Teatro alla Scala

Mailänder Opernfest in der Opernfestung

Giovanna d’Arco (Anna Netrebko) im teuflischen Rausch.

Giovanna d’Arco (Anna Netrebko) im teuflischen Rausch.

Die Mailänder Scala eröffnet die Opernsaison unter grosser Terrorangst – und ausgerechnet mit Frankreichs Heldinnenepos «Jeanne d’Arc» alias «Giovanna d’Arco» von Giuseppe Verdi.

Rund 750 Polizisten und Sicherheitsbeamte, Scharfschützen auf den Dächern, die Oper weiträumig abgesperrt, Metalldetektoren am Eingang, vorverlegte Einlasszeit – das schönste Opernhaus der Welt wurde am Eröffnungsabend der Saison 2015/2016 zur Festung. Die Terrorwarnung des FBI war bedrohlich, die Nervosität allseits enorm. Als allerdings drei Stunden nach Vorhangfall gerade noch ein einzelner gepanzerter Polizeiwagen die Piazza della Scala bewachte, war der Spuk vorbei: der Lärm der Demonstranten verhallt, die Soldaten abgezogen, am Galadinner die Flaschen mit Franciacorta-Spezialabfüllungen leer.

Mailand hat seine Saisoneröffnung ausgelassen gefeiert, sogar Ministerpräsident Matteo Renzi war mit seiner Frau Agnese gekommen. Intendant Alexander Pereira scherzte mit dem Scala-Novizen in der Pause vor der königlichen Loge ausgelassener als er es je in Zürich mit Bundesrat Moritz Leuenberger getan hatte.

Nie darf der ehemalige Zürcher Opernzampano mehr Pereira sein als bei diesem Opernfest, bei dem Abendkleid und Smoking Dresscode sind, die Parkettkarte 2400 Euro kostet, das Foyer vollgestopft mit Journalisten ist. Um 18.01 Uhr huscht Pereira noch kurz durchs Parkett, da ein «Ciao», hier ein Handkuss, um 18.05 Uhr steht er vor dem Vorhang, entschuldigt den erkrankten Bariton und kündigt wortreich den Einspringer an. Dass dieser Überaktivismus in Mailand bei vielen schlecht ankommt, ist eine andere Geschichte. In den Zeitungen vom Dienstag, die dem Abend bis zu sechs Seiten widmeten, bekam der Intendant nicht mehr Platz als irgendwelche andere Sterne und Sternchen des Abends: Rockstar Patti Smith etwa, die Transsexuelle Efe Bal oder die Ballettlegende Carla Fracci, die auch mit 79 Jahren eleganter als jede 20-jährige Elfe durchs Parkett schreitet.

Heldin der Oper: Anna Netrebko

Sie alle waren nur Fussnoten an diesem Abend, Geschichte schrieb nämlich Anna Netrebko: Die 44-jährige russische Operndiva war Titelheldin in Giuseppe Verdis «Giovanna d’Arco». Ein Frühwerk, das sich auf Schillers «Jungfrau von Orleans» beruft. Doch alles, was im deutschen Versdrama so klar ausgesprochen ist, wird bei Verdi auf knapp zwei Opernstunden verkürzt. So ists nicht ganz einfach zu erzählen, wie aus der Schafhirtin Johanna die französische Kriegsheldin wird, wie sie alsbald vom eigenen Vater der Gotteslästerung angeklagt und von den Engländern gefangen genommen wird, wie sie dann doch in die alles entscheidende Schlacht zieht und als Heldin für Frankreich stirbt. Verdi aber hat diesem Kriegstreiben eine so leidenschaftliche Musik geschenkt, dass alle dramaturgischen Bedenken sich in prächtige Töne auflösen.

