Herr Hartmann, Sie verwenden das Wort in Ihrem neuen Roman – haben Sie «Lebenskummer»?

Lukas Hartmann: Wenn man heute Medien liest, kann man schon in eine Art Kummer verfallen. Jedenfalls, wenn man sich fast nur noch davon leiten lässt.

Was bekümmert Sie?

Ich stelle mir immer wieder die Frage: Was wird das für eine Gesellschaft, die den neusten Meldungen auf den Bildschirmen hinterherjagt und sich vielfach kaum mehr direkte Erfahrungen ermöglicht. Ich will das nicht verdammen. Ich stelle nur die Frage, wohin das führt.

Und die Terroranschläge und Amokläufe, die vor allem von Jugendlichen begangen werden. Gehen diese Ihnen nahe?

Sehr. Die Sehnsucht, vor allem von jungen Männern, aus der Sinnleere heraus zu etwas Grossem, Ganzen zu gehören und in einer übergeordneten Gemeinschaft Halt zu finden, beschäftigt mich. Aber auch, wie in unserer gesättigten Gesellschaft, die in verschiedene Wertinseln fragmentiert ist, viele Leute nicht mehr wissen, an was sie sich halten sollen. Es kommt viel zusammen bei solchen Lebensläufen. Man darf aber nicht vergessen: Die grosse Mehrheit kann sich eingliedern, darunter auch viele junge Männer mit Migrationshintergrund. Die dürfen wir nicht aus den Augen verlieren.

In Ihrem neuen Roman «Ein passender Mieter» geht es aber nicht um die Radikalisierung mit terroristischem Hintergrund.

Am Rand schon. Es ist die Angst, dass mitten unter uns etwas ausgebrütet wird, was uns in eine Schockstarre versetzt. Das Buch handelt von einen ganz unauffälligen jungen Mann, bei dem sich plötzlich zeigt: Er ist der, den die ganze Stadt gesucht hat. Mich hat interessiert, wie sich das auf eine Familie und auf die weitere Gemeinschaft auswirkt.

Ist die Geschichte eine Form, um indirekt über die Amokläufe und Terroranschläge zu reden?

Nein. Es gibt ein wachsendes Gefahrenklima. Aber der reale Fall, der dem Buch zugrunde liegt und den ich intensiv miterlebt habe, liegt ja 14 Jahre zurück.

Sie haben sich von dem Messerstecher Mischa Ebner inspirieren lassen. In Bern dürfte man sich noch gut an die Serie der Überfälle auf junge Frauen erinnern. Haben Sie bewusst etwas Aufwühlendes gesucht?

Natürlich. Ich will die Leute berühren bei einer solchen Thematik. Ich will Fragen stellen. Wir suchen das Böse vielfach ausserhalb, weit weg von uns. Das ist sehr menschlich. Aber was passiert, wenn es plötzlich ganz in der Nähe ist? Was heisst das für uns als Glieder einer Gemeinschaft? Hätte man ahnen müssen, was sich da abspielt? Das fragte ich mich damals auch.

Wie soll man sich verhalten?

Es geht um die Balance: wach zu sein, aber aufmerksam zu bleiben und nicht zu Unrecht Leute zu verdächtigen und anzuschwärzen – was ich ja in der Fichenaffäre auch miterlebt habe, als ich von Leuten aus der Nähe denunziert wurde.

Welche Vorsichtsmassnahmen muss man ergreifen, wenn man einen realen Fall, der wenige Jahre zurückliegt, aufgreift?

Ich habe den Umstand, dass ein Gewalttäter umgeht, verwendet. Und was er auslöst. Aber vom Typus her ist die Figur anders. Der reale Täter hat nicht bei einer Familie gewohnt, und er hat sich umgebracht.

Haben Sie mit Opfern geredet?

Ich habe ausführlich mit einigen Leuten gesprochen, die von der Geschichte direkt betroffen waren.

Sie lassen den Täter weiterleben. Ist er nicht mehr da, ist es für die Gesellschaft einfacher, oder?

Klar. Das ist entlastend. Ich wollte, dass man den Täter vor Gericht bringt und ihn immer noch vor Augen hat.

Weil es zur Auseinandersetzung mit ihm zwingt.

Ja, wobei mir das Zerstörerische, Lebensfeindliche immer wieder ein Rätsel ist, wenn ich derartige Fallgeschichten verfolge. Auch jetzt wieder. Wie können junge Männer, die offenbar nie gelernt haben, sich in andere hineinzufühlen, derart grausame Taten begehen wie einen Priester durch einen Kehlschnitt zu töten? Ganz vieles ist offenbar nicht domestizierbar – in jedem von uns. Ich glaube, wir sind nicht davor gefeit, etwas Verrücktes zu tun, in einer Situation, die nicht so friedlich und behütet ist, wie bei uns eigentlich noch immer alles ist.

