Martin Zimmermann gehört einer gefährdeten Spezies an. Er ist Clown. Er selbst würde das zwar nie so sagen. «Ich werde nicht gerne schubladisiert. Was ich mache, bewegt sich irgendwo zwischen Tanz, Theater und Zirkus. Aber wenn ich es genau benennen könnte, würde ich wahrscheinlich aufhören zu arbeiten», entgegnet er. Zumindest aber ist der 48-Jährige ein Künstler, der die mythische Figur des Clowns neu denkt.

Heute Abend eröffnet er in der Kaserne Basel das neue Festival «Zirka Zirkus». Gemeinsam mit dem Station Circus und der Filature in Mulhouse bringt das Theaterhaus neuste Formen des zeitgenössischen Zirkus in die Region. Gezeigt werden Produktionen von aufstrebenden Gruppen wie Cie Ici’Bas und Klub Girko, von lokalen Künstlerinnen wie Nina Wey bis zum Nouveau Cirque du Vietnam oder dem Cirque Inextremiste aus Frankreich.

Auf dem Höhepunkt aufgehört

Zimmermann ist einer der weltweit renommiertesten Vertreter des zeitgenössischen Zirkus, und einer, der seit Beginn dieser Bewegung dabei ist. Nach einer Lehre als Dekorationsgestalter in Zürich absolvierte er das Centre national des arts du cirque (CNAC) im französischen Châlons-en-Champagne. Von der Schule weg wurde er für die Produktion «Le Cri du caméléon» engagiert. Ein Stück, das die Kooperation von Theaterleuten, Choreografen, Tänzern und Zirkusartisten mitbegründete. Nach acht Jahren in Frankreich kehrte Zimmermann in die Schweiz zurück.

Mit dem Kollektiv Metzger/Zimmermann/de Perrot kreierte er von Zürich aus drei Stücke, deren Mischung aus Zirkus, Theater und spektakulären Bühneninstallationen ein grosses Publikum begeisterte. Ab 2005 entwarf er mit dem Klangkünstler de Perrot fünf weitere Stücke. Die beiden eroberten mit ihren Produktionen die Theaterhäuser zwischen Paris, Sydney, New York und Barcelona. Das Unternehmen Zimmermann/de Perrot wuchs zu einem veritablen Schweizer Exportschlager und die Company zu einem Unternehmen mit 40 Mitarbeitern heran. Doch seit zwei Jahren treten die beiden Künstler nicht mehr gemeinsam auf. Wieso das?

«Wir hätten ewig so weitermachen und den Erfolg ausschlachten können», sagt Zimmermann. «Aber wir wären als Künstler nicht weitergekommen. Wir wollten uns nicht wiederholen, wollten eigene Wege gehen. So kam die Trennung für uns beide im richtigen Moment.»

Für ihn sei dieser Prozess längst abgeschlossen, erklärt Zimmermann. Die Konzentration auf die eigene künstlerische Handschrift hat sich bisher für beide ausgezeichnet. Dimitri de Perrot ist mit seinen experimentellen Klanginstallationen in Theaterhäusern und Museen zu Gast. Und auch Zimmermann tourt mit seinen Arbeiten europaweit. Sein Produktionsbüro habe alle Hände voll zu tun, er selbst sei viel auf Achse. Im Stück «Hallo» tritt der schlaksige Mann solo auf. In «Eins, Zwei, Drei» wirkt er als Regisseur hinter den Kulissen und begleitet die zehnköpfige Crew bei allen Gastspielen. «Meine Arbeiten sind nie fertig. Wir feilen während der Tournee laufend daran.»

Das Tourneeleben teilt er mit seiner Partnerin Eugénie Rebetez. Die Tänzerin und Choreografin ist mit ihren eigenen Stücken ebenfalls viel unterwegs. Zum gemeinsamen Sohn schauen beide abwechselnd. «Ja, wir sind eine Zirkusfamilie – und doch auch eine ganz normale Familie», sagt der Vater und lacht.

Ein Herz für die Anarchie

Aber zurück zum Clown. «Eins, Zwei, Drei», das Stück, das diese Tage in Basel gastiert, ist explizit dieser Figur gewidmet. «Mich beschäftigt die Frage, was ich mit ihm im Theater machen kann, schon seit 20 Jahren», erklärt Zimmermann. «Ich möchte den Clown neu zeichnen und für die Zukunft retten.» Seine Heroen dieser Zunft geraten langsam in Vergessenheit: Buster Keaton, Charlie Chaplin oder der Schweizer Grock.

Zimmermanns Herz schlägt für die Anarchie dieser Künstler, für ihr präzises Handwerk, für ihre Liebe zum Absurden und Vertrackten und für ihre tiefe Menschlichkeit. «Der Clown ist der echte Punk von heute», sagt er.

In «Eins, Zwei, Drei» tritt das klassische Clown-Trio auf. Der Weissclown (ein Bourgeois und Besserwisser), August, sein Knecht, und der Dritte, Contre-Pitre, der das Verhältnis der anderen durcheinanderbringt, wie ein Kind, das die Beziehung seiner Eltern auf den Kopf stellt. Gespielt werden die drei von den Tänzern Tarek Halaby und Romeu Runa und dem Artisten Dimitri Jourde. Kongenial begleitet vom Schweizer Jazzpianisten Colin Vallon.

«Es ist ein Geschenk, mit diesen Künstlern zusammenarbeiten zu können», sagt Zimmermann. Er hat für sie eine Bühne entworfen, auf der wie in all seinen Stücken Objekte eine zentrale Rolle spielen. Für den Artisten und Erfinder ist ein Stuhl auf der Bühne genauso wichtig wie ein Mensch. Sein Clowns-Trio stellt er in ein Museum. «Das Museum repräsentiert eine Welt, in der strikte Regeln gelten; so viele, dass sich die Kunst gar nicht entfalten kann», sagt Zimmermann. «Ein wirklicher Künstler kann in einem Museum nur deplatziert wirken.»

Der Weissclown ist in diesem Setting der allwissende Kurator, August der Techniker und Contre-Pitre der Künstler. Er habe im Kulturbetrieb während der letzten 20 Jahre mehr Weissclowns als wirkliche Künstler gesehen, erklärt der Regisseur seine Ortswahl für das spektakuläre Geschehen, das er inszeniert. Am Ende, so viel verrate er, breche diese Kunstwelt zusammen und die Figuren seien auf sich alleine gestellt.

«Eins, Zwei, Drei» eröffnet heute Abend das Festival «Zirka Zirkus» in der Kaserne Basel. Das ganze Programm unter www.kaserne-basel.ch