Literatur

Literatur als spielerisches Medikament

Sie erforscht das Leben in seinen Facetten : Autorin und Biologin Anna Stern.Thomas Hary

Sie erforscht das Leben in seinen Facetten : Autorin und Biologin Anna Stern.Thomas Hary

Nach dem Bachmann-Preis gilt Anna Stern als Schweizer Nachwuchshoffnung. Als Doktorandin an der ETH Zürich spielt auch in ihrem neuen Roman das Verhältnis von Leben und Wissenschaft eine zentrale Rolle.

Die Warnung hätte man eigentlich ahnen müssen: «Bei uns im Labor herrscht Biosicherheitsstufe 2», sagt Anna Stern. Handschuhe und Labormantel sind Pflicht, bei manchen Versuchen auch Masken. Besucher brauchen eine Sondergenehmigung. Für diese gilt: «Nichts anfassen – und vor allem: nichts schlucken!». Denn Anna Stern untersucht an der ETH in Zürich antibiotikaresistente Bakterien und wie sich deren Resistenzen in verschiedenen Umgebungen behaupten. Einige dieser Kolibakterien sind aggressive Dinger, die resistent gegen mehrere herkömmliche Antibiotika sind. «Wenn Sie ein einzelnes dieser Bakterien schlucken, passiert in den meisten Fällen nichts», sagt die Forscherin und lächelt. «Die Infektionsdosis hängt vom Bakterium ab. Bei manchen braucht es zwischen tausend und hundert Millionen Zellen, bei anderen reichen zehn.»

In der Germanistik fehlte ihr die Rationalität

Ihre Faszination für Biologie ist auch spürbar, wenn Anna Stern von Parasiten erzählt, die bei Tieren zum Beispiel das Wachstum stören, sodass ein Frosch etwa mit sechs Beinen geboren wird. Das wirkt dann leicht unheimlich. Die zurückhaltende und ein wenig scheu wirkende Autorin geniesst es, den Besucher damit zu überrumpeln. Das Foto eines solchen Froschs hat Anna Stern auch in ihren Roman integriert.

Ihr breites Wissen um naturwissenschaftliche Phänomene setzt Anna Stern wirkungsvoll auch in ihrer Literatur ein. So erfuhr man im Krimi «Der Gutachter» eine Menge über das Ökosystem Bodensee. Eine hellwache, zeitkritische Forscherin, die auch sagt: «Vielleicht verlieren wir den Wettlauf mit den resistenten Bakterien.» Naturwissenschaften und Literatur sind für sie gleich wichtige Standbeine. Germanistik aber hat sie nach einem Semester abgebrochen: «Das war mir zu vage, mir fehlte die rationale Welt der Zahlen.» In der Mikrobiologie gab es ein Spannungsfeld zu entdecken: erklärbare Phänomene, die nicht völlig beherrschbar sind. Wie diese sich verändernden Bakterien.

Das ist auch eine Spannung, die ihre Figuren aushalten müssen. So im neuen Roman «Wild wie die Wellen des Meeres» die junge Wissenschafterin und Vogelexpertin Ava, die mit ihrer Schwangerschaft ringt und mit ihrem extrem unsteten Gemüt sowie düsteren Kindheitserinnerungen eine explosive Beziehung zum vernunftgesteuerten Polizisten Paul Faber führt. Mit ihm ist sie fast geschwisterlich aufgewachsen. Dessen Familie hatte Ava als Pflegekind aufgenommen. Ein Liebespaar wurden Paul und Ava, als er 22, sie aber erst 14 Jahre alt war. Paul ist deshalb für Ava gleichzeitig Bruder, Vater, Liebhaber. Die Hinwendung zur Wissenschaft scheint psychologisch spannend motiviert als Flucht vor dem inneren Chaos, als Suche nach der Erklärbarkeit des Lebens – ihre Flucht auf eine schottische Forschungsstation führt schliesslich zur Genesung.

Gekonnter Montageroman, mit sprachlichen Einwänden

«Wild wie die Wellen des Meeres» ist ein gross angelegter Montageroman mit viel Personal, der zeitlich vor und zurück springt und nach und nach Avas schwierige Persönlichkeit erhellt. Gekonnt und abwechslungsreich überlagern sich dabei Albträume, Visionen und Erinnerungen. Unterbrochen sind die Erzählfragmente durch Songtexte (etwa von Elvis Costello), handschriftliche Briefe, Notizzettel und Fotos. Viele stammen aus Sterns Familienalbum. Mit Autobiografie und Fiktion treibt sie ein Spiel, Nabelschau ist ihre Literatur aber nicht. Sie montiert gezielt Gegensätze: etwa zwischen Rationalität und Emotionalität oder durch die Namen Faber (der Tätige) und Ava (Kraft, Eva).

Anna Stern lässt sich als Erzählerin angenehm viel Zeit, hält die Spannung über die mehr als 400 Seiten aber nicht immer aufrecht. Mit der nüchternen Sprache mag man Mühe haben. Die vielen einfachen Hauptsätze wirken gelegentlich bloss wie Regieanweisungen. In einigen Passagen wird die Geschichte zudem etwas rührselig. Die Faszination für biologische Phänomene bringt aber überraschende Pointen: «Bakterien haben auch ihre guten Seiten», sagt Ava zu Paul. Und wenn man Anna Sterns Bücher liest, kann man nicht anders als zu denken: Hier versteht jemand Literatur noch als Medikament gegen Lebenskatastrophen.

Einen Ausschnitt aus dem Roman hat Anna Stern in Klagenfurt beim Bachmann-Preis gelesen, wo sie den 3sat-Preis gewonnen hat. Sie verdreht die Augen: «Ein Zirkus für die Jury und die Medien», sagt sie. So ausgestellt zu sein, behagt ihr nicht. Die harte Ablehnung ihres Textes durch einige Juroren war wohl ein Schlag ins Gesicht. «Eine Achterbahn», sagte sie danach. Ihre Produktivität aber ist ungebremst, trotz 80-Prozent-Doktorat. Ein weiteres fertiges Manuskript liegt schon seit letztem Sommer bei ihrem Verleger.

Anna Stern «Wild wie die Wellen des Meeres». Roman. Salis, 320 Seiten.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1