Die Premiere hatte das Glück der Tüchtigen gepachtet, der Regen blieb aus, die dunkle Wolkendecke stabil. Die Bühne zeigt sogleich, wie das Stück interpretiert wird: Wir gehen zwei Jahrhunderte zurück, wir sind auf dem Lande. Wir lauschen dem Dudelsack und der alten Drehgeige. Wir sehen einen echten Hühnerstall mit gackernden Hühnern, einen Hasenstall mit Kaninchenattrappen, auf diesem thront ein abgewetzter Sessel. In diesem Sessel darf der überraschend auftauchende Gerichtsrat Walter von oben herab inspizieren. Ein Esel frisst Heu im Gerichtssaal, Richter Adams erhöhter Tisch hat ein Bein zu wenig, ein Stapel ungenutzter Justizbücher wird seine Prothese. Auch Richter Adam hat es mit den Beinen, er hinkt, er wird später mit Beelzebub in Verbindung gebracht.

Richter Adam wird entlarvt

Die Herrschaft von Richter Adam bricht zusammen. Bald merkt man, dass er in der Kammer war von der jungen Eve. Immer mehr muss Adam lügen und fantasieren, er stellt falsche Anschuldigungen in die Welt, er betreibt Urkundenfälschung, er droht allen, weil seine Angst wächst, dass sein Tun ans Tageslicht beziehungsweise in den Bericht des Gerichtsrats kommt. Schliesslich wird er entlarvt, mit Schimpf und Schande davongejagt. Aber die Justiz und die Oberen schützen sich auch selbst, Adam wird zwar suspendiert, aber es wird angedeutet, dass man auf eine Bestrafung verzichten wird.

Und Frau Rull muss anderswo für ihren zerbrochenen Krug Entschädigung einfordern. Dabei ist der Wert des Kruges mit seinen Bildgeschichten unersetzlich. Alle sind machtlos, wenn Bedeutungen zerstört werden. Frau Marthe Rull aber wird weiter kämpfen für ihre Sache. Das erinnert fast schon an Michael Kohlhaas.

Regisseur Danny Wehrmüller lässt das Lustspiel gelassen Lustspiel von früher sein, es lebt von der Situationskomik und vom Wissen der Zuschauer um die Wahrheit, in der sich Richter Adam immer mehr im eigenen Spinnennetz verfängt, je intensiver er strampelt. Es gelingt Wehrmüller, aus jedem Darsteller sein Optimum zu holen, auch ein wenig sich selbst zu spielen. Und das Ensemble spielt prächtig auf. Kleist würde sich freuen. Es ist eine Mauerschau, wie er es liebte: Richter Adam flüchtet über die fernen Felder von Muttenz. Und natürlich Blankverse: Peter Wyss wird zum vergelsterten Richter, sein Adam ist ein liebenswerter Kerl.

Wer vieles falsch in seinem Leben macht, kann trotzdem viel von Weisheit uns bezeugen. Die Rolle fliesset leicht ihm von den Lippen, Heinrich Kleistens Verse schaffen grossen Sog. Cornelia Soliva ist eine starke, trittfeste Frau Marthe Rull, die den Ernst ihrer Rolle erkannt hat und die Zuschauer damit ohne komödiantisches Zutun packen kann. So wohltuend engagiert für den Ernst ihrer Rolle spielt auch Livia Studer die begehrte Eve. Das Stück scheint vielleicht etwas in die Jahre gekommen, zu bald ist klar, worauf die Sache hinausläuft. Also arbeitet Danny Wehrmüller mit viel Situationskomik, ohne dass allzu viel Klamauk entsteht.

Von nebenan hört man die Musik aus einer Dorfbeiz, und der Turm von St. Arbogast darf ungestraft die Zeit schlagen. Die Rattenfänger halten das bestens aus. Der Regen kann warten.

Weitere Vorstellungen 24. August bis 10. September; jeweils Mittwoch bis Samstag, 20 Uhr; Theaterbeiz auf dem Kirchplatz offen ab 18.30 Uhr.

www.theatergruppe-rattenfaenger.ch