Ein etwas lottriger Bahnhof, Unkraut auf dem Perron – bereits in Saint-Louis ist klar, dass man die Schweiz verlassen hat. Auch in Rouffach, dem Städtchen zwischen Mulhouse und Colmar, ist es nicht anders. Eine breit ausgebaute Landstrasse führt vom Bahnhof zur grossen, mittelalterlichen Kirche und den stattlichen Häusern – Zeugen vergangener Zeiten. Da und dort thront ein Storchennest auf einem alten Dachgiebel. Es riecht nach frisch vergorenem Wein. Man ist wirklich im Elsass angekommen. Was ist es, was die Identität eines Ortes, einer Landschaft und ihrer Bevölkerung ausmacht?

Mit solchen Fragen setzt sich der Basler Künstler Martin Chramosta in seiner aktuellen Arbeit auseinander. Wir stehen vor dem Lycée agricole. Es nieselt. Im Hintergrund klappern Störche. «Das Elsässische ist hier kaum mehr zu hören», sagt Chramosta. «Von meinen 20 Schülerinnen und Schülern hier am Lycée beherrschen nur noch zwei diesen Dialekt.» Chramosta wurde im letzten Herbst von der Kunsthalle Mulhouse mit einer «commande de Workshop» beauftragt. Zusammen mit Schülerinnen und Schülern des Lycée agricole sollte er ein neues Werk schaffen. «Ein solches Arbeitsformat bringt eine Gefahr mit sich», erklärt der Künstler: «Entweder man degradiert die Jugendlichen zu Handlangern oder man gewährt zu viel Freiheit und verliert die Autorschaft über das Entstehende.»

Martin Chramosta wurde von der Kunsthalle Mulhouse mit einer «commande de Workshop» mit 20 Schülern beauftragt.

Martin Chramosta wurde von der Kunsthalle Mulhouse mit einer «commande de Workshop» mit 20 Schülern beauftragt.

Schüler schaffen Archaisches

Den inspirierenden Impuls für das Projekt erhielt Chramosta bei einem seiner Streifzüge in der Gegend von Rouffach. «Ich entdeckte eine kleine Kapelle mit drei kopflosen Skulpturen.» Die drei Statuen aus dem 19. Jahrhundert gehören zu einer sogenannten Ölberggruppe mit Jesus und den schlafenden Jüngern; es ist unklar, warum sie beschädigt wurden. Die Jugendlichen aus dem Lycée agricole sammelten nun rund um die Kapelle Steine, Äste, Gräser und andere natürliche Materialien und gestalteten damit neue Köpfe für die Heiligen. Zudem erfanden sie Geschichten über das Schicksal dieser Figuren.

Es entstanden wilde Fratzen, maskenartige Köpfe, wie man sie etwa aus ethnografischen Museen kennt. «Ich habe gestaunt, die Jugendlichen haben etwas fast Archaisches hervorgebracht», sagt der Künstler: «Eine Referenz auf eine Urform, die eine fast unheimliche Wirkung hat.» Am Schluss des Workshops wurden die Köpfe in einer Prozession zur Kapelle zurückgetragen und im ehemaligen Ölberg der Kapelle der Witterung überlassen. «Sisch oals scho weg. On ne voit plus rien», meldete der Forstwart von Rouffach dem Künstler, etwas später am Abend bei der Einweihung von Chramostas Werk: Eine Installation und Kupferstiche, welche auf die neu geschaffenen Köpfe zurückgehen.

Teil der Installation ist auch ein Monitor; er zeigt die Jugendlichen, die ihre Texte in einer ihnen offensichtlich fremden Sprache rezitierten. Denn Chramosta liess die auf Französisch geschriebenen Kurzgeschichten ins Elsässische übersetzten und konfrontierte so die Jugendlichen mit dem regionalen Dialekt.

Elsässischer Dialekt ist bedroht

Ob ihn das grausame Zeitgeschehen in Syrien zu dieser Arbeit bewegt habe? Die geköpften Geiseln, die gesprengten Kulturstädten von Palmyra durch islamitische Terroristen? Diese Verbindung habe wohl eher unbewusst eine Rolle gespielt, erwidert Chramosta. «Sie ist mir erst durch die Reaktionen der Jugendlichen wirklich bewusst geworden.» Aber natürlich könne man die Arbeit in diesem Kontext sehen.

Es gehe ihm aber vor allem darum, auf den interessanten und gleichzeitig dramatischen Kulturverlust hier in der Region hinzuweisen. «Der elsässische Dialekt hat mit seiner Eigenart einen schweren Stand in der französischen Identität», argumentiert Chramosta. Dem Elsass ist mit dem Verschwinden dieser Sprache ein charakteristisches Ausdrucksmittel abhandengekommen. Ähnlich wie die Köpfe der Heiligen heute im Museum von Rouffach ausgestellt seien, losgelöst von ihren Sandsteinkörpern, friste der elsässische Dialekt im Rahmen von Folklore und Tourismus lediglich noch ein Schattendasein.