Politiker-Serie 4/20

Marianne Binder: Ein Stück von mir

Marianne Binder (60), Parteipräsidentin der CVP Aargau.

Marianne Binder (60), Parteipräsidentin der CVP Aargau.

Die Präsidentin der CVP Aargau, Marianne Binder, stellt den Familienroman ihrer Mutter Rosemarie Keller vor.

Das Hintergrundbild meines Handys zeigt das Hotel Rosenlaube auf einer Postkarte aus dem Jahre 1909. Der schöne Badener Jugendstilbau, er stand kaum länger als hundert Jahre, wurde kurz vor der Jahrtausendwende abgerissen. Bis heute hat mir niemand in der Stadt erklären können, weshalb. Leere Parkbänke auf einem bizarr aufgebockten Kiesplatz markieren die Lücke an der Bäderstrasse. Das Fundament mit den imposanten Kellergewölben ist erhalten geblieben, weil sonst der steile Hang in die Limmat rutscht. Was beweist: auch ein barbarischer Akt hat seine praktische Seite.

Meine Mutter, die Schriftstellerin Rosemarie Keller, ist in der «Rosenlaube» aufgewachsen und hat mit ihrem Familien- und Gesellschaftsroman «Die Wirtin» die kraftvolle Inszenierung einer 30-jährigen Zeitspanne geschaffen, welche kurz vor dem Krieg beginnt und mit dem frühen Tode ihrer Mutter, der Wirtin der «Rosenlaube», endet. Ich selbst war, als meine Grossmutter starb, fünf Jahre alt. Ich habe sie sehr vermisst. Mit ihr die «Rosenlaube». Der Roman lässt mir die Kulissen und die Räume meiner frühen Kindheit offen, belebt mit Menschen, die mir auch aus den Erzählungen meiner Mutter vertraut sind.

Die Rosenlaube.

Die Rosenlaube.

So das Ensemble des St. Galler Stadttheaters, welches seine Sommerresidenz in Baden hatte und in der «Rosenlaube» verkehrte, jüdische Kriegsflüchtlinge, eine Frau war im Haus versteckt, für die anderen bürgte die Wirtin, sie sei allesamt mit ihnen verwandt, um ihr Bleiben zu erwirken. Ein Beamter aus Aarau, der so tat, als glaubte er ihr. Des Weiteren internierte polnische Offiziere, Schweizer Soldaten, Angestellte der BBC, Patienten der Klinik Freihof, Stammgäste aus der Badener Gesellschaft, die Besitzerfamilie des Hotels, die Köchin, die Angestellten, die weitläufige Verwandtschaft mit Eigentümlichkeiten, welche man auch an sich selbst entdeckt, meine Mutter und ihre ältere Schwester, der kurz nach der Geburt meiner Mutter verstorbene Vater, der durch seine Abwesenheit umso anwesender ist. Und zum Finale tritt auch noch mein Vater auf, der Badener Kadettenhauptmann, der neben vielem mit einer Frisur wie James Dean und mit Trakl-Rezitationen Eindruck machte.

Mitten im imposanten Stück und in der starken Hauptrolle die junge, alleinstehende, weil früh verwitwete, emanzipierte, lebensvolle und mutige Gastgeberin der «Rosenlaube», die ab und zu miserabel träumte. Dann nämlich, wenn wieder einmal einer im Restaurant drohte: «Passen Sie nur auf mit ihrem Haus voller Juden!» Worauf sie resolut erwiderte: «Das sind Gäste wie Sie!» Aber im Schlaf traten ihr trotzdem im Horrormultipack Hitler, Goebbels und Göring aus einem Wäscheschrank entgegen, wo sie das wüste Treiben glasklar erfasst hatten. «Wir wissen, was hier läuft,» schnarrt Adolf Hitler, «aber bei Ihnen, Frau Wirtin, machen wir für einmal eine Ausnahme.» Selbst die Albträume meiner schönen Grossmutter hatten eine zuversichtliche Note.

Von der Geschichte eingeholt

Der Familienroman erschien 1996. Kurz darauf war auch seine politische Dimension evident. Ausgelöst durch den höchst fragwürdigen Umgang von Schweizer Banken mit nachrichtenlosen jüdischen Vermögen, befanden wir uns auf einmal in einer Grundsatzdebatte über das Verhältnis zu Nazideutschland, welches uns auf schmerzvolle Weise zwang, unser Geschichtsbild zu überarbeiten. Die Aktivdienstgeneration, die mitten im europäischen Hexenkessel ihre Pflichten für die Schweiz mit vielen Entbehrungen und grossen Verdiensten leistete, fühlte sich verständlicherweise betroffen.

Die Zivilbevölkerung bewies eben auch unglaublich viel Courage. «Die Wirtin» war nicht die einzige. 1998, an einem Schweizer Anlass in Baden, welcher der Aufarbeitung der Kriegsjahre galt, sagte meine Mutter in ihrer Rede, dass ebenso legitim wie die Aufarbeitung des Negativen diejenige des Positiven sein müsse. Beide leisteten einen Beitrag zur geschichtlichen Gerechtigkeit. Diese Suche nach Gerechtigkeit hat mich geprägt. Und wenn heute die Monster des Antisemitismus jedwelcher Provenienz wieder aus ihren Löchern kriechen, wird das Bewusstsein des «Nie wieder» für mich drängender als je. Meine Mutter hat ein wichtiges Stück Literatur und Zeitgeschichte geschaffen. Ein Stück auch von mir.

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