Literatur

Liebesgeschichte in Altrosa, Ockergelb und Türkis

Der Autor Feridun Zaimoglu vereint Literatur und bildende Kunst.

Der Autor Feridun Zaimoglu vereint Literatur und bildende Kunst.

Feridun Zaimoglus Roman «Der Mietmaler» besticht durch seinen liebenswerten Helden und farbenfrohe Illustrationen. Der Autor wurde mit schnoddriger Literatur in türkisch-deutschem Slang berühmt, heute ist seine Sprache ruhiger und poetischer.

Schon äusserlich kann der neue Roman von Feridun Zaimoglu auf den ersten Blick punkten: Der bunte Umschlag, den ein vom Autor gemaltes Frauenporträt ziert, der rot-glänzende Leineneinband, das edle Papier und die eigens angefertigten Illustrationen ergeben ein kleines Kunstwerk.

Aber auch inhaltlich reicht «Der Mietmaler» seiner schönen Hülle das Wasser. In leichtem Tonfall zieht uns der Autor in das Leben seines Protagonisten, einem verträumten, den Frauen zugeneigten Künstler. Edouard befindet sich in einem melancholischen Schwebezustand, blickt mit malenden Augen um sich und lässt sich von schönen, belustigenden und verstörenden Situationsbildern in den Bann ziehen. Seiner temperamentvollen Freundin Sonja wird das bald zu viel. Nach dem dramatischen Liebes-Aus scheint Edouard seine Orientierung zu verlieren und findet diese erst auf überraschende Weise wieder.

Einsamer Tagträumer

Man mag diesen kratzbürstigen Helden mit Herzschmerz. Ziellos spaziert er durch sein bescheidenes Viertel. Dort kennt man ihn und ist nachsichtig mit dem einsamen Tagträumer.

Bei einem dieser Ausflüge besucht der Künstler seinen Galeristen, der ihm ein mageres Honorar auszahlt. Edouard wehrt sich nicht – schliesslich ist er froh, überhaupt eine Galerie gefunden zu haben. Aber er bekommt ein Trostpflaster: Eine reiche Dame aus einer Stadt nahe der deutsch-polnischen Grenze möchte porträtiert werden. Edouard handelt eine hohe Gage aus und macht sich selbstsicher auf den Weg.

Der Maler und sein Modell

Nachdem er erstmals in den falschen Zug gestiegen ist, kommt Edouard schliesslich müde und ein bisschen verlottert im edlen Heim von Nora Sillinger an. Sillinger ist eine resolute Frau, die sich nicht scheut, ihren kurzzeitigen «Mietmaler» wegen seiner Tischmanieren zu rügen und seine Skizzen zu zerreissen. Denn sie fordert ein «anständiges» Bild ein, keine moderne Kunst. Sie akzeptiert nichts ausser ihrem genauen Abbild – diese Forderung führt Edouard an seine Grenzen. Er ist es gewohnt, seine Modelle so zu interpretieren und verzerren, wie es ihm passt. So reiben sich der Künstler und seine resolute Auftraggeberin aneinander – und werden sich widerwillig sympathisch. Denn während Edouard Gefallen an einem neuen, naturgetreueren Zeichnungsstil findet, blitzt unter der eisernen Oberfläche der reichen Witwe ein zerbrechliches, humorvolles Naturell hervor.

Analoger Lebensstil

Zaimoglu ist für viele junge, türkischstämmige Menschen in Deutschland ein Idol. Er lebt komplett ohne Internet, schreibt seine Bücher auf einer elektronischen Schreibmaschine und kommuniziert mit seinem Verlag nur via Fax. Vielleicht gründet in dieser analogen Lebensweise, dass er so verträumt, auf eine sicher-saloppe Art rhythmisch und in erster Linie hinreissend schreibt.

Feridun Zaimoglus trotz aller Melancholie bunten und beglückenden Roman ergänzen 18 farbige Frauenporträts, die der Autor selbst gemalt hat. Es sind forschend, traurig und herausfordernd blickende Frauen, welche die erzählte Geschichte bildhaft weiterzuspinnen scheinen. Auf diese Weise hat Zaimoglu eine beeindruckende Brücke zwischen bildender Kunst und Literatur geschlagen.

Feridun Zaimoglu Der Mietmaler. LangenMüller Verlag. 136 S., 29.90 Fr.

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