Lyrik
«Du träumst von händen um den hals»: Auf «dekarnation» folgt «kyung»

Die junge Berner Autorin Eva Maria Leuenberger erinnert in ihrem neuen Gedichtband an das Werk, aber auch an die Vergewaltigung und Ermordung der koreanisch-amerikanischen Künstlerin Theresa Hak Kyung Cha – einfühlsam, raffiniert und radikal.

Florian Bissig
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Drastisch und hoch reflektiert sind die Gedichtbände der Schweizer Schriftstellerin Eva Maria Leuenberger.

Drastisch und hoch reflektiert sind die Gedichtbände der Schweizer Schriftstellerin Eva Maria Leuenberger.

Bild: Anja Fonseka

In ihrem ersten Gedichtband «dekarnation» hatte Eva Maria Leuenberger vor zwei Jahren das poetische Potenzial körperlicher Auflösungsprozesse ausgelotet. Mit ihrer sprachlich feinsinnigen Annäherung an zwei mysteriöse dänische Moorleichen hatte sie ihre Leser verblüfft – und die Jurys für sich eingenommen. «dekarnation» wurde als erstes Debüt mit dem Basler Lyrikpreis ausgezeichnet.

Mit «kyung» legt Leuenberger nun ihr zweites Buch vor, das sich ebenfalls um Körperlichkeit und Tod dreht. Diesmal geht es noch mal einiges drastischer zu und her. Der Text ist eine Aus­ein­andersetzung mit der koreanisch-amerikanischen Autorin und Performancekünstlerin Theresa Hak Kyung Cha (1951–1982). Kurz nach Erscheinen ihres einzigen Buchs «Dictée» war Cha in einer New Yorker Parkgarage vergewaltigt und ermordet worden.

Leuenberger nähert sich dem Horror selbstkritisch

Der entsetzliche frühe Tod der Avantgarde-Künstlerin überschattet ihr Werk bis heute und strahlt in seine Interpretation hin­ein. Doch die Thematiken der körperlichen Verletzlichkeit, der Macht und der ethnischen Diskriminierung waren in «Dictée» schon zuvor angelegt. So ist Chas Œuvre, das aus bleibenden Kunstwerken und flüchtigen Performances besteht, von ihrem Leben und Sterben kaum zu trennen.

Wer sich mit Chas Kunst befasst, macht sich die Hände schmutzig. Einerseits durch die Gefahr des biografischen Wegerklärens der Kunst und andererseits durch die blutige Tragik ihres Lebens. Diese doppelte Abschreckung ist für die 30-jährige Berner Dichterin offenbar eine doppelte Anziehung. Ihr Buch ist eine Fortschrift von Chas Werk auf künstlerischer, theoretischer und existenzieller Ebene. Leuenbergers Herangehensweise ist einfühlsam, selbstkritisch und bescheiden, ihr Buch «kyung» höchst raffiniert, klangvoll und aufschlussreich. In einer frühen Passage ihres Buchs heisst es:

«Theresa Hak Kyung Cha hatte schwarze haare / meine haare sind rot.»

Gewiss, es gibt Verschiedenheiten zwischen den beiden Frauen. Und Leuenberger teilt auch nicht Chas familiären Hintergrund von mehrfacher Unterdrückung, Vertreibung und Entwurzelung.

Der Gedichtband wird zum persönlichen Essay

Dennoch hat Cha ihrer postumen Leserin – als Frau, als Mensch, als Künstlerin, als Intellektuelle – viel zu sagen. «i can only hope that you can hear me», lautet eine Passage, die Leuenberger zitiert. Chas Kunst ist dialogisch angelegt. Der mehrstimmige, fragmentarische, komplexe Charakter von «Dictée» ist nicht etwa abweisend gemeint, sondern es ist eine Rede, die auf Gehör und Gespräch hofft.

Leuenberger führt dieses Gespräch, und auch ihr Text ist vielstimmig und wechselt zwischen Lyrik, Theorie und persönlichem Essay. Sie nähert sich Cha und ihrer Kunst behutsam, und darauf bedacht, sie sich nicht als blossen Gegenstand zu unterwerfen. Ein brisantes Moment in der Selbstreflexion ihrer Annäherung an Chas Text ist dabei die Frage nach dem «Tod des Autors». Leuenberger verwirft die These Roland Barthes’ implizit, gemäss der die Autorin keinerlei Relevanz für die Auslegung des literarischen Texts haben soll.

Sie verzichtet auf morali- sierende Kommentierung

Ironischerweise ist nun aber die Autorin tatsächlich tot. Das Bild des leblosen Körpers im Parkhaus evoziert Leuenberger in ihrem Buch immer wieder. Doch der tote Körper der Autorin wird unter ihren Händen selber zum Text. «der körper wird text / oder bleibt liegen im paratext», wird also entweder Teil des Kunstwerks oder zur biografischen Fussnote degradiert. Die Dichterin protestiert gegen den symbolischen Tod der Autorin. Dass sie es unterlässt, ihre tatsächliche Ermordung moralisierend oder anklagend zu kommentieren, führt die Realität solcher schrecklicher Verbrechen umso wirkungsvoller ins Bewusstsein.

Leuenberger dichtet und denkt mit ihrer Dichterkollegin, aber in erster Linie fühlt sie mit ihr und macht dabei einiges durch.

«du träumst von händen um den hals, den wölfen im dick­icht».

Doch schliesslich geht sie über die Reflexion der Verletzlichkeit und Sterblichkeit hinaus und rückt die Lebendigkeit des poetischen Zwiegesprächs in den Fokus. «du lebst / du bist hier / immer noch», heisst es in Anspielung auf das daoistische, zyklische Zeitverständnis, das Cha in ihren «Dictée» skizziert, in einem etwas zuversichtlicheren Ton.

Doch allzu leicht möchte Leuenberger das Schwere in diesem poetischen Zwiegespräch nicht machen. Am Ende gibt es eine Reprise der Gegenüberstellung der schwarzhaarigen Cha mit dem rothaarigen Selbst. Genug, dass Chas toter Körper im Parkhaus liegen musste. Leuenberger wird nicht zulassen, dass er als biografische Nebensache liegen bleibt: «theresa hak kyung cha hatte schwarze haare und wurde am 5. november 1982 in new york von einem sicherheitsbediensteten und serientäter vergewaltigt und erwürgt.»

Eva Maria Leuenberger: «kyung», Droschl Verlag, 136 Seiten.

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