Sie interessieren sich ja schon lange dafür, wie man Mitgefühl und Einfühlsamkeit schulen kann. Haben
Sie eine Antwort?

Es gibt nicht einfach gültige Antworten, weil die sofort ideologisch verwertet würden. Man kann verantwortungsvoll leben, in dem man lernt, auf ganz unterschiedliche Art auf andere einzugehen. Heute besteht eine Neigung, sehr viele Menschen auszugrenzen, zu verdammen, wegzuwünschen – eine verbreitete Haltung beispielsweise Flüchtlingen gegenüber. Aber die Flüchtlinge sind da. Die Frage ist: Wie können wir uns ihnen gegenüber verhalten.

Im Buch verbinden Sie den Gewalttäter mit einer Mittelstandsfamilie, die auseinanderbricht. Gibt es in der
bürgerlichen Familie einen Mangel an Empathie?

Die Mutter bemüht sich ja, indem sie sich für Asylsuchende engagiert. Bei dem Vater, einem Professor, ist es eher ein innerliches Vertrocknen, wie ich das bei vielen Leuten um mich herum meine, feststellen zu können. Die Liebesfähigkeit stumpft ab, die freundliche Teilnahme am anderen Leben. Davon ist auch die Ehe betroffen. Dass es plötzlich keinen engen Kontakt mehr gibt, ist bei einem Paar, das viele Jahre zusammen ist, immer etwas ganz Schwieriges. Ich wollte eine Familiensituation beschreiben, in der durch das schockierende Ereignis alle auf ihre Art an ihre Grenzen kommen.

Was kann man tun, damit eine Beziehung nicht zum Problem wird?

Menschen sind immer problematische Wesen, wenn sie sich ernst nehmen. Auch Junge müssen herausfinden, wie sie mit anderen und mit dem anderen Geschlecht zusammenleben und wie sie das für sich definieren wollen. Die Sehnsucht danach, ein Herz und eine Seele zu sein, dauert vielleicht ein paar Jahre. Danach wird es bei den meisten schwierig.

Was kann helfen?

Ehrlichkeit. Zu wagen, sich wirklich auszusprechen, wagen, neue Formen von Umgang miteinander zu finden, aus den klassischen Mustern ausbrechen. Viele Paare, die am Anfang sehr symbiotisch sind, müssen manchmal schmerzhaft lernen, was es heisst, auch Bereiche zu haben, die sie für sich selber verteidigen. Autonom leben, aber auch das Gemeinsame zu gestalten, ist für alle schwierig.

Im Juni wurde bekannt, dass Ihre Ehefrau Simonetta Sommaruga ihre Schriften von Köniz nach Bern verlegt hat. Was bedeutet das für Sie als Paar?

Es ist für uns das Fazit aus vielen Erfahrungen miteinander. Ich arbeite sehr verinnerlicht, sie arbeitet sehr veräusserlicht. Wie bringt man das zusammen? Wir schauen jetzt einmal, wie es für uns ist, in getrennten Wohnungen, aber immer noch mit viel Gemeinsamem, zu leben. Ich habe ein Zimmer bei ihr, sie hat ein Zimmer hier bei mir behalten.

Ist das Ihr Mut, vorgefasste Bilder zu hinterfragen?

Ich denke schon. Aber daraus machen Sie bitte nicht den Haupttitel des Gesprächs.

Versprochen. Aber Sie haben ein Buch geschrieben, dass sich mit Trennung auseinandersetzt, während die Schweiz über den Beziehungsstatus von Ihnen und Ihrer Frau spekuliert. Ist Ihre persönliche Auseinandersetzung in das Buch eingeflossen?

(Zögert.) Vielleicht. Aber auf ganz anderen Grundlagen. Beim Schreiben war mir das nicht bewusst. Ich war ganz bei der Familie und war ganz dabei, mich in sie hineinzuversetzen. Unsere private Entscheidung, die Woche in getrennten Wohnungen zu verbringen, kam später.

Im Buch geht es um ein Paar mit klassischer Rollenteilung, das mit dem Auszug des Sohnes Probleme bekommt.

Ein Auszug löst sehr viel aus. Vor allem für Mütter, die sich enorm mit einem Kind identifizieren und grosse Schwierigkeiten haben, wieder auf sich selber zurückgeworfen zu sein und etwas zu entwickeln, das sinnvoll ist. Viele geraten in Krisen. Im Buch wird die Krise verstärkt: Erst zieht der Sohn aus, an seiner Stelle kommt einer, der ein Gewalttäter ist.

