Theater
Max Frisch und sein furioses Spiel der Eitelkeiten

Der tschechische Regisseur Dusan David Parizek zeigte am Donnerstagabend auf der Pfauenbühne des Zürcher Schauspielhauses einen aufgefrischten «Mein Name sei Gantenbein»

Julia Stephan
Drucken
Teilen
Rollenspiel nach Max Frisch (von links): Svoboda (Siggi Schwientek), Enderlin (Michael Neuschwander), Lila (Miriam Maertens) und Gantenbein (Lukas Holzhausen).

Rollenspiel nach Max Frisch (von links): Svoboda (Siggi Schwientek), Enderlin (Michael Neuschwander), Lila (Miriam Maertens) und Gantenbein (Lukas Holzhausen).

TONI SUTER T+T FOTOGRAFIE

Vor fünfzig Jahren veröffentlichte Max Frisch sein Erzählexperiment «Mein Name sei Gantenbein». Mit dem Roman brach der Autor radikal mit den Erzähltechniken des bürgerlichen Romans. In rund achtzig Sequenzen und ohne Rücksicht auf Chronologie entwirft und verwirft ein Erzähler-Ich neue Lebenssituationen und probiert Rollen an «wie Kleider» – Scheitern gehört zum Erzählen ebenso dazu wie für den Leser die Geduld.

Für die Bühne geeignet? Durchaus! Frisch selbst hat das wohl auch so gesehen, als er aus dem Stoff ein Drehbuch entwickelte. Der tschechische Regisseur Dusan David Parizek, in Zürich aufgefallen mit mutigen «Faust»- und «Wilhelm Tell»-Inszenierungen, hat aus diesem üppigen Kostümball eine elegante, schmale Bühnenversion geschneidert, in der drei Männer vor der schillernden Schauspielerin Lila (Miriam Maertens) eine grosse bis mittelmässige Rolle spielen – und dabei regelmässig aus ihr herausfallen.

An der Premiere am Donnerstagabend im Zürcher Pfauen stellten sich vor: Lilas scheinblinder Ehemann Theo Gantenbein (Lukas Holzhausen), ihr verbitterter, knorziger Ex-Mann Franzisek Svoboda (Siggi Schwientek) und Lilas Affäre Felix Enderlin (Michael Neuenschwander), ein eitler Intellektueller mit Philosophenbart, der sich gerne im Selbstmitleid suhlt.

Ein Blinder stellt sich taub

Parizek nutzt Frischs szenischen, mit Regieanweisungen gespickten Roman für ein furioses Bühnenspiel der Eitelkeiten. Während Svoboda mit seinem griesgrämigen Liebeskummer allen die Laune vermiest, knackt Lilas glatzköpfiger Ehemann Gantenbein Erdnüsse, und sieht hinter den getönten Blindenbrillengläsern grosszügig über die Ehebrüche seiner Lila hinweg.

Die wechselt mit professioneller Routine auf der Bühne ihre Cocktailkleider und begiesst sich, um die komische Ehe am Laufen zu halten, auch mal mit einer Mineralwasserflasche, um Gantenbein einen Regeneinbruch vorzuspielen. Gegen dessen Eifersuchtsanfälle ist auch die Blindenbrille kein probates Mittel. Gantenbein fädelt eine Grammofonnadel auf die Schallplatte – und stellt sich taub.

Geistreich, wie Parizek die drei Männerrollen nicht wie im Roman isoliert als drei Lebensentwürfe vorstellt, sondern sie auf der Bühne enger zusammenrücken lässt. Die Herren beobachten und beneiden sich – und gehen sich dabei mächtig auf die Nerven. Im Roman nur Gedachtes wird dem anderen gnadenlos an den Kopf geknallt.

Auch Frischs Vorliebe für Brecht’sche Verfremdungseffekte kostet Parizek aus. Enderlin klettert für seine Ego-Trips auch mal über die Stuhlreihen und füllt eine hübsche Zuschauerin mit Wein ab.

Zum Schluss werden sich die drei in ihrer Lila-Manie immer ähnlicher und bilden in identisch gelben Cocktailkleidern eine Selbsthilfegruppe. Parizeks Frisch ist Seelenstriptease bis auf die nackte Haut und ein weiterer Beweis: Klassiker sind bei diesem Regisseur in guten Händen.

Mein Name sei Gantenbein Schauspielhaus Zürich. Nächste Vorstellungen: 21./24./25. Januar, jeweils 20 Uhr.