Avatar-Wesen, vor allem aber an den schweinegesichtigen Bösewicht in Sin City.

Doch das Filmratespiel im eigenen Kopf bietet nicht genug Unterhaltung für einen ganzen Abend. Sehr bald beginnt das Stück sich in die Länge zu ziehen, es hat keinen Rhythmus, keine Poesie, kein Gefühl. Es ist leer. Wie die kahle Bühne. Wach hält einzig die vibrierende Musik von DJ Viktor Marek, noch das Beste am Stück. Und ganz zum Schluss gelingt es Vincent Leittersdorf als Handwerker Zettel, der Pyramus spielen muss, den einzigen berührenden Moment herzustellen. Unter diesen Umständen eine enorme Leistung.

Angst vor Gefühlen

Ansonsten ist nur eine Absicht des Regisseurs klar: Er entzaubert das Stück radikaler als viele Regisseure zuvor, indem er es von jeder Erotik säubert. Hier knistert es zwischen niemandem mehr. Dafür sorgen auch die androgynen Elfen. Im Programmheft findet sich auf diese Interpretation ein Hinweis. In einem Essay wird die «Hölle des Gleichen» beschrieben: Ohne Differenz keine Erotik. Aber ob Shakespeare, der geniale Beobachter grosser Gefühle, für diese Theorie der richtige Autor ist? Ob der Sommernachtstraum, dieses Stück über Liebe, Rausch, Lust, Herzschmerz und Verwirrung, dafür die richtige Vorlage hergibt? Hinzu kommt: Der Sommernachtstraum als Albtraum ist seit Jahren die Konvention, nicht die Ausnahme.

Warum haben so viele Regisseure heute solche Angst davor, Gefühle zu zeigen? Heinzelmann treibt die Flucht in eine sinnentleerte Ästhetik auf eine ärgerliche Spitze. Den Zuschauern bleibt nur noch heimzugehen und sich einem eigenen Frühlingsnachtstraum hinzugeben.

Ein Sommernachtstraum  Theater Basel. Bis Ende Mai.

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