Schweizer Buchpreis
Madame Staats-TV und zwei Grosskritiker

Was sich in Basel zutrug, ist kein Eklat, sondern bestenfalls eine Realsatire mit wahrem Kern.

Max Dohner
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«Ich habe mich entschuldigt. Ohne Wenn und Aber.» Nicola Steiner, Moderatorin des SRF-«Literaturclubs».

«Ich habe mich entschuldigt. Ohne Wenn und Aber.» Nicola Steiner, Moderatorin des SRF-«Literaturclubs».

Gian Vaitl/SRF

Wer immer in diesem Land die bodenlose Frechheit besässe, zu behaupten, dass die Schweiz mittelmässige Literatur produziert, der sei – mindestens im Genre Satire – an einen Meister erinnert ... halt, eine Meisterin: die Realität. Eine Realsatire, genannt «Eklat», spielte sich am Wochenende ab in Basel, am Festakt des Schweizer Buchpreises. Natürlich fanden es einige gar nicht lustig. Satire geht immer auf jemandes Kosten, aber auch der Spass. Genau das war die Kernfrage: Sickerte am Festakt nun die Spassgesellschaft durch bis in die erhabenen Hallen der Literatur? Oder hatte es zumindest teilweise noch angemessenes Niveau?

Am Werktag danach halten wir erstaunt fest: Zwei Grosskritiker und Madame Literatur vom Staats-TV sind sich nicht grün. Im «Tages-Anzeiger» redet Grosskritiker Martin Ebel über sich, wenn er über den Schweizer Buchpreis spricht – beziehungsweise über zwei Paar Schuhe, die er gleichenorts gleichzeitig trägt: «Darf man das? Ich fand und finde: ja.» Nämlich ein Paar Grosskritiker-Schuhe und – drunter oder drüber – noch ein Paar Schuhe als Grossjuror ... pst, es wären noch mehr der Käselatschen. Darf er das? Ich fand und fände: ja. Mein Gott, ist halt eine multi-kompetent-poly-Vollprogramm-Persönlichkeit: «Einen Ebel bitte, mit alles!»

Darf man darauf aber auch mal den Finger legen, statt die zwei Paar Schuhe blau- oder einäugig stets zu übersehen? Das hat am Festabend in Basel Nicola Steiner getan, Moderatorin des «Literaturclub» beim Fernsehen. Ebel beantwortete die Frage so onkel-pauker-haft, wie er online Stilzensuren verbreitet, als müsse es im Land Heerscharen von Endzeit-Analphabeten geben, nur weil er bisweilen über einen Apostroph stolpert: «Ich fand und finde: ja».

Der heisse Tanz mit den Medien

Wer ist schuld? Wer hat die Jubiläumsfeier zum Schweizer Buchpreis vermasselt? Die Frage ist falsch, darum geht es nicht.

Es lohnt sich einen Schritt zurückzutreten. Der Schweizer Buchpreis wurde ins Leben gerufen, um Büchern mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen. Das ist gelungen. Zum grossen Teil, weil der Preis die Nähe zur Öffentlichkeit sucht. Von Anfang an waren Medienschaffende Teil der Jury. Mit ihrem Namen und mit der Reputation ihres Mediums verleihen sie den Juryentscheiden Reichweite und Gewicht. Aktuell ist beispielsweise Esther Schneider dabei, sie leitet die Literatur beim Schweizer Radio und Fernsehen SRF. Manfred Papst ist in der Jury, der Literaturredaktor der NZZ am Sonntag. Und Philipp Theisohn, Förderprofessor für Literatur an der Uni Zürich, der mit seinen Studenten einen Literaturblog betreibt.

So weit so gut. Doch Juryentscheide brauchen nicht nur Öffentlichkeit. Es braucht auch einen kritischen Blick auf die Entscheide und auch dafür braucht es Wortführer. Natürlich ist es komisch, wenn ein Jurymitglied gegen den Entscheid der Jury schreibt. Genauso komisch ist es, wenn einem Medium der Maulkorb angelegt wird, weil dessen Literaturredaktorin in der Jury sitzt. Und wie frei Studierende, Mitarbeitende oder Freie sind, die Entscheide ihrer Vorgesetzten zu hinterfragen, sei dahin gestellt.

Die Diskussion zeigt: Es braucht die Medien, um Entscheide in die Öffentlichkeit zu tragen. Genauso braucht es sie, um diese Entscheide zur Diskussion zu stellen. Es sollten unterschiedliche Medien sein, es geht um Unabhängigkeit, um Meinungsvielfalt, es geht um Glaubwürdigkeit. Ja, sie spielt auch in der Kultur eine Rolle: Es geht um die kontrollierende sogenannte Vierte Gewalt.

