Am 24. Oktober 1954 stieg ein Dank aus dem Bergell zum Himmel auf. Das Kirchturmgeläut im ganzen Tal gab Antwort aufs «Ja» zum Millionenkredit, mit dem Zürichs städtische Elektrizitätswerke eine Staumauer ins südliche Seitental spannen würden. Einen unberechenbaren Sturzbach sollte die EWZ fassen und mit dem Gewinn von Energie auf lange Sicht Arbeitsplätze sichern. Erst 2016 ist die Werkseilbahn des Unternehmens revidiert und mit einer schlichten architektonischen Hülle versehen worden. «Tiramisù, Lascamilì, Buttamigiù» strahlt als handschriftliche Neonspur über dem Durchgang zur Gondel («zieh mich hoch, lass mich dort, wirf mich hinunter»). Judith Albert formuliert hier einen Segen, wie er den Eingang traditioneller Häuser im Tal auszeichnet: Schutzgebet, Alpsegen und Orakel in einem, umspielt die Schrift vor der Höhenfahrt fast zärtlich Reiz und Risiken der Gebirgslandschaft.

Listige Brandstiftung

Es sind diskrete Werke, die im Rahmen von «Arte Albigna» von der Talstation bei Pranzaira bis weit über die Waldgrenze Lokalgeschichte in Erinnerung rufen oder Fährten legen zu Fiktion und Eigensinn der Topografie im Albignatal. Jürg Stäubles Halbkugel aus Styropor schwebt als glatte Linse auf dem graugrünen See – und kontrastiert wundersam die schroffen Hänge rundum. Entlang der Wanderroute sind gegen hundert identisch flackernde Feuerchen entfacht. Ungeachtet der Witterung spielt das Künstlerduo Haus am Gern als listige Brandstifter mit dem Brauchtum von 1.-August-Feiern wie mit dem Accessoire der Flamme im windstillen Balkonien.

Über der EWZ-Staumauer flackert die archaischste Energie: Das Feuer.

Über der EWZ-Staumauer flackert die archaischste Energie: Das Feuer.

Seien wir ehrlich: Die Natur ist auf Kunst nicht angewiesen – schon gar nicht am Berg, wo Gewitterwolkentürme jedes künstlerische Tun in den Schatten stellen und der bewaldete Schlund unter der Gondel Blick und Fantasie schonungslos in die Tiefe zieht. Die Landschaft selbst bildet hier ihre heroischen Kulissen aus. Keine neue Land Art wollten die Verantwortlichen im Bergell initiieren und auch nicht den Skulpturbegriff neu erfinden. Für die Auswahl der 13 Künstlerinnen und Künstler ausschlaggebend war deren Bereitschaft, sich auf die Begebenheiten rund um den Albignasee einzulassen und mit gezielten Interventionen der Erzählung dieses Orts neuen Stoff zuzuführen. Roman Signer habe nicht lange studieren müssen, meinte die Kuratorin Céline Gaillard: Die irrwitzige Vision seines Piaggio an der Staumauer habe er bereits bei der ersten Begehung vor sich gesehen. Wie der dreirädrige Kleintransporter nun Senkblei und Spielzeug, Nostalgie und Gefährdung vereint, prägt sich auch dem grössten Bergmuffel ins Gedächtnis ein.

Schöpfungsakt und Hexenküsse

Pipilotti Rist hat die Göttertochter Elektra in der SAC-Hütte angesiedelt. In einer ungenutzten WC-Kabine streichelt die Künstlerin einen baumelnden Stein mit der Videoprojektion bewegter Wolken, Vulkaneruptionen und dem mythisch-erotischen Augenblick erster Erkenntnis. Was einen gewöhnlichen Ausstellungsraum vielleicht mit einem Kitschverdacht belegen möchte, begrüsst man angesichts des geologischen Zeitalters rundum als konzentrierten Schöpfungsakt. Dem Bündner Künstler Reto Rigassi geht die Hexenverfolgung im südlichsten Bündnerland bis heute ans Herz. Er weiss, dass der Kohlestaub von Industrie und Eisenbahn früh die Gletscher eindunkelte. Er kreuzt die Klage von Mensch und Natur mit Asche, Absinth und Eiweiss, um seine lokal produzierten Hexenküsse anzubieten.

Liebevoll bewirtet, kann man sich übrigens in der Albigna-Hütte auf 2336 Höhenmetern bei hausgemachten Spezialitäten vom etwa 40-minütigen Aufstieg erholen oder «Hotel Helvetia» ausbreiten: Yves Mettlers Spielteppich lädt zur gruppendynamischen Zusammenkunft ein – und zum Nachdenken über die Rolle der Schweiz im internationalen Zahlungsverkehr. Isabelle Krieg hat sich in einem ehemaligen Hirtenunterstand eingerichtet. Ihr hochalpiner «Salon» ist mit einer dicken Schicht kleiner, bunter Filzbällchen ausgepolstert. Hergestellt von Frauenhand in Nepal, ruft die fröhliche Isolation einen Rohstoff in Erinnerung, dessen Marktwert bei uns längst eingebrochen ist.

Es klingen auch wieder Glocken hoch über dem Tal: Manfred Alois Mayr setzt mit einem Glockenspiel auf der mächtigen Mauer den Arbeitern der 1950er-Jahre wie jenen von heute ein Denkmal auf Zeit. Und wenn die Hämmer auf die Stahlrohre treffen, ahnt man, dass auch dem heiligsten Geläut der Widerstand und das Einverständnis der Natur vorausgegangen sind.

Arte Albigna bis 30. September. Die ortspezifische Kunstwanderung setzt gutes Schuhwerk voraus. www.arte-albigna.ch