Keiner hat es ihnen gesagt. Wie Presswehen wirklich sind; keiner, wie unendlich der Rundlauf aus Wickeln, Wiegen, Waschen – und schon gar niemand, wie zermürbend das permanente «Dudi-dudi-du» und «Gugus Dada» – sprich: 18-Stunden-Arbeitstage ohne ein einziges Wort, das es auch nur annähernd in den Duden schaffen würde. Kurz: Mit der Geburt ihrer Kinder kommen auch Barbara, Linda, Alison, Robin und Deborah auf die Welt. Und zwar so richtig.

Willkommen im Club der halbtoten Mütter. Von deren Alltag handelt die Show «Traumfrau Mutter», wobei man die Traumfrau im Titel auch ersatzlos streichen könnte. Denn auf der minimalistisch-multifunktionalen Bühne geht es rund zwei Stunden lang um Mutterschaft, Mutterschaft und nochmals Mutterschaft. Als kunterbuntes Tutti Frutti (Kostüme: Kathrin Kündig) gibt die populäre Unterhaltungsshow Einblick in das Leben von fünf unterschiedlichen Müttern, die irgendwie trotzdem alle im selben Boot sitzen.

Die ganze Mutter-Palette

Da ist die einsame Aufsteiger-Gattin Linda (Rahel Fischer) mit Mamagressionen, oder eine studierte Pädagogin namens Barbara (Bigna Körner), die ihr Wissen im Reality-Check dahinschmelzen sieht, wie Himbeereis an der Sonne. Mit von der Partie sind die toughe Alleinerziehende Robin (Nicole Steiner) sowie die ehemals urbane Kulturista Deborah (Oriana Schrage), die durch die Geburt zum urchigen Muttertier mutierte. Das Quintett wird abgerundet von der tiefenerschöpften Alison, welche von Wanda Wylowa («Seitentriebe») gespielt wird: «Oooh, es Bänkli. Söll ich’s wage, da ane z’sitze? Aber wänn ich da ane sitze, dänn stahn ich nie meh uf.»

Als vokales Quintett mit Spielzeuginstrumenten singen die fünf Frauen die maternale Playlist rauf und runter mit Hits wie «Mamma Mia», «Girls wanna have fun» oder «La Le Lu». Dazwischen wird der Alltag aller fünf Mütter durchdekliniert – angefangen mit der esoterischen Gschpürsch-mi-Gemeinschaft aller Mütter, von der Robin berichtet: «Mütter erkennen einander sofort. Man geht also nach dem Sex auf die Strasse und schon schaut eine Mutter mit diesem Blick. Da kann man sich den Pipi-Test gleich sparen.» Bis hin zur Tragikomödie namens «Die Leiden der jungen Mutter». Barbara: «Gestern habe ich Tränen als Erziehungs-Druckmittel eingesetzt.» Befreundete Mutter: «Sei doch froh, dass es funktioniert.» Barbara: «Ich schäme mich aber.» Befreundete Mutter: «Ach was. Ich kenne eine noch wirksamere Methode, die garantiert funktioniert: Totstellen.»

Penis-Männer

Die populäre kanadische Unterhaltungs-Show feierte 2006 in der Schweiz Premiere, tourte 2010 als Dialektfassung durch die Deutschschweiz und wurde im Zuge von #MeToo 2018 stark überarbeitet (Regie und Buchneubearbeitung: Deborah Neininger). 70 000 Mütter haben «Traumfrau Mutter» gesehen. Daneben ein paar Väter. Auch auf der Bühne glänzen die Männer durch Abwesenheit. Wenn sie doch mal auftauchen, dann geistern sie als mannshohe Penisse durch das tägliche Bootcamp der Mütter – stets bereit, im falschesten Augenblick zuzuschlagen. Mutter: «Hey, siehst du nicht, dass ich gerade am Putzen bin? Wie kommst du überhaupt auf die Idee, Sex zu haben?» Penis: «Du hast dich gebückt.» Mutter: «Ich hätte Mamas Rat beherzigen sollen: Nie bücken. Immer schön mit den Knien in die Hocke gehen.» Dieser Dialog sowie ein insgesamt dreimal wiederholter Flitzer von Barbara (das erste Mal lustig, das zweite Mal running gag, das dritte Mal definitiv zu viel) markiert die Talsohle des Niveaus.

Doch auch wenn die Show dick und plakativ aufträgt, sind die fünf Schauspielerinnen sympathisch-authentisch (sie sind alle selbst Mütter) und die dargestellten Episoden nie ohne Hand und Fuss. Das omnipräsente Lachen und Schenkelklopfen im Saal bestätigen die Vermutung, dass zahlreiche Szenen im Leben der fünf Bühnenfrauen auch Szenen aus dem Leben der Zuschauerinnen sind. Als Mutter hat man also ob der permanenten Déjà vue gut lachen. Kinderlosen muss das bunte und teilweise absurde Treiben auf der Bühne allerdings unverständlicher erscheinen als japanisches No-Theater.

Nächste Aufführungen: Suhr, Zentrum Bärenmatte, 20.–26. 4.; Bern, Theater National: 27. 4.–5. 5. www.traumfrau-mutter.ch