Literatur

Martin Walser: Noch einmal einen Haken schlagen

Nicht wichtigtuerisch, sondern charmant selbstironisch: Martin Walsers «Statt etwas oder Der letzte Rank».

Nicht wichtigtuerisch, sondern charmant selbstironisch: Martin Walsers «Statt etwas oder Der letzte Rank».

In «Statt etwas oder Der letzte Rank» schreibt sich Martin Walser virtuos von der Seele, was er zuletzt zu immer monströseren Kopfgeburten vor sich auftürmte.

Es ist noch nicht alles gesagt. Martin Walser, der im März 90 Jahre alt wird, hat noch eine Rechnung offen. Mit sich. Mit der Welt. Und der Nachwelt vor allem. Seinen letzten Romanen hat das geschadet. Das Nachlasspathos legte sich als prätentiöse Patina über verschwurbelte Wortungetüme.

Walser dozierte, als müsse er beweisen, was in ihm steckt. Über den Basler Theologen Karl Barth, über Kafka und über stets seltsam papierene Lieben. Walser, dieser einst so wunderbar feinfühlige, leichthändige Geschichtenerzähler verstieg sich immer tiefer in seinem intellektuellen Elfenbeinturm.

Und nun das. Mit «Statt etwas oder Der letzte Rank» legt er einen neuen Roman vor. Keine 200 Seiten stark. Der sperrige Titel verheisst nichts Gutes. Mit einem klassischen Roman hat das zwischen Aphorismen, Erzählungen, Anekdoten, Erinnerungen und Gedankenspielereien assoziativ mäandrierende Buch erneut kaum etwas gemein. Trotzdem ist diesmal etwas anders.

«Rank», zitiert Walser das Grimmsche Wörterbuch, bedeute «Wendung, Krümmung des Weges» oder auch «die Wendung, die der Verfolgte nimmt, um dem Verfolger zu entgehen». Es ist, als schlage der letzte lebende grosse deutsche Schriftsteller noch einmal einen entscheidenden Haken.

Ringen mit sich und der Welt

Was in «Muttersohn», «Das dreizehnte Kapitel», «Die Inszenierung» oder «Ein sterbender Mann» verkopft zusammengeschustert wirkte, fliesst plötzlich wie von alleine ineinander über. Ein Ich-Erzähler, der sich mal Otto, mal Bert, mal Memle nennt, fabuliert, räsoniert, fantasiert über sich und sein Leben. Manchmal auch in der dritten Person. Und natürlich könnte er auch Martin heissen.

Das Wichtigtuerische, Pompöse, das sich in seinen Büchern zuletzt verselbstständigte, fängt Walser diesmal mit ruhiger Hand ein. Er entblösst es mit charmanter Selbstironie und legt so frei, was ihn wie einen Besessenen immer weiterschreiben lässt.

Dieses zehrende, kafkaeske Gefühl des eigenen Ungenügens. Hier schreibt einer, der ringt, mit sich und der Welt, Erwartungen und Enttäuschungen: «Sie haben in mich Beobachter eingebaut. In der öffentlichen Welt heisst das Überwachungskamera. Dass sie in mich so etwas eingebaut haben, ist bildlich gemeint. Ich könnte nicht sagen, wer SIE sind und wie das vorstellbar sein soll: eingebaut. Aber ich werde beobachtet.»

Risikoreich aus der Deckung

Schon lange hat es in der an narzisstischen Nabelschauen und Befindlichkeitschoreografien nicht armen deutschen Literatur kein Werk mehr gegeben, das eine solche existenzielle Notwendigkeit verströmte. Als schriebe da einer um seine Seele. Es ist, als habe sich Walser endlich aus der Deckung gewagt. Dabei geht er ein hohes Risiko ein.

Es wäre ein Leichtes, seinen Roman als Lamenti eines gekränkten alten Mannes abzutun, der etwa die politische Kritik an seiner Rede in der Paulskirche 1998 oder die Verrisse des einstigen Kritikerpapstes Marcel Reich-Ranicki nie überwunden hat. Denn auch wenn der Ich-Erzähler eine fiktive Figur ist, schwingt Walsers Biografie deutlich hörbar mit: «Meine Fluchtversuche: Einbildungen! Meine Rettungsbewegungen: reine Lyrik.»

So gesehen, kehrt er diesmal zur Prosa zurück. Er liefert sich aus, stellt sich. Es wird persönlich. Es ist, als habe Martin Walser nun endlich den Roman geschrieben, an dem er seit Jahren vergeblich herumprobierte.

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