Das Dilemma zeigt sich auch bei der Jubiläumsveranstaltung: Man will die Strahlkraft von Nicola Steiner, die sich als Journalistin mit ihrer Moderation des Literaturclubs einen Namen geschaffen hat. Aber die Journalistin soll keine Fragen stellen, die wehtun, weder den Veranstaltern noch den Autoren. Anne-Sophie Scholl

Die Frage nach den Schuhen

Auf unsere Anfrage sagte Nicola Steiner gestern Abend dazu: «Mir ging es um eine journalistische Sachfrage. Die Frage der Rollentrennung ist ein heikler Aspekt der Juryarbeit; darüber wollte ich in der Runde mit dem Veranstalter, den Autoren und dem ehemaligen Juror sprechen. Sie alle konnten Stellung beziehen. In diesem Augenblick war mir nicht bewusst, welche Wirkung diese kritischen Worte von damals immer noch haben.»

Es handelte sich um Ebels Verriss eines Romans von Urs Faes, damals wirklich noch geschrieben in zwei Paar Schuhen. Hatte Madame wirklich nicht bedacht, dass sie damit auch einen Nominierten vor den Kopf stiess, der im Publikum sass? Nicola Steiner sagt: «Urs Faes war äusserst bestürzt. Ich habe das erst nach der Veranstaltung realisiert. Es war absolut nicht meine Absicht, ihn zu verletzen. Ich habe mich bei Urs Faes und bei den Veranstaltern dafür entschuldigt. Ohne Wenn und Aber.»

Faes blieb anderntags der Preisverleihung fern. Zwei Kolleginnen und ein Kollege warfen sich wie Winkelried für ihn ins Getümmel, obwohl man sie zurückzuhalten versuchte. Ihr Heldenstück kam in den Staatsmedien erst nicht vor und wurde in späteren Fassungen nachgeschoben. Ähnlich wie man gleichentags, einen Steinwurf entfernt, bei der hohen Fussballkultur lange auch nicht wusste, ob die Pfiffe für Seferovic eine bedeutsame Sache waren oder Pipifax.

Für einen anderen Grosskritiker aber war die Deutung sofort klar: Roman Bucheli. In der NZZ macht er Madame Literatur dafür verantwortlich, dass der Buchpreis-Geburtstag «gründlich missraten» war: «An einem Podium lenkte Nicola Steiner das Gespräch mutwillig und vollkommen unnötigerweise» auf die besagte Ebel-Kritik. «Nicht genug damit, beging Nicola Steiner als Moderatorin auch den Fauxpas, mit Jonas Lüscher ihren persönlichen Favoriten für den Buchpreis zu nennen.»

Gutes Stichwort – Lüscher. Als 2013 dessen Novelle «Frühling der Barbaren» erschien, urteilte Grosskritiker Bucheli: Lüscher «macht Martin Suter Konkurrenz». In der NZZ ist das ziemlich ätzend. Auch Bucheli aber kniete sich rein in den Morast: «Es geht Lüscher lediglich um den Effekt. Und der muss knallig sein. Aus den Figuren entstehen Karikaturen, die Handlung wird zum Klamauk, die Sprache fällt ins Klischierte.»

Grosskritiker Ebel lobte damals Lüscher im Überschwang. Natürlich auch jetzt, wo der Konsens vollends zementiert scheint, dank hundertfach gleich bedrucktem Papier, Lüscher sei «fulminant». Darf man das? Ich fand und finde: egal. Hingegen würde brennend interessieren, wie ein Kritiker der Schweizer Literatur einen «Abstand» zu den Zweiten orten kann, der «noch nie so eklatant» gewesen sei, ohne das den Leuten einfach um die Ohren zu hauen wie einen alten Finken – richtig, Ebel.

Bleibt eine Frage, gestellt von Leuten, die im Publikum sassen: Ist der Druck zur Quote, zu Show und Unterhaltung inzwischen selbst bei Veranstaltungen der Literatur derart gnadenlos geworden, dass willfährige Vollstreckerinnen keinen Unterschied mehr machen? Dazu noch einmal Nicola Steiner: «Das Programm bot ganz unterschiedliche Elemente. Obwohl das Jubiläum im Fokus stand, war das Themenspektrum breit und die Stimmung auch heiter.»

«Es braucht den Showdrall mitnichten», sagt der Schriftsteller Martin R. Dean, zugegen in Basel. «Das Simplifizieren, alberne Anheizen und Couvert-Öffnen im Stil von Germany’s next Topmodel irrlichtert meilenweit vorbei am Wesen der Literatur.» Warum aber führt das hierzulande zum «Eklat»? Und nicht ganz natürlich zum Kulturfeier-Slapstick, zu homerischem Gelächter?

Die Antwort kennt jeder Autor, jede Autorin hierzulande. Die Antwort äussern sie vereinzelt, hinter vorgehaltener Hand: Alle fürchten sie, aus der Wahrnehmung zu kippen, lebendig begraben zu werden. Sie fürchten es umso mehr, als der sogenannte Literaturbetrieb hierzulande grosso modo in einem einzigen Säli Platz fände, ein Stelldichein, das von aussen gesehen wirkt wie neulich in Frauenfeld das gemütliche Treffen der Boccia spielenden ’Ndrangheta.

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