Theater Basel

Letzte Inszenierung der Saison: «Draussen vor der Tür» im Freien

Das Theater Basel geht mit seiner letzten Inszenierung der Saison ins Freie. «Draussen vor der Tür» spielt in der Batterieanlage.

«Dass eine Reihe von Bühnen mein Stück aufführt, ist reine Verlegenheit – was sollen sie sonst tun? Ausserdem will es kein Intendant mit Vater Rowohlt verderben – das ist alles! Denn mein Stück ist nur ein Plakat, morgen sieht es keiner mehr an», sagte der 26-jährige Wolfgang Borchert 1947 über sein Stück «Draussen vor der Tür».

Er sollte sich sehr täuschen. Das aufwühlende Stück über den versehrten Kriegsheimkehrer «Beckmann», der nach drei Jahren Kriegsgefangenschaft vergeblich versucht, sich wieder ins Zivilleben einzugliedern, wurde begeistert aufgenommen und gilt bis heute als eines der bedeutendsten Nachkriegsdramen. Tragisch, dass Borchert selbst sein Stück nie sehen konnte, er starb einen Tag vor der Uraufführung im Claraspital in Basel im jungen Alter von 27 Jahren.

«Draussen vor der Tür» ist nicht bloss ein sehr ergreifendes Antikriegsstück, es ist auch ein Stück darüber, wie Krieg verdrängt und vergessen wird. Hier setzt Timon Jansens Inszenierung an. Er transferiert den Stoff in die Jetztzeit und setzt sich kritisch mit einer oberflächlichen Erinnerungskultur auseinander, die Merkmale einer Eventkultur angenommen hat.

Die Wahrheit macht schlechte Laune

Inbegriff dieser Event-Erinnerungskultur ist das Moderatorenpaar Wanda und Moritz (souverän: Wanda Winzenried und Moritz von Treuenfels), das mit einem Zahnpasta-Lachen, auffallend guter Laune in allen vier Landessprachen eine Festrede zur Einweihung des Borchert-Denkmals zum besten gibt.

Im Hintergrund steht das unter einer Leinwand verhüllte Denkmal, die rhetorisch flotte Rede wird von Musik begleitet. Nach einigen Worten zur Geschichtsträchtigkeit der Batterie-Anlage («Dies ist nicht nur der Ort, den Napoleon gefürchtet hat…») kommt die Rede auf Wolfgang Borchert, alles läuft prima. Bis Beckmann (berührend: Jonas Götzinger) stört.

Beckmann, im Militäruniform, hinkend, ist zwar eingeladener Gast – er soll die Kriegsgeneration repräsentieren – wird von den beiden aber wiederholt unterbrochen, sobald er, verzweifelt und erschöpft, mit leiser Stimme und schnellem Redefluss von seinen Erfahrungen berichten will.

Die Wahrheit, so findet das Moderatorenpaar (gleich der Kabarettdirektor im Originaltext) mache schlechte Laune. Auch sie suchen nach Momenten, die bewegen, aber dafür spielen sie Tennis, sagen sie.

Die Gegenüberstellung der oberflächlichen Moderatoren mit dem traumatisierten Beckmann ist vielleicht etwas plakativ geraten. Dass und wie die beiden den Text verschiedenster weiterer Figuren des Originals sprechen, passt aber sehr gut. Alle drei Schauspieler geben alles, und das nicht zur beim Joggen auf Batterieanlage beim Bruderholz. (Besonders beeindruckend auch, dass der Souffleur die Joggingrunden mitgejoggt ist.) Ein ironischer Hinweis darauf, wie diese Anlage heute von den Baslerinnen und Basler oft genutzt wird. Wer ist nicht während der Coronazeit mal dort joggen gegangen?

Das Wetter unterstreicht die existenzielle Trauer des Textes

In seiner Fassung hat Regisseur Jansen auch Borcherts Figuren «Tod» und «Gott» gestrichen. Das Stück ist dadurch weniger allegorisch. Oder anders gesagt: Es verlagert den Fokus von der metaphysischen Auseinandersetzung mit der Sinnlosigkeit des Krieges auf den Umgang des Menschen mit dem Krieg.

Die Frage nach der Verantwortung des Einzelnen im Krieg bleibt die selbe. Und geht besonders nahe in jener Szene, in denen Beckmann seinen Albtraum erzählt. So witzig die Dialoge zwischen Wanda und Moritz auch sind, die Zuschauer werden sie schneller wieder vergessen als jene expressionistische Beschreibung eines Menschen, der mit Protesen auf ein Riesenxylofon aus Menschenknochen einen Marsch trommelt.

Wer gerade noch über eine Pointe gelacht hat, dem bleibt das Lachen im Halse stecken, und das nasskalte Wetter unterstreicht die existenzielle Trauer dieses Textes. Und was ist jetzt mit dem Denkmal, das eingeweiht werden soll? Es geht im Verlaufe des Abends beinahe vergessen. Jedenfalls sind es nicht Wanda und Moritz, die mit viel Pathos das Leintuch vom Denkmal reissen können.

An der fantastischer Lage der Batterieanlage ist Timon Jansen mit seiner Inszenierung ein Oxymoron gelungen: Eine Aufführung, die gleichzeitig
bissig-heiter und tief-traurig ist. Und das Publikum, müde von den Monaten des Theaterschauens auf dem Bildschirm, wurde nach langem Warten mit einer grossen Präsenz der Schauspieler belohnt. Dass dieses Live-Erelebnis derzeit einem grossen Bedürfnis entspricht, zeigt sich in der Tatsache, dass bereits alle Vorstellungen ausverkauft sind.

«Draussen vor der Tür»
Bis 18. Juni. Theater Basel.

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