Herr Heller, hat Sie das Resultat in der Ostschweiz überrascht?

Martin Heller: Ja, es hat mich überrascht. Ich war auf ein paar Veranstaltungen in der Ostschweiz. Und merkte, dass die Stimmung unentschieden ist, sich aber kein Trend wirklich artikulierte. Einen so eindeutigen Ausgang habe ich nicht erwartet.

Sogar die Stadt St. Gallen sagte Nein. Die erwartbaren Muster greifen nicht:

Kein Stadt-Land-Graben, keine Zustimmung in den derzeitigen Expo-Standorten und Ablehnung in den restlichen Gebieten. Das kohärente Statement der Kantone St. Gallen und Thurgau lautet: Wir wollen keine Expo.

Wieso nicht?

Es gibt ein breites Spektrum an Interpretationen. Das Argument, dass sich diese doch eher im Abseits stehende Gegend mit einer Expo ins Schaufenster stellen könnte, zog bei vielen nicht – vielleicht auch aus Angst, das Examen nicht zu bestehen. Eine Mehrheit war der Meinung, dass Infrastruktur und Jobs reichen, um die Region attraktiv zu machen. Oder dass man in der Ostschweiz genügend Probleme hat und zu wenig Geld für eine Expo.

Und das stimmt nicht?

Ich bin gerade in Berlin und von hier aus betrachtet, muss man sagen: Das ist Blödsinn. Die Schweiz schwimmt im Geld. Bloss hat sich die Ostschweiz halt für die Maulwurflösung entschieden.

Nun, das Vorprojekt hätte 9 Millionen Franken gekostet.

Für den Kanton Thurgau hätte das den Gegenwert von zwei Verkehrskreiseln bedeutet. Aber natürlich wäre es gut gewesen, wenn der Bund sich an den Planungskosten beteiligt hätte. Das hätte Signalwirkung gehabt. Nur will man in Bern erst Geld in die Hand nehmen, wenn kein Risiko mehr besteht. Diese Haltung konsterniert mich. Trotzdem: Das Ostschweizer-Projekt war sehr professionell aufgegleist. Nur haben es die Menschen nicht geglaubt. Eine Allianz der Missmutigen, Besserwisser und Rechtspopulisten hat die Expo 2027 vor jeder Planung beerdigt. Nun ist das Geld für die Perfektionierung der Strassen verfügbar.

Die Bevölkerung wusste nicht, wofür der Expo-Kredit ausgegeben werden soll.

Es gibt da eine nette Geschichte von der Expo. 02. Damals konzipierten wir für Murten einen wunderbaren kleinen Park mit dem Titel «Garten der Gewalt». Wir fragten die Gemeinde an, ob sie die Anlage später übernehmen wolle. Sie lehnte ab. Als der Garten dann stand, bereuten es viele. Was ich meine: Man muss manchmal ein Risiko eingehen, ohne genau zu wissen, was dabei herauskommt. Das nennt man Zukunftsfähigkeit.

Schon bei der Expo.02 kam der Widerstand vor allem von bürgerlicher Seite. Wieso können Sie Bürgerliche nicht begeistern?

Einspruch: Der Widerstand kam von allen Seiten. Zwar gab es das Feindbild einer linken, vaterlandslosen Kulturmafia. Dabei müsste doch gerade der SVP das Konzept einer Expo, die den nationalen Zusammenhalt fördert, am Herzen liegen. Bloss ist die Erfindungspotenz dieser Partei ziemlich limitiert.

Der Ausstellungsmacher Martin Heller (63) war künstlerischer Direktor derExpo.02. Für die die Ostschweizer Expo hat er den Konzeptwettbewerb mitorganisiert.

Mr. Expo

Der Ausstellungsmacher Martin Heller (63) war künstlerischer Direktor derExpo.02. Für die die Ostschweizer Expo hat er den Konzeptwettbewerb mitorganisiert.

Was müssen sich die beiden Kantonsregierungen denn vorwerfen?

Das letzte Feuer hat in der Ostschweiz gefehlt. Es gab keine wirklichen politischen Zugpferde wie damals bei der Expo.02 mit Francis Matthey oder Bundesrat Jean-Pascal Delamuraz.

Im Aargau ist ein alternatives Projekt für die Expo 2027 in der Pipeline. Könnten Sie sich das vorstellen?

Es wäre superscharf, etwas in einer Region zu machen, die nicht mit dem Schweizer Bilderbuch der Alpenpanoramen oder grossen Seen aufwarten kann. Zum Beispiel im Aargau. Eine Projektgruppe müsste jedoch den Mut haben, gross zu denken. Wieso nicht einfach einmal 20 gescheite Köpfe aus der ganzen Schweiz für eine dreitägige Ideenklausur einladen?

Wird es 2027 eine Expo geben?

Momentan herrschen in der Schweiz viel Dumpfheit und Stumpfheit. Und die Zeit läuft davon. Deshalb muss man wohl pessimistisch sein. Für eine Expo bräuchte es eine überaus glückliche Konstellation: Eine Region, die das wirklich will. Und ein risikobereites Bundesbern.

Mal ehrlich: Hat sich in der Drei-Seen-Region eigentlich wirklich etwas nachhaltig geändert durch die Expo.02?

Den Begriff der Drei-Seen-Region gab es zuvor ja gar nicht. Da ist eine Gegend erstmals ins Bewusstsein der Schweiz geraten. Touristische Strukturen wurden vorbereitet. Und für die Stadt Biel beispielsweise hat sich ein neuer Raum erschlossen, sie ist seit der Expo.02 dem See zugewandt. Aber noch wichtiger: Die interkantonale Zusammenarbeit musste jenseits von Kläranlagen funktionieren.

Es gibt den Landigeist, den Geist der Expo 64. Aber wofür steht eigentlich die Expo.02?

Noch heute kommen wildfremde Menschen zu mir und danken für die Expo. Nach 14 Jahren. Jener Sommer 2002 war ein Sommer der Heiterkeit, mit einer Landesausstellung ohne Moralkeule. Mehr als die Hälfte der Schweizer Bevölkerung haben die Expo besucht, mit sehr, sehr hohen Zufriedenheitswerten. Das ist eine unglaubliche Quote! Interessant ist aber auch: Es gibt noch heute in Bezug auf die Expo.02 nur schwarz oder weiss – entweder fand man sie grossartig oder eine gigantische Kalberei.