Dirigent Riccardo Chailly, Musikdirektor des Hauses, lässt diese 1845 in der Scala uraufgeführte Musik glühen, scheut sich nicht, ihre rauen Seiten zu betonen, und fürchtet die Brüche nicht. Die Spiellust des Orchesters ist prächtig. Ohne eine Titelheldin aber, die so leidenschaftlich und doch so kultiviert wie Anna Netrebko singt, würde das Ganze dennoch nicht gut enden.

Ein Wunder, Netrebkos blutrote Kraft in den Tiefen, die schmeichelnde Süsse in den Höhen, die jede Schwierigkeit vergessen machende Leichtigkeit in langen Legatobögen. Wenn diese Sopranistin inbrünstig zur Heiligen Jungfrau betet, dann scheint sich der Himmel über der Scala aufzutun. Der Tenor Francesco Meli (König Carlo VII.) konnte trotz toller Leistung bei solcherart Opern-Verismus nicht mithalten. Selbst Devid Cecconi (als Vater Giacomo) – Einspringer für den erkrankten Carlos Alvarez – hielt sich knapp über Wasser, das Publikum war ihm gnädig. Erstaunlicherweise war man das auch gegenüber dem Regieduo Moshe Leiser/Patrice Caurier – aus Zürich bekannt für seine Arrangements für die andere Primadonna unserer Tage, Cecilia Bartoli.

Banalisierung durch Erklärung

Das Duo glaubt nicht an Gottessegen und die daraus resultierende Kampfeskraft einer Frau. Schade, denn indem man die mythische Geschichte weg-
erklärt, wird sie gleichzeitig banalisiert. Giovanna ist keine fromme Schäferin, sondern eine psychisch Kranke. Die ganze Heldengeschichte spielt sich in ihren Wahnvorstellungen ab. Start und Ende spielen in einem Krankenzimmer, dazwischen gehts in die von symbolschwangeren Projektionen begleitete Schlacht: Sowohl in jene der blutigen Waffen als auch in jene der sich liebenden Körper. In ihren psychotischen Visionen wird denn der König goldener als irgendein Held zuvor, die Schlacht blutiger, die Liebe erotischer … Ja, diese Jungfrau steigt, begleitet von einem schauerlich-lächerlichen Ballett der Dämonen, mit dem König ins Bett und muss später naturgemäss tatsächlich schweigen, wenn ihr vor versammeltem Volk vorgeworfen wird, keine auserwählte Jungfrau mehr zu sein. Banal solcherart «Erklärungen».

Klugerweise verzichten die Regisseure immerhin auf eine deutliche Nationalisierung. Es gibt keine Trikolore, das Geschehen spielt irgendwo in einer Märchenwelt. Besser so, denn die Lega, die Partei der Rechten, freute sich ohnehin über dieses Verdi-Werk an jenem Tag, an dem Marine Le Pen an Frankreichs Wahlurnen triumphierte: jene Politikerin, die Jeanne d’Arc als ihre Symbolfigur benutzt.

Auch die aktuelle Regierung nutzt den Abend für ihre Kulturpolitik. Kulturminister Dario Franceschini bejubelte die Saisoneröffnung als die wichtigste Opernpremiere der Welt. 13 europäische Länder, Russland und selbst Japan zeigten den Abend im Fernsehen. Die zentrale Rolle Mailands im Kulturleben soll mit der Expo nicht zu Ende gehen, Mailand will auch in den kommenden Jahren Trends setzen. Auf die Scala und Alexander Pereira wartet allerdings eine schwierige Saison. Für alle «Giovanna»-Vorstellungen gibt es trotz Netrebko noch Karten, am 23. Dezember gar noch 360 – dasselbe Bild für Verdis «Rigoletto» mit Leo Nucci und Händels «Il trionfo del Tempo» Anfang 2016. Schöne Aussichten für spontane Schweizer Opernfreunde, schlechte für überteuerte Opernagenturen und die frechen Scala-Schwarzhändler.

Giovanna d’Arco: 7-mal bis 2. Januar, Teatro alla Scala. Karten http://teatroallascala.ticketone.it/ticketshop/webticket/eventlist?production=183

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