Musiktheater

Miss Saigon feiert Schweizer Premiere: «Dieses Musical ist ganz aktuell»

Im Vietnamkrieg erlebt das 17-jährige Barmädchen Kim (Sooha Kim) unvorstellbares Leid. ho

Im Vietnamkrieg erlebt das 17-jährige Barmädchen Kim (Sooha Kim) unvorstellbares Leid. ho

Erstmals ist in der Schweiz das englischsprachige Original von «Miss Saigon» zu sehen.

Auch im Theater 11 in Zürich knattert dieser Tage der Helikopter – und wir bekommen Gänsehaut, wie schon 1989 im Drury Lane Theatre London, als das Musical «Miss Saigon» uraufgeführt wurde. Damals gab der minutenlang über der Bühne verharrende Helikopter am meisten zu reden, weil er die Musicalszene um den – für diese Zeit – wohl spektakulärsten Effekt bereicherte. War das alles? Nein.

«Miss Saigon» ist nicht deshalb zu einem der mit über 35 Millionen Zuschauer weltweit erfolgreichsten Musicals geworden, sondern wegen seiner Geschichte, die sich in den letzten Tagen des Vietnamkriegs, 1975, abspielt. Der amerikanische Soldat Chris (Ashley Gilmour) und das 17-jährige vietnamesische Barmädchen Kim (Sooha Kim) verlieben sich ineinander. Doch das Glück ist brüchig. Als sich die militärische Lage zuspitzt, muss Chris die Stadt Saigon mit den US-Streitkräften im Helikopter verlassen. Kim bleibt zurück und sucht in den nächsten Jahren verzweifelt nach ihrem Freund, der keine Ahnung hat, dass er einen Sohn hat. Wie die Geschichte endet, ahnt man – mit Kims Tod.

Nie wieder Krieg

Opernfreunde fühlen sich bei «Miss Saigon» an Giacomo Puccinis «Madama Butterfly» erinnert. Nicht verwunderlich, denn auch Alain Boubil (Buch) und Claude-Michel Schönberg (Musik) haben sich auf die französische Novelle «Madame Chrysanthème» gestützt und daraus ein Werk geformt, das für den Londoner Musicalproduzenten Cameron Mackintosh eine Herzensangelegenheit ist. Er hat die erste Originalinszenierung produziert – und nun auch die jüngste Version, die sanfte Veränderungen des Bühnenbilds (Nachtclub, Hütten, amerikanische Botschaft) sowie textliche Akzentuierungen erfahren hat und um einen Song ergänzt worden ist.

Das Revival soll nicht nur die Fans von einst, sondern neue, junge Zuschauer ansprechen, die «Miss Saigon» noch nie auf der Bühne gesehen haben. Ob der Stoff – der Vietnamkrieg – für dieses junge Publikum nicht veraltet ist? Die Zuschauerreaktion in Zürich ist eindeutig: Nein. «Wir haben spontan an die Kriege in Syrien und Jemen gedacht», war etwa zu hören oder: «Dieses Musical rüttelt auf, weil es sagt: Nie wieder Krieg.»

Aufrütteln ist das Stichwort. Das schafft «Miss Saigon» vor allem deshalb, weil es virtuos auf der Klaviatur der Emotionen spielt. Das tun andere Musicals zwar ebenfalls, aber dieses hier meistert – bei einem schwierigen Stoff – besonders eindrücklich den Spagat zwischen hochdramatischen und verinnerlichten Szenen. Immer wieder scheint sich die Szenerie zu verflüchtigen, und Kim steht alleine auf der grossen Bühne; singt von Liebe und Verzweiflung; Resignation und Hoffnung. Nie wirkt das kitschig, sondern aufwühlend, anrührend und glaubwürdig. Kim, aber auch der schlitzohrig-schmierige Engineer (Leo Tavarro Valdez), Besitzer eines Nachtclubs, erleiden im Vietnamkrieg unvorstellbares Leid. Wie stellt man es dar? Indem man die Gewalt von Soldaten zwar zeigt, jedoch in einer Choreografie abgezirkelter Schritte und Bewegungen. Diese Verfremdung verfehlt ihre Wirkung nicht: Die Szene wirkt eiskalt und beklemmend – wird aber, den Musicalgesetzen folgend, rasch abgelöst durch eine knallbunte, alle musikalischen und tänzerischen Register ziehende.

Fabelhafte Inszenierung

Den «American Dream», von dem die Kriegsversehrten träumen, beschwört der Nachtclubbesitzer mit umwerfender Koketterie und Lässigkeit, sodass er am Ende an der Rampe füglich fragen darf: «Am I not fabulous?» Doch. Er ist fabelhaft, was auf die ganze Inszenierung (Laurence Connor), das 15-köpfige Orchester (Matthew J. Loughran) und das Ensemble zutrifft. Allen voran die genannten, jungen Solisten, die sich dem Klassiker «Miss Saigon» mit einer derartigen Frische, Neugier und Intensität anheimgeben, dass man sich gerne der Meinung einer 16-jährigen Zuschauerin anschliesst: «Weil alle so überzeugend sind, ist dieses Musical ganz aktuell.»

Miss Saigon Theater 11, Zürich. Vorstellungen bis 13. Januar 2019.

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