Marc Schaffner

Breitbeinig stehen sie auf der Openair-Bühne beim Z7, umrahmt von grün angestrahltem Nebel, umblitzt von einem Scheinwerfer-Gewitter. Aus den Boxen dröhnen harte Riffs und die fast opernreife Stimme des Leadsängers, bis plötzlich der Schlagzeuger das Tempo verdoppelt und die zwei Gitarristen ein unglaublich schwieriges, technisch perfektes Duett hinlegen. Und vor der Bühne: ein Meer aus Haaren. Wellenförmig schiessen die Mähnen im Takt nach oben, immer wieder.

Ein Metal-Konzert ist eben nicht nur ein Konzert, sondern ein Schauspiel, sowohl für die Band, in diesem Fall die Powermetal-Band Nevermore aus Seattle, als auch für das Publikum. «Let me see your horns!», ruft Sänger Warrel Dane in die Menge, und augenblicklich strecken Hunderte ihre Hände mit dem typischen Metal-Handzeichen nach oben - Zeigefinger und kleiner Finger ausgestreckt, die andere Hand zur Faust geballt. Auch ein Song mit Publikumsbeteiligung klappt wunderbar. Minuten später ist zum Stück «Enemies of Reality» wieder eine Headbanger-Orgie angesagt.

«Feinde der Realität», dieser Titel war am Metalfest 2010 in Pratteln Programm. Das abgesperrte Festivalgelände war eine Welt für sich, weit weg von der langweiligen Alltagsrealität. Aus der ganzen Schweiz und dem Ausland waren Metalfans angereist, viele campierten auf dem nahen Zeltplatz oder teilten sich ein Zimmer im Hotel auf dem Grüssen-Areal. Ihr gemeinsames Ziel: einen dreitägigen Konzertmarathon zu absolvieren, der jeweils um zwölf Uhr losging und sich bis in die Nacht hinein zog, stundenweise abwechselnd im Freien und in der Z7-Halle.

Furchteinflössend aber friedlich

Die Mehrheit des Publikums trug schwarz, schwarze Hosen, Springerstiefel, Lederjacken, Kapuzenshirts, aber auch Tarnfarben, Jeansgilets mit Dutzenden von aufgenähten Band-Patches, vereinzelt sogar 80er-Jahre-Leggings mit Turnschuhen. Die Kreativeren schmückten sich mit einer «Kriegsbemalung» im Gesicht oder kamen gleich im Barbaren-Outfit mit Ziegenfell und Trinkhorn anstelle der sonst obligaten Bierbüchse in der Hand.

Trotz des furchteinflössenden Äusseren sind die Metaller bekanntlich ein friedliches Völkchen. Streitereien gibt es praktisch nie - wenn zwei Kerle miteinander ringen, dann nur aus Spass; wenn sich zwei anschreien, dann nur, um ihrem Enthusiasmus mittels unartikulierter Grunzlaute Ausdruck zu verleihen. «Da es eine konzentrierte Menge von Leuten ist, die alle die gleiche Musik hören, gibt es niemanden, der böse auf jemanden ist», erklärt Reto aus dem Thurgau. Das sei an jedem Metalfestival so.

Schlammige Angelegenheit

Reto ist zufrieden mit dem Lineup am Metalfest. Decapitated hätten ihm sehr gefallen, Imperium Dekadenz hätten ihren guten Ruf bestätigt und Sepultura hätten ihn überrascht: «Dass die noch so eine Stimmung machen!» Weniger gefallen hat Reto der schlammige Campingplatz.

Ein einziger Sumpf ist auch das Merchandise-Zelt. «Tschöss, bisch du suber!» begrüsste ein von oben bis unten mit Schlamm bespritzer Metaller den Neuankömmling, der noch saubere Schuhe hatte. «Wenigstens hat es während der Konzerte nicht geregnet», hielt eine Festivalbesucherin entgegen. Aber nach drei Tagen fühle sie sich langsam müde. «So lange vor der Bühne stehen ist ganz schön anstrengend, ich bin ja nicht mehr die Jüngste», meinte eine andere Besucherin, die zu den Veteraninnen gehörte. Trotzdem sei sie happy, wegen ihrer Lieblingsband Rotting Christ.

Unterdessen treiben Legion of the Damned die Dezibel-Anzeige in der Z7-Halle in die Höhe: Gitarren-Geschreddere und Doublebass-Drums bis zum Abwinken. Und vor der Bühne fliegen wieder die Haare.