Richard Serra

Material macht Politik

Künstlerisches Experiment und Ästhetik des Massenmediums greifen in «Prisonners Dilemma» (1974) ineinander.

Künstlerisches Experiment und Ästhetik des Massenmediums greifen in «Prisonners Dilemma» (1974) ineinander.

Das Basler Kunstmuseum zeigt Richard Serra im Bewegtbild. Sorgfältig präsentiert, ist das mehr als Kunstgeschichte.

«Alle kennen Richard Serra.» Wenn Josef Helfenstein mit diesen Worten den Auftakt macht zum Medienrundgang, kann er sich auf Basel berufen. Denn die Stadt hat einiges von diesem amerikanischen Erneuerer, der das dreidimensionale Denken so bedingungslos dem Material anvertraut. Auch wenn das prominente Werk «Intersection» mehr durch illegale Graffitis und als verstohlenes Pissoir von sich reden machte, behauptet es sich seit 1992 stolz vor dem Eingang des Stadttheaters.

Eine temporäre Ausstellung im Wenkenpark hatte dem Kunstmuseum schon 1980 ein eigenes Werk vermacht. Und nicht zuletzt birgt die öffentliche Kunstsammlung ein Konvolut aus Serras Frühwerk, das nun ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt: Ergänzt um wenige Leihgaben aus New York und Bochum, laden die hauseigenen sechs Filme und vier Videos zu einem Tauchgang in Serras künstlerische Beweggründe ein.

Denn wenn das Kunstmuseum die bewegten Bilder des Plastikers aus dem Depot holt und für eine sommerlange Präsentation aufbereitet, wird erlebbar, was intime Kenner seines Werks schon lange unterstreichen: Triebfeder für seine anhaltende Beschäftigung mit der Schwerkraft waren und bleiben Bewegung, Körper, Material.

Umsichtige Inszenierung

Viele, wenn auch nicht alle, kennen Serras ausgestreckte Hand, wie sie nach Folien greift, die im vertikalen Fall immer wieder schnell wie ein Schatten durch die Bildfläche sausen. Wenn Serra 1968 die Hand als sein wichtigstes Werkzeug so mechanisch zugreifen lässt, ist das ebenso ein Experiment am eigenen Leib wie eine Allegorie auf das Medium des Films selbst.

Wie ein Zelluloidstreifen gleiten die Blätter aus Blei nach unten und weisen die Hand als Blende aus, die den Rhythmus der Belichtung verantwortet. Mit der Geste des Fangens, Haltens, Scharrens oder Schaufelns macht Serra die «Einstellung der Hand» zur performativen Aktion. In der körnigen Auflösung des 16-mm-Films geben mehrere Projektionen zu erkennen, dass das Material den Ton angibt und die Form bestimmt – nicht eine Absicht und schon gar nicht ein Geniestreich des Künstlers.

Es gibt keine Leserichtung in der Ausstellung im Kunstmuseum Basel. Man kann mit dem Rundgang ansetzen bei den Videos, die im Erdgeschoss auf Monitoren laufen oder in den verdunkelten Nischen und Räumen, in denen die Vorführkopien des historischen Materials einen Projektor surren lassen. Deutlich wird auf jeden Fall eine kuratorische Handschrift, die sich für jede einzelne Einstellung neu verantwortlich zeigt: Wie ist der jeweilige Ton einzuführen, damit er nicht den Nebenraum stört? Wo setzt das bewegte Bild die totale Verdunkelung voraus und wo gewinnt Serras Blick mit einer Spur an Tageslicht?

Etliche Proben seien der gestrigen Premiere vorausgegangen. Wenn sich der 77-jährige Künstler nach anfänglichem Zögern mit seiner jüngsten Basler Präsenz solidarisierte, hat es vermutlich nicht nur mit der sorgfältigen Inszenierung zu tun, sondern mit dem Bewusstsein, dass Serras 1970er-Jahre nicht bloss Kunstgeschichte sind. Ein entscheidendes Argument war für Kurator Søren Grammel der Aktualitätsbezug. «Wir stossen hier auf Probleme, die wir im Alltag heute genauso, wenn nicht noch besser kennen», meint er mit Blick auf Serras Film «Stahlwerk».

Nicht zuletzt auf Anregung seiner heutigen Ehefrau Clara Weyergraf hat sich Serra 1979 dafür interessiert, wie die Henrichshütte im deutschen Hattingen ihre Arbeiter zu Handlangern degradierte, die dem gesamten Entstehungsprozess eines Produkts aus unmittelbarer Nähe fast ganz entfremdet bleiben.

«Stahlwerke haben Magie, Licht, Fantasie, Geschichte, Gewicht, Glut und eine Art industriellen Zauber, den wir so wahrscheinlich nie wieder sehen werden», hatte Serra vor einigen Jahren in einem TV-Interview geäussert. Diesem nostalgischen Zugriff auf die dröhnende Werkhalle und den glühenden Stahl hält Søren Grammel heute eine Pointe entgegen, die diesem wie anderen Filmen Serras eingeschrieben scheinen. «Wir benutzen zahlreiche Dinge, ohne zu wissen, wo sie herkommen. Wir lassen Metalle schürfen in afrikanischen Ländern und tragen Design aus chinesischer Fabrikation.»

So flach das klingt: Material ist politisch geworden. Und der reale Ort, die Haptik, der Begriff des Körpers und seines Widerstands werden vom virtuellen Raum unterlaufen. Darum lohnt es sich, die langen Einstellungen von Richard Serras Kamera standzuhalten und dem Widerstand von Körpern zuzuhören. Im Gewicht der Dinge lagert die sinnlichste Konsumkritik.

Richard Serra: Films and Videotapes, Kunstmuseum Basel | Gegenwart, bis 15. Oktober. Zur Ausstellung erscheint ein Heft mit Texten von Tom Holert und Maja Naef.

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