Diese Erfahrung spricht gegen das klassische Familienmodell.

Das würde ich nicht davon ableiten. Ich glaube, das ist individuell sehr unterschiedlich. Ich wäre froh, wenn es auch Paaren, die neue Wege suchen, besser ermöglicht würde, diese zu leben. Mit der Gestaltung von Teilzeitjobs hat man ja immer noch Mühe, auch Arbeitgeber tun sich sehr schwer, für Männer Teilzeitjobs zu Verfügung zu stellen. Wir müssen weitere Schritte machen, um ganz verschiedene Modelle für die Betreuung von Kindern zu entwickeln.

Ihr Buch stellt verschiedene Rollenmodelle für Frauen vor. Aber keine Rolle ist befriedigend.

Es ist schwierig, in so einer komplexen Gesellschaft auf die Dauer Befriedigung zu finden. Ich zweifle nicht daran, dass es überaus glückliche Menschen gibt. Aber die sind wohl auch weniger interessant zum Beschreiben. Hätten Sie lieber glückliche Figuren gehabt?

Gar nicht. Es ist mir nur aufgefallen.

Es fällt mir jetzt auch auf. Ich fand, die selbstbewusste Freundin des Sohnes hat schon etwas. Aber sie ist eine Knacknuss für einen Mann. Das sind heute viele junge Frauen.

Der Sohn sucht Halt in der Theologie, der Täter findet ihn dort. Kann Glaube helfen?

Glauben kann Halt geben. Aber es wird gefährlich, wenn der Glaube zum Kampfinstrument wird, um andere herabzusetzen, selbst wenn es nur rhetorisch ist. Es gibt Glaubensformen, die nicht missionarisch, sondern demütig sind. Und die eine Freundlichkeit haben gegenüber dem Nächsten, um den biblischen Begriff zu gebrauchen.

Wie stehen Sie zum Glauben?

Das frage ich mich immer wieder. Ich habe Mühe mit der Kirche als Institution, obschon ich ein paar Mal für Kirchen gearbeitet habe und auch einmal als Jugendberater angestellt war. Ich bin nicht fähig, frohen Mutes zu verkünden, Gott wird es schon richten, wir müssen nur an Gott glauben, dann ist es leichter für uns. Das kann ich nicht. Aber ich sehe, dass viele Leute das können und dass es ihnen hilft.

An was glauben Sie?

Ich bin überzeugt, dass es so etwas wie eine Schöpfungsmacht gibt, die ich manchmal zu spüren glaube in einem Gefühl von Einheit mit der Welt, bei bestimmten Naturerfahrungen oder auch mit Menschen. Aber ich scheue vor dem Wort Gott zurück, weil es durch eine mehrere Jahrhunderte alte Geschichte, in der sehr viel Blut floss, derart besetzt ist. Ich merke aber auch bei vielen jungen Leuten, dass sie sich wieder ernsthaft damit auseinandersetzen, was Gott für sie sein könnte.

Gibt das Hoffnung ?

Hoffnung gibt es immer, sonst wäre das Leben himmeltraurig. Aber wir dürfen das nicht einfach behaupten und nichts dafür tun. Es sind viele Entwicklungen im Gang, die wir wahrscheinlich noch gar nicht erkennen. Man hat das ja auch mit der Operation Libero gesehen, die vor der Abstimmung über die Durchsetzungsinitiative gegründet wurde. Das waren Leute, die an eine lebendige Demokratie glauben. Sie wollen sie erhalten, wollen sie sich nicht kaputtmachen lassen. Hinter jedem starken Engagement steht ein Glaube. Kein religiöser Glaube, aber einer an Menschen und daran, was sie erschaffen können. Das ist etwas, was ich selber vertreten würde.

Und was soll man angesichts des wachsenden Gefahrenklimas tun? Auf Kosten unserer Freiheit die
Sicherheit hochfahren?

Ich bin gegen Hysterie und dafür, möglichst viele Freiheiten nicht anzutasten. Je mehr wir uns einsperren, desto mehr geht die Rechnung der Terroristen auf, denen es gezielt darum geht, Schrecken zu säen. Wenn diese Saat aufgeht, stecken wir in der Falle. Es gibt einem auch ein wahnsinniges Machtgefühl, wenn wie in München ein Einzelner eine ganze Stadt lähmen kann. Aber es ist natürlich schwierig, die Gelassenheit zu bewahren und Überreaktionen zu vermeiden.