Das Bild ist 140 Meter lang und viereinhalb Meter hoch. Es umfasst den ganzen Ausstellungsraum im Neubau des Bündner Kunstmuseums. Grelle Fabelwesen, erigierte Penisse, ein gekentertes Boot, ein schwarzes Kriegsschiff, die blutrote Sonne und das Blut aus dem Körper eines Geköpften: Martins Disler zeichnet die «Umgebung der Liebe» als schwindelerregendes Schlachtfeld. Der Schweizer Künstler hat das Panorama 1981 im Württembergischen Kunstverein Stuttgart gemalt. In vier Nächten. Jede Nacht ein Bild von 35 Meter Länge. «Es ist eine Form, sich in totale Gefahr zu begeben», sagte der Künstler wenig später in einem Interview. Das Entscheidende in seinem Schaffen sei, jedes Mal neu anzufangen. Sonst hätte er sich ja auch ausbilden lassen können, sein Markenzeichen finden und darauf sitzen bleiben können, bis er stirbt.

34 Meter pro Nacht: Martin Disler während der ersten von vier Nächten in Stuttgart. Irene Grundel

34 Meter pro Nacht: Martin Disler während der ersten von vier Nächten in Stuttgart. Irene Grundel

Disler war Autodidakt. In den Achtzigerjahren wurde er zu einem Star der Schweizer Kunstszene, lebte und arbeitete bis zu seinem frühen Tod 1996 in Zürich, Paris, Samedan, New York und im Jura. Am 1. März wäre er 70 Jahre alt geworden. Er war jedoch einer derjenigen Künstler, die sich an ihr Werk total verschwendet haben, ohne Risiko auf Verluste. Ein später Romantiker, bei dem Leben und Arbeit verschmelzen. Auf diesem Weg begleitet hat ihn seine Ehefrau Irene Grundel. Sie war als Einzige in den vier Nächten in Stuttgart zugegen. Die holländische Künstlerin lebt heute in Dänemark und in der Schweiz und verwaltet Dislers Nachlass. Sie sagt: «Es ging immer darum, an die eigene Grenze zu gehen, oder darüber hinaus. Das ist auch gefährlich. Martin ist ja auch jung gestorben. Aber er hat in den 47 Jahren so gelebt, wie andere in 150.»

Sich selbst zu überfordern, gehörte zur Arbeitsweise Dislers. «Das hat schon etwas von Spitzensport», erklärt Irene Grundel. «Viele haben uns gefragt, ob wir in Stuttgart etwas genommen hätten, weil das Bild wirkt wie ein Trip.» Dem sei aber nicht so, im Gegenteil. Mit Drogen wäre so etwas gar nicht möglich.

Letzte Ausläufer der Bohème

Disler selbst liess sich nicht gerne kategorisieren. Der Kunstmarkt sah in ihm einen Vertreter der «Neuen Wilden». Künstler wie A. R. Penck, Siegfried Anzinger oder Martin Kippenberger reagierten mit ihrer subjektiven und rauschhaften Malerei auf die streng konzeptuelle Kunst der Siebzigerjahre. Sie zelebrierten die Befreiung von der Vorherrschaft des Intellekts und von bürgerlichen Normen. Exzessiv war nicht nur ihre Arbeits-, sondern auch ihre Lebensweise. Rückblickend erscheinen sie als letzte Ausläufer der Bohème. Ein Künstlertypus, der bald darauf von der Bildfläche verschwinden sollte. Im Vergleich zur Welt dieser glühenden und radikalen Kunstberserker wirkt die gegenwärtige Kunstszene eher wie eine perfekt designte Wohlfühloase. Was ist seither passiert?

Irene Grundel sagt: «In dieser Zeit herrschte ein Gefühl vor, dass man sich seine Freiheit erobern konnte. Im Vergleich dazu sehe ich heute vor allem viel Angst. Die ganze Sicht auf die Kunst hat sich verändert. Heute gibt es Kunsthochschulen wie Sand am Meer. Die Künstler sind alle akademisch gebildet, müssen schon im Vornherein definieren können, was sie machen, brauchen einen Lebenslauf, der zur Karriere passt. Bei Martin kam das alles aus einer ganz anderen Intuition. Er hat sich selbst als Medium gefühlt, wenn er malte.»

