Zukunftsinterview

Medienforscher Shapiro: «Ich halte E-Books für gefährlich»

«Star Trek»-Forscher Alan Shapiro ist derzeit Gastdozent an der Hochschule Luzern.

«Star Trek»-Forscher Alan Shapiro ist derzeit Gastdozent an der Hochschule Luzern.

Der US-amerikanische Medientheoretiker Alan Shapiro wurde berühmt mit seiner Forschung über die Science-Fiction-Serie «Raumschiff Enterprise». Ein Gespräch über die endlosen Weiten des digitalen Zeitalters.

Ob Virtual Reality, selbstfahrende Autos oder Androiden: Der Blick von Alan Shapiro kennt nur eine Richtung – nach vorne. Der 62-jährige Medientheoretiker aus Brooklyn, New York, dessen wissenschaftliche Arbeit einst die öffentliche Wahrnehmung der Fernsehserie «Raumschiff Enterprise» grundlegend veränderte, gilt heute als einer der renommiertesten Zukunftsforscher weltweit. Wir trafen ihn an der Hochschule Luzern, wo Shapiro derzeit als Gastdozent engagiert ist, zum Gespräch.

Alan Shapiro, Science Fiction denkt heute mehr über die Gegenwart nach als über die Zukunft. Die «Enterprise» war einst eine Utopie der Zeit des Kalten Krieges und der Bürgerrechtsbewegung. Was treibt heutige Science-Fiction-Filme um?

Alan Shapiro: Die Serie «Black Mirror», die ich meinen Studenten zeige, thematisiert unseren Umgang mit der digitalen Welt, spinnt den Faden aber nicht besonders weit in die Zukunft, wenn die Menschen dort Opfer von Bewertungssystemen werden. Solche Rating-Systeme sind auf Plattformen wie Facebook oder der Dating-App «Tinder» längst Realität. Mir scheint, dass neuere Serien viel näher an unserer Gegenwart gebaut sind als früher.

Black Mirror - Season 4 | Official Trailer [HD] | Netflix

Black Mirror - Season 4 | Official Trailer

It’s hard to imagine a bright future, but we must. Charlie Brooker’s Black Mirror is now streaming on Netflix.

Haben Sci-Fi-Autoren den Mut verloren, in die Zukunft zu blicken?

Das denke ich nicht. Der Grund liegt vielmehr darin, dass es schwierig geworden ist, die Zukunft noch vorauszusehen. In den 1990ern war man noch überzeugt, dass das Internet zu mehr Demokratie, freier Meinungsäusserung und Dezentralisierung führen würde. Heute beschränkt sich die Macht im Internet auf eine Handvoll Unternehmen.

Sie sagten einmal, dass es Zeit werde, eine Alternative fürs Internet zu finden. Wie haben Sie das gemeint?

Im Internet wird momentan vor allem mit Werbung und Datensammeln viel Geld verdient. Die Privatsphäre der Menschen wird andauernd verletzt. Ich wünsche mir ein Internet, das Kreativität ermöglicht. Wir erleben gerade die vierte industrielle Revolution. Technologien wie Virtual Reality oder Blockchain haben ohne Frage viel Potenzial. Die meisten Experten, die so begeistert über diese Technologien sprechen, sind aus meiner Sicht aber technologische Deterministen.

Was verstehen Sie darunter?

Diese Menschen glauben, dass soziale Veränderungen durch die technischen Veränderungen ganz von alleine passieren. Ich glaube nicht, dass dem so ist. Es braucht Ideen, Bildung und ein Demokratieverständnis, um das zu erreichen.

Zugleich ist die Skepsis gegenüber diesen Technologien aber auch gewachsen. Dass sich Facebook-Gründer Mark Zuckerberg kürzlich vor dem US-Kongress Fragen über die Datensicherheit in seinem Unternehmen hat gefallen lassen müssen, ist doch erst mal positiv zu werten?

Wir sollten aus den Fehlern der Vergangenheit lernen. Ich glaube jedoch nicht, dass Mark Zuckerberg das kann. Facebooks Geschäftsmodell ist ja gerade die Werbung und das Datensammeln. Ich finde es problematisch, dass heute nur noch die Frage der Machbarkeit interessiert. Es bräuchte Menschen, die sich über die Umsetzung dieser Technologien Gedanken machen und soziale und psychologische Aspekte in ihre Überlegungen mit einbeziehen.

In einem Ihrer Texte kritisieren Sie die digitale Enzyklopädie Wikipedia. Wer Wikipedia verwende, beziehe kein echtes Wissen. Wie meinen Sie das?

Das sehe ich heute nicht mehr so. Wikipedia ist eine der besten Internet-Plattformen überhaupt, auch wenn ihr Expertenwissen manchmal durch Meinung ersetzt wird. Meinung bedeutet nicht zwangsläufig Wissen. Meinung kann auch Ignoranz sein. Das Gefährliche an freier Meinungsäusserung in Demokratien – das sehen wir gerade in den USA – ist, dass die Ignoranz genauso viel Aufmerksamkeit bekommt wie Wissen.

Nutzen Sie Wikipedia selbst?

Ja, man muss sich an die Gegenwart anpassen und akzeptieren, dass echtes Wissen in unserem Zeitalter durch Information ersetzt worden ist. Wir klicken uns heute durch die Hyperlinks im Internet und funktionieren dabei wie Computer, die rasend schnell Informationen verarbeiten. Ich bin kein Nostalgiker. Ich würde nur gerne etwas erschaffen, das die tiefe Erfahrung des Lernens aus früheren Zeiten mit diesen neuen Me- dien verknüpft.

Haben wir das Denken verlernt?

Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass sich E-Book-Leser Inhalte schlechter merken können. Wenn ich in einem klassischen Buch lese, weiss ich später noch genau, in welchem Strassencafé ich bei der Lektüre sass. Ich erinnere mich an die Gestaltung des Buchcovers. In einem E-Book-Reader werden alle In- halte auf das gleiche Leseerlebnis reduziert. Aus der Sicht des Medientheoretikers halte ich E-Books für unsere Demokratie für sehr gefährlich.

Ist die Möglichkeit, dass jeder heute ein Buch veröffentlichen kann, nicht auch ein Gewinn für unsere Demokratie?

Der kanadische Kommunikationstheoretiker Herbert Marshall McLuhan hat in seinem Buch «Die Gutenberg-Galaxis» geschrieben, Bücher seien gut für die Demokratie, weil Bücher aus uns Individuen machen würden. Ich glaube, dass jeder Mensch ein paar Ideen und Referenzen braucht, um nicht in den Millionen von Ideen unterzugehen. Nie war das wichtiger als heute.

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