Roland Merk hat als Treffpunkt das «Train bleu» beim Bahnhof SBB gewünscht — also den kleinen Bruder des Belle Epoque-Restaurants «Le Train bleu» im Gare de Lyon in Paris. Der zweisprachig aufgewachsene Lyriker, Essayist, Dramatiker und Herausgeber lebt abwechslungsweise in Basel und Paris, wo er die Anschläge vom 13. November 2015 hautnah erlebt hat. Für den Exil-P.E.N. hat er einen Brief aus Paris verfasst: eine Abrechnung mit dem Land, in dem Laizismus und Republikanismus selbst zur Religion geworden seien. «Sagen wir es so», schreibt er, «der Neoliberalismus und der Djihadismus verstehen sich gut, auch wenn das keine offizielle Doktrin ist.» Und er ergänzt bezüglich der Schweiz: «Wäre die Durchsetzungsinitiative durchgekommen, so hätten wir in manchen Zügen ein juristisches Regelwerk, das frappant dem der Djihadisten und Saudiarabiens gleicht.»

Schlecht gelaunt komme ihm die Schweiz derzeit vor, sagt er im Gespräch, man mache permanent auf Entrüstung, um andere, wichtigere Probleme zu verdrängen. Es herrsche eine gewisse «Behäbigkeit in der Enge». Immer wieder spricht Merk von der Wand, auf die wir zurasen, wenn sich nichts grundlegend verändert. Dass er sich für das bedingungslose Grundeinkommen ausspricht, versteht sich schon fast von selbst.

Arme Völker singen, reiche nicht

Roland Merk ist kein Stubenhocker. Er hat den Nahen Osten und Nordafrika bereist, hat die «Arabesken der Revolution», eine Anthologie zur Revolution in Tunesien, aber auch Stéphane Hessels «An die Empörten dieser Erde!» herausgegeben. Merk wurde als Melancholiker beschrieben, doch für ihn ist die Melancholie, in der stiller Zorn mitschwinge, wie Ironie «ein Wissen um den Hiatus — was da ist und was da angesichts der Potentialitäten des Menschen sein könnte, also ein Indikator für Utopie».

Im Hinblick auf Utopie ist die Lyrik für ihn zentral. «Weil das Menschsein in diesen Zeiten radikal bedroht und instrumentalisiert worden ist, ist genau die Stimme des Menschen gefragt, und das ist in einem umfassenden Sinne eben die Lyrik.» Ein afrikanischer Freund habe ihm einmal gesagt: «Arme Völker singen, reiche Völker nicht mehr.» Es scheine, als ob jene, welche die «Entzauberung der Welt» vorangetrieben hätten, es den Dichtern und der Lyrik zurückzahlen wollten. «Die Sprache, die ich meine, die die Sprache des Antlitzes, des Körpers mitumfasst», so Merk, «sagt von sich ex negativo in Schmerz, Leid, Hunger und Furcht was nicht sein soll, das ist gewissermassen das Lyrische dieser Welt.» Deshalb gehe es nicht um eine ausgemalte positive, sondern bilderlose Utopie.

Nun hat er einen neuen Gedichtband herausgegeben: «Der Lauf der Nacht am helllichten Tag». Im einführenden Essay schreibt er: «Die Prosa unseres Lebens macht dem Leben der Poesie im buchstäblichen Sinn den Prozess.» Merk weiss, dass es Lyrik heute schwer hat. Trotzdem schreibt er Gedichte, weil sich hier die Sprache der harten Funktionalität, der angeblich wissenschaftlichen Präzision und der Eindeutigkeit entzieht. Realien und Wort, das Wirkliche und die Metaphern durchdringen sich, wenn es heisst: «siehst du im licht / die landschaft sich zum neuen / gedicht auffalten?»

Lichtmetaphern durchweben diesen Band ebenso schwebend und leicht wie die Erinnerungen an die Kindheit, an Landschaften und Menschen am Rande des europäischen Traums, wie das Melancolia- und das Carpe-diem-Motiv und Zitate aus dem Resonanzraum der Geistesgeschichte. Hölderlin, Nietzsche, Freud, Heidegger und Sloterdijk und andere sind auf unaufdringliche Weise präsent.

Am Ende von «kindheit wald», dem ersten Hauptstück, erscheint warnend das Futurum zwei: «es wird alles / gewesen / sein», auch eine «Versicherung, dass alles dies geschah, was ich erinnerte», wie Merk ironisch sagt. Seine Sprache ist lakonisch, präzise, liebevoll und doch auch bitterböse, wenn er etwa in «ins gästebuch meines landes» schreibt: «mein land der ewigen enge / aus schnee, wo der schaumschlag / mit tiefgang den diskurs ersetzt». Roland Merks Gedichte gehören zu den wichtigen Büchern in diesem Jahr. Nicht ohne Grund schreibt der Schweizer Schriftsteller Paul Nizon: «Merks Gedichte beeindrucken mich nachhaltig.»