Dislers Witwe spricht eine Entwicklung an, die 1989 mit dem Mauerfall eingesetzt hat. Auf die wilden Achtziger folgte das Jahrzehnt der Ich-AG. Gerade die Künstler und die Exponenten der Kreativbranche waren Pioniere darin, als Einzelfirma den Spagat zwischen Kunst und Kommerz zu üben. Die passende Haltung dazu war die Ironie.

Gleichzeitig hat sich die Kunstwelt in einem Mass professionalisiert, wie es vor 40 Jahren kaum vorstellbar war. Ein Format wie die Zürcher Hochschule der Künste mit 2200 Studentinnen und Studenten wäre im bewegten Zürich der Achtziger wahrscheinlich als systemfreundliche Kreativfabrik mit Pflastersteinen beworfen worden.

Das Genie-Bild ist männlich

Die in Basel lebende Künstlerin Muda Mathis hat diese Entwicklung miterlebt. Ihre Frauenband Les Reines Prochaines hat den Geist des Punks in die Gegenwart gerettet. Als Performerin und Künstlerin kennt sie Markt und Szene. Als jahrelange Dozentin an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Basel, weiss sie, wie junge Künstlerinnen und Künstler heute arbeiten. «Das Einhergehen von Leben und Kunst wird von den Jungen immer noch gesucht. Aber heute sind andere Zeiten, vor allem wirtschaftlich», sagt die Sechzigjährige. «Wir konnten noch drauflosmachen, und wenn weniger als 300 Franken auf dem Konto waren, ging man einfach arbeiten. Arbeit und billige Wohnungen gab es genug.»

Angesprochen auf Disler und die «Neuen Wilden» sagt Mathis: «Dieses Bild des exzessiven Genies, das sich mit seiner Kunst verbrennt, ist ein sehr männliches Bild.» Die Frauen könnten sich solche Gesten gar nicht leisten, sagt sie. «Dieses unkontrolliert Exzessive ist im Moment nicht mehr so gefragt. Auch wegen der Genderdebatten. So naiv einfach loszuspritzen, ist wohl auch nicht mehr so erotisch.»

Aber auch wenn das Selbstverständnis der Künstlerinnen und Künstler sich gewandelt hat, sieht Mathis die Entwicklung der letzten Jahre kritisch: Durch die Professionalisierung gehe vieles verloren. So gut diese auch sei: «Wir bezahlen dafür einen hohen Preis. Die Arbeitsprozesse werden zwar schlank und effizient, aber es gibt weniger Raum, für überraschende Wendungen und Spontanes. Das ist für die Kunst nicht nur gut.»

Nicht tauglich für die Schule

Einer, der dem heiligen Ernst und der exzessiven Geste in der Kunst schon als junger Kunstkritiker skeptisch gegenüberstand, ist der heutige Verleger, Autor und Kabarettist Patrick Frey. Trotzdem war er mit dem «heilig ernsten» Disler eng befreundet. Im Katalog zur Ausstellung in Chur schreibt er: «Ich schätzte damals in der Kunst das Leichte, die Ironie und den Humor, die Pop-Attitüde und misstraute jedem Pathos. Aber bei Disler akzeptierte ich das alles, was ich sonst ablehnte.» Noch heute würde ihn regelmässig Misstrauen befallen, wenn Künstler mit ähnlichen Pathosformeln auftreten würden. Frey schrieb in seiner Kritik zur ersten grossen Einzelausstellung von Disler 1980 in der Kunsthalle Basel: «Ich wage nicht, an eine Disler-Schule zu denken.»

Das ist eine weitere Antwort auf die Frage, wieso dieser Künstler-Typus rar geworden ist: «Live fast, die young» ist zwar ein cooler Spruch für den Bandkeller, jedoch kein Konzept für den Bachelor an einer Kunsthochschule. Aber wer weiss? Kunstströmungen sind Wellenbewegungen. Das romantische Ideal des Genies, das sich mit dem Universum verbindet, hat grosse Strahlkraft. Vielleicht kehrt es ja bald wieder. Dann sicher nicht nur in männlicher Form.