Literatur sprengt die Buchdeckel

Der Literaturbetrieb wandert ins Netz, heimlich, still und leise. Das Internet ist aber mehr als Amazon und Google Books. Es schafft eine neue Amateurkultur von unten.

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Literatur sprengt die Buchdeckel

Literatur sprengt die Buchdeckel

Christine Richard

Literatur im Internet zu Beginn des Jahres 2010 ist wie Popmusik im Jahr 1980: Noch ist vieles möglich. Autoren und Leser, Verlage und Kritiker tummeln sich frei im Netz und suchen Koalitionen und Kontakte. Nie war die literarische Öffentlichkeit so gross, so jung und weltumspannend wie heute im Internet. Das ist gut und aufregend. Aber wie einst bei der Popmusik kreisen über der Spielwiese die Geier, um abzugreifen, was kreativ und kommerziell nutzbar ist. Und wie die Musikbranche fürchtet inzwischen auch das Buchgeschäft die Internetpiraten.

Im Musikbereich hat das Internet inzwischen Stars bei My Space geboren. Die Stars der Netzliteratur indes stammen alle noch aus dem Gutenberg-Zeitalter. Ausgerechnet die als menschenscheu geltende Elfriede Jelinek hatte 1996 als eine der ersten Schriftstellerinnen eine Homepage. Inzwischen veröffentlicht die Nobelpreisträgerin Jelinek ihren Fortsetzungsroman «Neid» gratis im Netz. Der Druck steht noch aus.

Wer etwas auf sich hält, will ein gedrucktes Buch. Rainald
Goetz hat mit Büchern begonnen, und sein Onlinetagebuch «Abfall für alle» liegt inzwischen auch wieder in gedruckter Form vor. Der Berliner Sascha Lobo gilt zwar als Vordenker der «digitalen Boheme», aber durchgesetzt hat sich der 34-Jährige mit seinem gleichnamigen Buch. Webliteratur mit Eigenqualität ist selten. Verlage und Autoren nutzen das Internet derzeit eher, um Käufer zu ködern; sie locken durch Teilabdrucke der Romane im Netz und binden Leser durch Webblogs längerfristig an die Autorenpersönlichkeit. Bestsellerautor Paulo Coelho will Romane kostenlos ins Netz stellen. Kein Akt der Selbstlosigkeit. Die Hoffnung ist berechtigt, dass Leser den Roman auf Papier haben wollen und kaufen.

Andere haben weniger Vertrauen: Der deutsche Verlag von Dan Brown verkauft aus Furcht vor Datenklau keine deutsche
E-Book-Version des neuen Thrillers. Immer mehr Autoren und Verlage vertreiben zu gedrucktem Buch und Hörbuch parallel die E-Book-Version. Bereits in zehn Jahren soll der Verkauf digitaler Inhalte den von traditionellen Büchern überholt haben; das ergab eine Onlineumfrage unter den Kunden der Frankfurter Buchmesse 2009.

74 Prozent der Schweizer kennen das elektronische Buch, 11 Prozent lesen bereits E-Books. Vor allem wissenschaftliches Fachbuch, Sachbuch und Lehrbuch, Wörterbuch oder Reiseführer gehen online. Belletristikleser hingegen wollen ein gedrucktes Buch in der Hand halten – noch.

Trotz Wirtschaftskrise stieg beim nordamerikanischen Onlinewarenhaus Amazon der Gewinn im dritten Quartal 2009 um 69 Prozent. Verkaufsschlager war der Kindle-E-Book-Reader, das Gerät zum Lesen elektronischer Bücher und Zeitungen. Amazon kann bisher nur 360000 E-Books auf Englisch anbieten. Der deutschsprachige Markt wird gerade erst aufgerollt. Asien ist weiter. Auf der chinesischen Onlineplattform Shanda Literature schreiben rund 800000 Amateurautoren; weil Millionen Leser dafür winzige Summen bezahlen, haben die Schreibstars ein Einkommen. In Japan boomt der Handyroman. Die Texte schaffen es inzwischen auf Bestsellerlisten und werden gedruckt. Auch der Wahlschweizer Oliver Bendel betreibt inzwischen ein kleines Internetimperium mit Handyromanen. Andere Autoren wie der Hamburger Tim Cortinovis experimentieren mit Podcast-Romanen; sie stellen Romankapitel als kurze Audio-Segmente ins Netz, um Leser zu binden und dadurch als Autor für einen Verlag attraktiv zu werden. Unterhaltungsautoren wie Holly Peterson lassen ihren Romanplot von Schauspielern nachspielen und stellen das Video auf My Space.

