Literatur

Martin Suter im tiefen Sumpf des Finanzmarktes

Martin Suter liebt aktuelle Romanthemen. In «Montecristo» demontiert er den Finanzplatz Schweiz. Jiri Reiner

Martin Suter liebt aktuelle Romanthemen. In «Montecristo» demontiert er den Finanzplatz Schweiz. Jiri Reiner

Heute fällt die Sperrfrist für Martin Suters «Montecristo». Nun dürfen wir endlich schreiben, ob sich die Lektüre lohnt.

Es beginnt mit einem Zugunglück. Und doch harmlos. Jonas Brand ist Videojournalist, Single und leicht unzufrieden. Der Protagonist von Martin Suter wirkt unentschlossen und träumt mehr von seinen grossen Filmzielen, als dass er sie anpackt. Ein Durchschnittstyp. Doch dann will er seiner Putzfrau zweihundert Franken Lohn ins Kassaheft legen – und merkt: Die beiden Noten haben dieselbe Seriennummer. «Was konnte das bedeuten? Nur eines: eine von beiden war falsch.» Doch Brands Bankberater erachtet beide als echt. Sein Chef – anfänglich – auch.

Der Fund lässt Jonas Brand keine Ruhe und verändert nicht nur sein Leben, sondern reisst auch die Leserin von «Montecristo» in den Strudel einer gewaltigen Bankenverschwörung. Garniert mit Seitenhieben gegen das (vielleicht) korrupte Filmförderungssystem, mit einem Abgesang auf den engagierten Journalismus und einer (meist) schönen Liebesgeschichte.

Martin Suter zieht seinen Plot um zahlreiche Ecken, legt falsche und richtige Fährten für seine Leser und hält sie über 310 Seiten mit Hochspannung bei der Lektüre. Sein «Montecristo» erinnert an ein Intervall-Training von Leistungssportlern – mal geht es mit Volldampf los, mal schraubt der Autor das Tempo mit alltäglichen Episoden zurück. Suter schildert einfach zu gerne und gerne sehr ausführlich, wie die Leute angezogen sind, wie ihre Wohnung eingerichtet ist, wie sie kochen – und warum sie doch noch eine Büchse Bier aufmachen.

Die grosse Verschwörung

Der Sumpf des Finanzplatzes wird dabei immer tiefer. Entsprechend liest man «Montecristo» mit immer grösserem Erstaunen, streckt nur ab und an den Kopf aus dem Buch und fragt sich: Kann das sein? Dass ein Investmentbanker Milliarden verzockt, das kennen wir schon. Aber kann eine Bank einen Safe ohne den Besitzer öffnen? Nein, ausgeschlossen, versichert uns ein Spitzenbanker – und will namentlich doch nicht zitiert werden. Was wäre aber, wenn die Bank sich nur dadurch dem Untergang entziehen kann? Und trauen wir Banken in Rücklage gar schon Mord und Mordversuch zu? Oder wäre gar die ganz grosse Verschwörung aller Protagonisten auf dem Finanzplatz Schweiz denkbar?

Aktuell, aber wahr?

Wir zweifeln, uns grauts – und wir staunen darüber, wie Martin Suter es wie (fast) in jedem Roman schafft, aktuelle Themen aufzunehmen und sie angereichert mit Brisanz und Spannung zum Bestseller zu machen. Erinnert sei an den überhitzten Kunstmarkt mit Fälschungen in «Der letzte Weynfeldt», an Immigranten und ihre Verflechtungen beim tamilischen «Koch» oder ans Thema Demenz in «Small World».

Martin Suter dankt am Schluss des Romans namhaften Leuten aus der Finanzbranche für Ratschläge und das Prüfen seiner Geschichte. Ist es der Hinweis, dass sein abenteuerlicher Plot doch nicht so abenteuerlich weit ausserhalb des Möglichen liegt?

Wir fragten Peter Siegenthaler, den ehemaligen Direktor der Eidgenössischen Finanzverwaltung, einen der aufgeführten Experten. Er habe Martin Suters Plot auf Plausibilität hin gelesen, aber er werde sicher nicht verraten, was er mit Martin Suter besprochen habe, erklärt er am Telefon. Hängengeblieben sind uns aber zwei Bemerkungen des Mannes, der beim Bund die Fäden in der Bankenpolitik und beim Grounding der Swissair in den Händen hielt: «Wissen Sie, wenn man diese Geschichte liest, kommt sie einem vielleicht unwahrscheinlich vor. Aber hätten Sie sich vor zehn Jahren beispielsweise die Schlagzeilen vorstellen können, dass Banken ihre Devisenkurse und Leitzinssätze wie den Libor absprechen und damit manipulieren? Die Liste der in der Wirtschaftspresse der letzten Jahre publizierten strafrechtlich relevanten Handlungen einiger global tätigen Banken ist erschreckend lang.»

Wie sagt doch der Bundesfinanzchef Lukas Gobler, Peter Siegenthalers Pendant im Roman: «Stellen Sie sich vor, was los ist, wenn ruchbar wird, dass die Kontrollbehörde, die eigentlich unseren Finanzplatz beaufsichtigen sollte, davon gewusst hat. Und es vertuschte?» Wie Martin Suter den Finanzplatz Schweiz demontiert, sei nicht verraten. Nur so viel: Sie werden nach der Lektüre nicht nur Zweifel, sondern auch Gesprächsstoff haben.

Martin Suter Montecristo. Diogenes, 320 S., Fr. 32.90.

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