Was passiert, wenn zwei junge Menschen sich im Internet kennenlernen und in einen E-Mail-Verkehr einsteigen, in dem jeder die eigene Identität verändern kann? Der Basler Schriftsteller Rudolf Bussmann erzählt in seinem ersten E-Mail-Roman «Das andere Du» die Geschichte eines Versteckspiels.

Herr Bussmann, wie ist die Idee für diesen E-Mail-Roman entstanden?

Rudolf Bussmann: Ich sass im Zug und las einen Brief, einen herkömmlichen Brief aus Papier. Mir ist aufgefallen, dass es bei den heutigen E-Mails nicht mehr selbstverständlich ist, denjenigen zu kennen, der mit einem korrespondiert. Es ist möglich, dass die andere Person mir sagt, sie sei so und so – doch das stimmt gar nicht. Man kann die eigene Identität nach Belieben verändern. Da habe ich angefangen, über die Frage der Identität nachzudenken, der Identität dem Anderen gegenüber. Welche Identität habe ich jemand Anderem gegenüber? Das ist eine Frage, die wir uns auch im Alltag stellen können. Wie erscheine ich, wie will ich erscheinen? In der E-Mail kommt noch die Anonymität dazu. Auf der Strasse kann ich etwas vortäuschen, indem ich mich auf eine bestimmte Art und Weise kleide, aber letztlich bleibe ich identifizierbar. Beim E-Mail-Verkehr ist nichts fest, nichts verbindlich.

Das fasziniert Sie?

Ja. Was geschieht, wenn zwei Personen in einen E-Mail-Verkehr einsteigen und etwas vorgeben, was sie nicht sind? Ich habe begonnen zu schreiben, ohne zu wissen, wohin die Reise führt. Ich hatte natürlich eine Vorstellung, was die zwei Protagonisten Melanie und Alexis für Menschen sind und warum sie sich verstellen. Aber es war eine sehr vage Vorstellung. Ich habe mich von Brief zu Brief mit diesen Personen zusammen mitentwickelt.

Sie haben bisher vor allem Gedichte und Kurzprosa geschrieben. Was hat Sie nun dazu bewogen, einen längeren Prosatext zu schreiben?

Der neue Stoff drängte danach, ausgebreitet zu werden. Es war nicht nur das erste Mal, dass ich mich mit einem solchen Thema beschäftigt habe, sondern auch das erste Mal, dass ich mich für diese Form entschieden habe. Es war ein echtes Experiment zu sehen, ob es gelingt, mit nur zwei Stimmen ein ganzes Buch zu füllen, zwei Stimmen, die sich abwechslungsweise zu Wort melden. Dieses Risiko hat mich gereizt. Im Gegensatz zum Drama, wo auf der Bühne die Dialoge zwischen den Personen sehr rasch hin- und hergehen, ist es in E-Mails möglich, sich auszudehnen.

In «Das andere Du» spielen die zwei Protagonisten mit ihren Identitäten. Dabei wird die Wahrheit oft verschwiegen oder modifiziert.

Die beiden treiben ein sehr ernstes Spiel, das mit ihrer Biographie direkt zusammenhängt. Sie begeben sich in Figuren, die anders sind als sie, die etwas können, was die beiden Protagonisten selbst in ihrem Leben nicht gekonnt haben. Im Laufe des Buches legen Melanie und Alexis aber Stück für Stück ihre Kleider ab. Dieser Prozess ist mit zwei verschiedenen Gefühlen verbunden: Einerseits mit der Angst, der andere könnte mich nicht mehr akzeptieren. Andererseits mit der Befriedigung, dass ich endlich zu mir stehen kann und die Wahrheit über mich nicht mehr verbergen muss.

Wie viel von Ihnen steckt in Melanie und Alexis, den zwei Protagonisten?

Meine Biographie ist im Buch nicht wiederzufinden. Aber die zwei Protagonisten haben sehr viel von mir. Das war für mich eine Erleichterung: Ich konnte in diese selbst für mich fremden Personen einen Teil von mir hineingeben. Es handelt sich um zwei sehr verschiedene Figuren. Melanie ist lebenslustig, frech und forsch. Alexis, der Übersetzer, ist eher zurückhaltend, reflektierend, etwas depressiv. Das ist ein Spannungsfeld, das ich von mir kenne, das ich in mir trage.

Das Thema des Kennenlernens im Netz ist hochaktuell. Ist Ihr Buch auch eine Kritik an der Logik der Datingseiten?

Wenn ich mein Profil ins Netz stelle, mache ich ein Bild von mir für den anderen. Ein Bild, das in 99 Prozent der Fälle geschönt ist. Allerdings, im Gegensatz zum E-Mail-Verkehr, hat die Datingszene ein Ziel: Dem Anderen gegenüber mich besser zu machen, als ich bin, um auf dem Markt verkäuflich, in Anführungszeichen, zu sein. Natürlich kann man im Buch eine versteckte Kritik erkennen. Die Datingszene, die darin beschrieben wird, ist jedenfalls nicht frei erfunden, sondern beruht auf Gelesenem. Ich habe mehrere Bücher über Internet-Bekanntschaften gelesen. Was mich daran gereizt hat: Das Versteckspiel und die grosse Illusion, die dahinter steckt - die Illusion: Ich werde meinen Partner finden auf diese Weise. Tatsache ist, dass viele Dates, die wirklich stattfinden, mit einer grossen Enttäuschung enden. Und dennoch ist es eine berechtigte Illusion, die mit unserem tiefen Wunsch zu tun hat, jemanden zu treffen, der uns liebt und den wir lieben können.

Was für ein Gefühl haben Sie jetzt, da das Buch fertig ist?

In den zweieinhalb Jahren, die ich für das Schreiben gebraucht habe, hatte ich eine intensive Zeit mit Melanie und Alexis. Ich war wie der Dritte. Als das Lektorat vorbei war, musste ich mich von den beiden trennen. Es war einerseits schmerzhaft, weil sie mir ans Herz gewachsen sind. Auf der anderen Seite war es aber auch erleichternd, denn ich dachte: Jetzt habe ich ein Stück ihres Lebens erfasst.