Lust an Literatur und Geschäftsinteressen mischen sich und bilden eine neuartige junge Szene. Konzerne erschliessen für sich die lustig verplauderten Literatur-Communitys. Hinter Suite 101 etwa, dem grössten Autorennetzwerk im deutschsprachigen Raum und «unabhängigen Onlinemagazin» (Eigenwerbung), stehen Unternehmen wie Hubert Burda Media (www.suite101.de). Vor zehn, fünfzehn Jahren waren die Literaturforen noch autarke Keimzellen einer neuen literarischen Öffentlichkeit im Netz. Jetzt scheinen diese digitalen Salons zu verkommen. Das zur Jahrtausendwende oberhippe Forum Pool ist verödet. Das Forum der Dreizehn wartet mit trüben neuen Texten auf und wirkt schlecht gepflegt. Andere «unabhängige Literaturportale» sind nur intellektuell getarnte Werbeplattformen. BücherPick, laut Eigenwerbung das «Literaturportal der Schweiz», ist verbandelt mit den Interessen von Buchhandel, Radio und Fernsehen. Man muss lange suchen, bis man so nützliche Sites findet wie MeinBuchportal mit Links zu brauchbaren Portalen und Rezensionsdatenbanken.

Eine der streitbarsten und kreativsten Szenen im Internet bilden die Lyriker. Junge Internetlyrik, Poesiefestivals und Spoken-Word-Performer schaukeln sich derzeit gegenseitig hoch. Die Audioplattform Lyrikline machts seit zehn Jahren vor: Hier sind über 5600 Gedichte von 615 Dichtern aus 50 Sprachen hörbar. Lyrik experimentiert. Sogar der Kurznachrichtendienst Twitter suchte im Wettbewerb 2009 nach neuer Lyrik mit 140 Zeichen und netzspezifischen Themen und Formen.

Im Internet steht es jedem frei, sein Werk zu veröffentlichen. Die Chance, gelesen zu werden, ist gering. Seit 2008
gibt es zudem den Onlineverlag Bookrix. Hier kann jeder sein Manuskript in elektronische Buchform bringen: mit farbigem Titelblatt und zum Blättern per Mausklick. Geld verdienen kann damit bislang niemand. Vermarktungsplattformen wie Readbox produzieren deshalb zum E-Book die gedruckte Ausgabe. Leser finden sie allesamt selten, Käufer so gut wie nie.

Während im Printbereich mit den immer weniger unabhängigen Zeitungen die kritische Publizität der Belesenen zerfällt, taucht im Internet die Jekami-Kritik der Lesenden auf. Alle haben etwas zu sagen. Das ist Vorteil und Nachteil zugleich. Die Einzelmeinung taucht auf, um unterzugehen in den vielen anderen. Dass es inzwischen bei literaturkritik.de Amateurkritiker gibt, die es mit Zeitungskritikern mühelos aufnehmen können, wirft ein gutes Licht auf die Leserschaft, aber noch mehr ein schlechtes auf die bezahlte Profikritik. Grosse Geister sind rar geworden.

Einer der bekanntesten unter den Hunderttausenden von unbekannten Buchrezensenten im Netz ist Werner Fuchs. Der Zuger belegt Platz 1 unter den Top-Rezensenten des Branchenführers Amazon. Werner Fuchs hat von allen deutschsprachigen Amazon-Rezensenten die meisten Bücher besprochen und dabei die meisten positiven Kundenreaktionen bekommen. Dass sich «Kritiken» in Online-Buchshops aber meist auf oberflächliche Geschmacksurteile beschränken, dass sie gar manipuliert sind, ist dem kundigen User klar und wird im Internet auch kritisiert (www.literaturcafe.de).

Das Internet hat ein weltweites Herz. Es gibt rührende Beispiele sozialer Kontaktaufnahme (www.bookcrossers.ch). Es gibt laienkulturell bedeutsame Schreibforen und so viele Veröffentlichungen von Hobbyautoren wie nie. Das Internet hat Platz für alle Werke und jeden Autor. Wo es die Masse macht, geht das Einzelne in seiner Bedeutsamkeit unter. Big Business, die grosse Belanglosigkeit und der kleine Spass: Das ist Literatur 2.0 nach Stand der Dinge. Aber die Entwicklung hat erst begonnen.

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