Roman
Malerei, an der sich schon Le Corbusier die Finger verbrannte: Wie geht Schriftsteller Lukas Hartmann damit um?

Der Westschweizer Maler Louis Soutter provozierte zu seiner Zeit Kopfschütteln. In «Schattentanz» nimmt Schriftsteller Lukas Hartmann die Perspektive Le Corbusiers ein, Soutters Cousin – und verbrennt sich wie dieser die Finger.

Bettina Kugler
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Das Bild «Souplesse» von Louis Soutter.

Das Bild «Souplesse» von Louis Soutter.

Bild: Musée Cantonal Des Beaux-Arts De Lausanne

Etwas Wildes, Beängstigendes liegt in den Bildern Louis Soutters. Die Glut einer irritierenden Genialität glimmt auf zwischen groben Figuren mit überlangen, ausgestreckten Armen und gespreizten Riesenfingern, die ins Leere greifen. Zwischen schattenhaften Totentänzern, verzweifelt Lebenshungrigen. Das ahnen nicht nur jene, die in den Jahren zwischen 1923 und 1942 im Armeleutealtersheim Ballaigues verständnislos den Kopf schütteln über Soutters «Schmierereien». Jene, die sich verschreckt abwenden oder die Blätter gar zum Anheizen verwenden.

Einer, der früh die einzigartige Ausdruckskraft des Sonderlings und Künstlers Soutter erkennt, bekommt die stille Naturgewalt von dessen Bildern geradezu handgreiflich zu spüren – so erzählt es Lukas Hartmann auf den letzten Seiten seines neuen Romans «Schattentanz», einem Porträt des Künstlers in 33 Annäherungen aus verschiedenen Perspektiven: Es ist Soutters Cousin Charles-Edouard, besser bekannt als Architekt Le Corbusier.

Louis Soutter.

Louis Soutter.

Bild: Key

Ende Februar 1942 wird er nach Ballaigues gerufen, um den «Nachlass» des verstorbenen Verwandten zu sichten: Berge von Blättern, in der kargen Kammer aufgeschichtet, in welcher Louis Soutter mehr als zwanzig Jahre lang hauste und seine Bilder schuf. Erst Feingestricheltes, dann Malereien, die ihm direkt aus den Fingern strömten, gemalt «mit Tinte und Blut», wie Hermann Hesse später in einem Soutter gewidmeten Gedicht schreiben wird. Eine Provokation für Le Corbusier, der sich selbst als «Mann der reinen Linie, der klaren Proportionen» sieht.

Autor Lukas Hartmann blickt durch die Optik Le Corbusiers

Unter den unzähligen Blättern sticht ihm eines besonders ins Auge, «Avant le massacre», entstanden am 1.September 1939: eine Schreckensvision des bevorstehenden Weltkriegs. Der sonst so nüchterne Cousin betrachtet es ebenso fasziniert wie erschüttert, legt es dann aber beiseite und hat «beinahe das Gefühl, meine Fingerspitzen daran verbrannt zu haben». Die stärksten der Bilder kann Le Corbusier nicht ruhig anschauen, erst recht nicht behalten; sie verfolgen ihn in seine Träume.

Damit schliesst sich ein Kreis in «Schattentanz». Bereits im ersten Kapitel erteilt Lukas Hartmann dem Architekten das Wort, blickt durch die Brille Le Corbusiers auf die Kunst Louis Soutters: So gebannt, wie er selbst, Autor mit Vorliebe für Künstlerromane und historische Stoffe, in der grossen Soutter-Retrospektive 2002 im Kunstmuseum Basel vor den Bildern stand. Im Nachwort spricht Hartmann von einem «Offenbarungserlebnis», das er damals hatte. Jahre der Spurensuche und Lektüre begannen; es dauerte lange, bis er Mut hatte, den faszinierenden Maler zur Romanfigur zu machen, sich in die Menschen zu versetzen und einzufühlen, die ihn aufwachsen sahen und später erlebten. Die ihn zu formen versuchten oder nur staunen konnten über die Widersprüche seines Wesens, seiner Bilder – so wie Le Corbusier am Ende des Romans und zu Beginn.

Hatte bei einer Kunstausstellung eine Art Offenbarungserlebnis: Schrifsteller Lukas Hartmann.

Hatte bei einer Kunstausstellung eine Art Offenbarungserlebnis: Schrifsteller Lukas Hartmann.

Bild: Severin Bigler

Es ist um das Jahr 1927, der erste Besuch des Cousins in Ballaigues, diesem abstossenden, stinkenden Unort, an dem der entmündigte Insasse Soutter sein Genie entfesselt und bis zuletzt aufs Papier werfen wird, so unerlöst und lebensgierig wie seine Figuren. Wenig weiss Le Corbusier zu diesem Zeitpunkt über den Apothekerssohn aus Morges VD: Dass dieser als Violinist gescheitert ist, trotz Begabung und Dressur durch die Mutter. Dass er zum bürgerlichen Leben nicht taugte, nicht als Sohn, nicht als Ehemann. Dass ihm der Geldhahn abgedreht wurde. Das alles wird Hartmann auf luftigen 250 Seiten nach und nach beleuchten, sich dabei wiederholen, im Kreis drehen – als sässe er im Kopf des vereinsamten Künstlers, als folgte er ihm in die wiederkehrenden Träume und Albträume.

War Louis Soutter wirklich so wie dargestellt?

Hartmann schreitet Soutters Lebenswege nicht chronologisch geradlinig ab. Vielmehr greift er vor und zurück, lässt Soutter in Erinnerungen vagabundieren, tauscht die Begleiter aus, imaginiert ihre Sicht auf den Sohn, den Cousin oder Heiminsassen. Hartmann hat gut recherchiert, nutzt die vorhandenen biografischen Quellen und legt den Figuren vieles in den Mund: Das sind die schwächeren Passagen des Romans. Zuweilen ertappen sich die historisch verbürgten Figuren selbst dabei, dass sie «schwülstig» daherreden. Doch ihre Zeit, das Korsett bürgerlicher Normen, der zähe Aufbruch in die Moderne wird sinnlich greifbar, in einer reichen Farbpalette, in vielen Tonlagen, auffällig geruchssensibel. Die beiden Weltkriege sind Hintergrundmusik: Man spricht darüber, doch die Schrecken sind weit weg.

Auch Louis Soutter selbst kommt oft zu Wort, in knappen, beinahe aphoristisch zugespitzten Sätzen, die sein Denken und sein Wesen verdeutlichen. Mag Lukas Hartmann es meist eher übertreiben mit dem Fingerspitzengefühl, der zartfühlenden Noblesse, hier geht er zu weit und lässt den Künstler angestrengt bedeutungsschwer sprechen. So behutsam er insgesamt vorgeht, er rückt dem Künstler doch erzählerisch aufdringlich zu Leibe. Und verbrennt sich, wie Le Corbusier, an Soutters Feuer die Fingerspitzen.

Lukas Hartmann: Schattentanz. Die Wege des Louis Soutter. Diogenes, 254 Seiten.