In ihrem Atelier bekommt man’s mit Farbe zu tun. Das braucht nicht zu verwundern bei einer Künstlerin, die sich ganz der Malerei verschrieben hat. Und doch: Farbe ist hier mehr als die oberste Schicht von Bildern. Farben sind Charaktere. Ihr Temperament zeigt sich in der Art und Weise, wie sich ein Pigment mit Öl verbindet oder welchem Malgrund es sich widersetzt. Ob das pastose Material unter dem Druck eines Spachtels glatte Bahnen zieht oder ob es reisst wie eine Folie, Schuppen bildet und den Kontrast zum Untergrund sichtbar hält. Mit überraschenden Reaktionen zwischen Farbe und Grund hat Maria Magdalena Z’Graggen zu schaffen, wenn sie zu neuen Bildern ansetzt.

«Ich plane – und dann kommt’s anders.» Sie sagt das mit Blick auf ihr zuletzt vollendetes Bild: Drei Ovale schweben auf einem ins Ocker tendierenden Gelb. Und sie sagt es so, als hätte sie längst anerkannt, dass Material und Form die Oberhand behalten. Als könnte sie, auch wenn sie mit aller Sorgfalt ans Werk geht, den grenzenlosen Möglichkeiten nur ein Quäntchen an eigener Absicht mitgeben. Denn wenn die Vorstellung klar, die Farbe gemischt und die Tafel grundiert sind, wird zuletzt doch alles davon abhängen, dem Augenblick Geltung zu verschaffen: «Beim Malen kommt es immer aufs Schauen an. Ideen sind gut, aber sie verstellen die Sicht auf die tatsächlichen Möglichkeiten.»

«Malerei ist wie eine Bergtour»

Als sich Maria Magdalena Z’Graggen für die Malerei entschied, stand diese im Schatten neuerer Medien. «Es gab Leute, die staunten, dass ich überhaupt male. Wo aber, wenn nicht in der Kunst, muss die Freiheit gewahrt bleiben?» Von den Erwartungen an ihre jeweilige Generation kann und will sich Kunst nicht leiten lassen. Die Welt ist zu gross, zu aufregend und zu reich an Sprachen und Mentalitäten, um auch Z’Graggens Malerei dogmatisch in Schranken zu halten. Während ausgedehnten Auslandaufenthalten – in New York, New Mexico, Havanna, zuletzt in Buenos Aires – relativiert die Umgebung das Bekannte. Und die Bildsprache nimmt Texturen und Stimmungen der jeweiligen Klimazone auf. «Malerei ist ein Ort der Reflexion und meine Möglichkeit, Erlebtes zu verwandeln und darüber einen Dialog anzubieten.»

Seit sie 1996 die Schule für Gestaltung (heute: Hochschule für Gestaltung und Kunst) verliess, pendelt Z’Graggen zwischen künstlerischen Phasen, die das Flüssige des Aquarells bevorzugen und Werkgruppen in der widerständigeren Ölmalerei. Manchmal jongliert sie mit Schablonen aus Papier oder nutzt ein Bild als Zielscheibe für farbgetränkte Wattebäusche. Dann wieder zieht sie den Spachtel durch eine Farbschicht auf Holz. Das verlangt höchste Konzentration, das Öl verzeiht keinen Ausrutscher: «Malerei ist wie eine Bergbesteigung: Ein kleiner Schritt daneben, und das ganze Bild ist kaputt.»

So war auch die jüngste Serie, die ab Sonntag in der Kunsthalle zu sehen sein wird, das Ergebnis von Gratwanderungen. Der Titel «TERRA» weist in zwei Richtungen: Er meint Boden oder Erde, kann im Englischen aber auch die von sanfter Farbe umspielten Hochebenen von Mond und Planeten bezeichnen. Solche Beweglichkeit der Sprache kommt Z’Graggen entgegen. «Nichts ist eindeutig.» Und so meidet die Künstlerin auch das Wort Abstraktion. «Abstraktion geht von einem Gegensatz aus zur sichtbaren Welt. Das Ungegenständliche ist mir lieber, weil es eine Ahnung von Dingen beibehält.»

Mineralien führen keine Kriege

Mehrere Farben ziehen eine kreisende Spur in die weisse Fläche. Senkrecht wie Wasser stürzen Bänder über ein kühles, blaues Feld. Zum ersten Mal ist einer Werkgruppe nicht allein die Erfahrung mit Leuchtkraft, Temperatur und Konsistenz eingeschrieben. Untergründig ist auch die Wahrnehmung der politischen Gegenwart in die Bilder eingedrungen. Z’Graggen befasst sich damit, dass die Länder und Regionen der Welt einem gemeinsamen Boden angehören. «Mineralien proben keinen Aufstand und führen schon gar nicht Kriege.» Malerei stiftet vielmehr Begegnungen zwischen Pigmenten aus New Mexiko und Zypern oder kombiniert Mineralien isländischer Herkunft mit russischer Jade.

Isabel Zürcher war Mitautorin der Monografie über Maria Magdalena Z’Graggen, die im Verlag für moderne Kunst erscheint. «Luminous Flux». Buchvernissage: Freitag, 30. September in der Anne- Mosseri-Marlio-Galerie in Basel sowie am 22. Oktober von 13 bis 16 Uhr in New York in der Galerie 11R. Z’Graggens Werke sind zudem noch bis 2. Oktober in der Kunsthalle Basel zu sehen.