Martin Ruf war im Aargau eine feste Grösse im Kunstbetrieb. Bekannt war er vor allem mit seinen Objekten aus Holz, die zwischen naturhaften Formen und Abstraktion changierten, und die mit ihrer handwerklichen Schönheit faszinierten.

Doch eine gültige Retrospektive gab es nie, gezeigt hat der unermüdliche Schaffer meist nur einzelne Werkteile. Dieses Manko wurde nicht nur seinen Nachlassverwaltern Hans und Monika Böller bewusst. Deshalb gibt es nun auf ihre Initiative im Wettinger Gluri-Suter-Huus eine postume Retrospektive und die Vernissage zu einer über 200 Seiten starken Monografie. Fotos von Brigitt Lattmann zeichnen im Buch den Weg des Künstlers und Texte von Freunden und Weggefährten – von Otto Grimm über Klaus Merz, Ernst Halter, Ana Lang und Fridolin Stähelin bis zu Walter Labhart und Annelise Zwez – beleuchten einzelne Facetten des vielschichtigen Oeuvres.

Vom Schulwandbild zum Eigenen

Der Rundgang beginnt im oberen Stockwerk – mit der Frage der Besucherin: Ist das von Martin Ruf? Denn an der Stirnwand hängen zwei Clown-Bilder und als Auftakt wissenschaftlich anmutende Zeichnungen von Vögeln. Hans Böller lächelt und meint nur: «So hat er angefangen. Aus der Drossel mit Mistelzweig hat Martin Ruf ein Schulwandbild geschaffen. Er war ja Primarlehrer – dazu ein begnadeter Gärtner und er wusste viel über die Natur.» Zuerst war Martin Ruf aber Goldschmied – Zeichnungen des Lehrlings liegen mit Fotos von Reisen und von Kunst-am-Bau-Werken in einer Vitrine. Dann wurde Ruf Primarlehrer, später Zeichnungslehrer an der Neuen Kantonsschule Aarau. Und daneben – oder vor allem – Künstler.

Die Zeichnungen sind, abgesehen vom naturalistischen Frühwerk, surreale Fantastereien in leichten Pastellfarben. Wölkchen schweben auf einer der Miniaturen über eine gerasterte Fläche, hinter einem schwebenden Leintuch verbirgt sich eine Tanne, statt Bäume ragen nur dürre Stickel aus einer Schneelandschaft. Denn hinter verspielten Motiven, hinter zarten Farben verbergen sich oft düstere Themen – seien es die übermässigen Eingriffe des Menschen in die Natur, das Waldsterben oder Bedrohungen. Der «Staudamm» besteht lediglich aus einem weichen Hemdkragen, über einer Landschaft in der Schneeschmelze setzte Ruf den Titel «Erdflecken (kranke Landschaft)». «Wir haben die drei Räume nach Haltungen, nach Stimmungen geordnet», erklärt Rudolf Velhagen, der neue Leiter im Gluri-Suter-Huus. «Hier sind es das geistige Auge, die inneren Bilder.»

Mit 50 Jahren wandte sich Martin Ruf von den Zeichnungen ab und begann an seinen Objekten zu arbeiten. Holz war sein liebstes und häufigstes Material. Aus perfekt gearbeiteten Gitterstrukturen baute er augentäuscherische Reliefs und Hausformen, Holzplatten ritzte er ein, bemalte sie monochrom, und mit dem Laubsägeli schuf er dreidimensionale Bilder.

Ornamentale Schönheit

Er scheute sich auch in einer Zeit, als das Ornament und die pure Schönheit in der zeitgenössischen Kunst verpönt waren, nicht vor der Perfektion, nicht vor dem Ausreizen einer Ästhetik, die Form und Farbe vereinte. Wie grosse fernöstliche Lack-Schalen wirken zwei schwarz-rote Objekte, wie Blüten-Halme im Wind eine Gruppe dünner Holzstelen und wie geheimnisvolle Nüsse und Samen die braunen, kugeligen Gebilde. Und selbst die leichte weisse Wolke, die auf dem Galerienboden gelandet ist, schlug Ruf aus schwerem Holz.

Mit einem riesigen Kraftakt verarbeitete Martin Ruf nach dem Jahr 2000 – trotz sich bereits abzeichnender Krankheit – eine ganze Platane. Ein elegant geschwungener «Windfänger» aus einer Baumgabel oder eine aus dem mächtigen Stamm gehöhlte «Spange» mit malerischem blauem Innenleben zeugen vom Formsinn des Künstlers. Wie archaisch wirken dagegen die Köpfe, die er aus rostroten Herznacher Erzsteinen geschlagen hat, wie verspielt die Hausformen die als kleine geschliffene Details aus rohen Granit- und Marmor-Brocken wachsen. Es scheint, als habe Martin Ruf sich jedem Material angepasst, aus jedem das Beste herauslocken können – spielerisch, mit Fleiss und einem unterschwelligen Humor.

Martin Ruf Zeichnungen und Objekte aus dem Nachlass. Gluri-Suter-Huus, Wettingen, bis 15. Dezember.

Vernissage: So, 27. Oktober, 11 Uhr.

Buch: Martin Ruf. 1935–2011. 224 S., Fr. 50.–. Zu bestellen bei: he-boe@bluewin.ch