Christian Spuck

«Manchmal würde ich lieber ‹Tatort› schauen als zum 16. Mal mein Ballett»

Ballett-Direktor Christian Spuck.

Ballett-Direktor Christian Spuck.

Ballett-Direktor Christian Spuck (49) vom Opernhaus Zürich erklärt, weshalb er sich auch als Schauspiellehrer sieht und welche Zeit ihn geprägt hat.

Ich muss Sie nicht fragen, wo Sie gestern Abend waren ...

... wenn das Ballett Zürich Vorstellung hat, bin ich da. Immer. Wenn ich nicht da bin, bin ich irgendwo anders beruflich unterwegs.

Sind Sie Kontrollfreak oder Coach?

Das ist mein Beruf.

24 Stunden am Tag?

Mein Beruf heisst Direktor. Ich habe das Privileg, das Ballett Zürich zu leiten. Und dazu muss ich wissen, was es macht. Ich würde es auch gar nicht aushalten, zu Hause zu sitzen. Obwohl ich manchmal lieber den «Tatort» anschauen würde, als zum 16. Mal mein eigenes Ballett. Aber sobald man nicht mehr hingeht – es läuft ja, die Auslastung ist bei 98 Prozent –, in dem Moment stirbt es.

Sie sind quasi das Herzstück?

Das Herzstück sind die Tänzer. Aber ich bin der Kapitän, der das Schiff steuert. Wenn das Opernhaus voll ist, alle darüber reden, ist für mich klar: Ich muss die Kunstform vorantreiben und Sachen ausprobieren. Gerade weil wir ein tolles Publikum haben, das uns folgt.

Das Publikum sagt immer wieder, ihm gefalle, dass es modern ist.

Der Grossteil der Bevölkerung denkt noch immer in Klischees: Ballett ist Schwanensee, Ballett sind Jungs in Strumpfhosen. Irgendwie ist es uns gemeinsam mit den Menschen in Zürich gelungen, dieses Denken aufzubrechen.

Nicht nur das. Die Auslastung ist hervorragend.

Vor den Premieren sind wir gut verkauft. Nach der Premiere restlos ausverkauft. Das sagt mir: In Zürich funktioniert vieles über Mundpropaganda. Oft müssen wir zusätzliche Stuhlreihen aufstellen oder Zusatzvorstellungen geben.

Zürich ist im Ballettfieber. Warum?

Ich beobachte genau, was auf der Welt passiert. Und zeige Werke anderer Choreografen, die wichtig waren und spannend sind. Viele neue Stücke. Ich glaube, das Publikum hat Spass daran, Uraufführungen zu sehen.

Es geht auch um Ihre Choreografien. Die sind ein Quantensprung gegenüber früher.

Das grösste Kompliment ist, wenn Zuschauer sagen: Herr Spuck, eigentlich mag ich kein Ballett, aber heute Abend hat es mich berührt.

Vielleicht, weil Ihre Tänzer grossartige Schauspieler sind. Nimmt die Compagnie Schauspielunterricht?

Nein, ich bin der Schauspiellehrer (lacht). Das traditionelle Ballett liebt Gut und Böse. Schwanensee ist Gut und Böse. Dabei wird es erst interessant, wenn die Figuren nicht greifbar sind. Zum Beispiel Anna Karenina. Man hat eine Sympathie für sie, weil sie ihre Liebe leben möchte, aber man hat auch eine Antipathie, weil sie ihren Sohn aufgibt. Diesen Kosmos will ich darstellen.

Ballett ist doch der Inbegriff von schönem Tanz?

Natürlich. Aber es gibt einen Unterschied zwischen Schönheit, die Tiefe vermittelt, und einer, die nur Oberfläche ist. Ich bin an einer Ästhetik interessiert, die Fragen aufwirft. Darum steht bei uns immer die Frage im Raum: Warum? Das deklinieren wir durch, bis hinunter zu einer Handvoll Schneeflocken im «Nussknacker» – und da fragen wir uns auch noch: Warum so und nicht anders? Das hat mit meiner Kindheit zu tun. Meine Jugend waren die 1980er- und 1990er-Jahre. Da wurden viele Fragen gestellt, da ist vieles aufgebrochen. Anders als heute, wo ein viel höherer Sättigungsgrad ist, weil alles abrufbar ist.

Damit scheinen Sie den Nerv des Publikums zu treffen.

Zu unserem Erfolg trägt wahrscheinlich bei, dass wir anspruchsvollen Tanz nutzen, um etwas zu erzählen. Ich will auch kein Ensemble von Tänzern, sondern von Künstlern, die etwas ausdrücken wollen. Es hat fünf Jahre gedauert, bis ich das Ensemble so weit hatte, wie ich mir das gewünscht habe.

Sie verbinden Schönheit, opulente Kostüme, eine Geschichte und echten Ausdruck. Streben Sie wie Wagner nach dem Gesamtkunstwerk?

Das Wort Gesamtkunstwerk finde ich furchtbar wegen der ideologischen Verankerung. Davon halte ich mich fern. Mir ist es am liebsten, wenn man irgendwie berührt ist. Man hat geweint oder gelacht, ist begeistert, schimpft über uns oder greift ins Bücherregal und liest die Geschichte nochmals. Dann ist die Aufgabe erfüllt. Aber wenn man drinsitzt – hach, ist das schön – und stellt keine Fragen, dann kann ich mich zu Hause auch vom Fernseher berieseln lassen.

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