Ermittlungen am Bosporus

Wer Istanbul abseits von Touristenpfaden entdecken möchte, kann diesen Krimi als Stadtführer benutzen – besonders in kulinarischer Hinsicht. Die Autorin Esmahan Aykol hatte einst selber eine Bar in der Stadt und hetzt ihre quirlige Heldin Kati Hirschel von einem Lokal zum nächsten. Kati ist immer hungrig und trifft eine Menge Leute, die sie ins Kreuzverhör nimmt wie eine routinierte Detektivin. Kein Wunder: Sie führt eine Krimibuchhandlung. Als Ermittlerin betätigt Kati sich nicht zum ersten Mal. Doch ihr fünfter Fall ist verzwickt: Die Leiche einer jungen, schönen und obendrein erfolgreichen Journalistin wirft Fragen auf und führt sie
in die höchsten Etagen eines Medienkonzerns. Hat der Chef seine lästig gewordene Geliebte beseitigt? Dass die Tote an einem politischen Roman arbeitete und dieser während der Ermittlungen von ihrer Festplatte verschwindet, deutet auf andere, tiefer liegende Gründe. (tu)

Abschied an der Costa Brava

Eine Frau aus bester Barceloneser Familie fährt ins Feriendomizil nach Cadaques und nimmt ihr ganzes Leben mit: zwei Ex-Männer, die Kinder, den Geliebten, Freundinnen mit Anhang – und die Erinnerung an eine mächtige Mutter. Dass die Autorin Tochter der verstorbenen Schriftstellerin und Verlegerin Esther Tusquets ist, einer Berühmtheit, aus deren Schatten sie kaum je wird treten können, lässt in der Geschichte autobiografische Elemente vermuten.
Auf dem Anwesen, wo sie viele Sommer zusammen verbracht haben, folgt die Romanheldin Blanca mit zärtlicher Traurigkeit den Spuren der verstorbenen Mutter. Doch in die süssen Erinnerungen mischen sich die bitteren und das erdrückende Gefühl, nicht zu genügen. Verpackt in ein frivoles Hippieszenario, das die Protagonistin selber kräftig mit aufmischt, nimmt sich dieser innere Abschiedsprozess aus wie ein Fremdkörper, verhüllt mit luftig leichten Sommerstoffen. (tu)

Abstecher nach Absurdistan

Man kann nur ironisch schreiben über die «letzten Abenteuer», zu denen manche Menschen aufbrechen. So kann Autor Dennis Gastmann im vorliegenden Buch auf seine Erfahrung als TV-Satiriker zurückgreifen. Er berichtet von Abstechern zur Südseeinsel Pitcairn, wo die degenerierten Nachfahren der Bounty-Meuterer leben. Oder nach Transnistrien, einem Möchtegernstaat zwischen Moldawien und der Ukraine, wo man noch heute Sowjet-Touren mit Depro-Garantie buchen kann. Der Autor erstellt ein Ranking der Klosterzellen auf dem griechischen Berg Athos, wo Frauen noch immer nicht hindürfen, taucht in einem Haifischreservat und kann sich beim Sightseeing im Gazastreifen gerade noch vor fliegenden Steinen retten. So überspitzt das alles klingt: Gastmann erzählt, was Sache ist an der Tourismusfront. Tatsächlich? Seine Sprache ist märchenhaft und vollführt allerlei exotische Tanzschrittchen – grosser Lesespass für Kopfreisende. (tu)

Pfeifkonzert in Kampanien

Ein Bauerndorf in den Bergen Süditaliens, weit weg von Grossstadt und Mittelmeer: Hier, zwischen Piazza, Fussball-Bar und der Pasta-Manufaktur seiner Mutter wächst Isidoro im Kreis einer liebenswert-verschrobenen Dorfgemeinschaft auf. Auch er selbst ist von Geburt an ein bunter Hund, oder besser: ein tirilierendes Vögelchen. Denn Isidoro zwitschert so schön wie sonst nur Nachtigall & Co. Schon bald gelangt der kleine Pfeifer als Prophet einer neu-en Sprache, dem «Pfiffibular», in ganz Kampanien zu Berühmtheit. Doch sein Glück währt nicht lange: Bei einem Erdbeben kommen Isidoros Eltern ums Leben. Verstummt und verzweifelt findet sich der Junge im Waisenhaus wieder – und entdeckt hier die Liebe zu einer anderen melodiösen Sprache: der Literatur. Enrico Ianniello hat mit «Das wundersame Leben des Isidoro Raggiola» eine zauberhafte Coming-of-Age-Geschichte geschrieben – im flötenden, leicht melancholischen Klang einer singen-den Amsel. (aw)

Eine mallorquinische Liebesgeschichte

Mit Charme und britischem Witz leitet Lulu Davenport seit über fünfzig Jahren die Villa Los Roques. Das Familienhotel im Kolonialstil an der felsigen Küste im Osten Mallorcas ist für Bohemiens, Lebenskünstler und Stammgäste aus England ein beliebter Sehnsuchtsort – und Schauplatz eines skurri-len Unfalls: Kurz nach ihrem 80. Geburtstag gerät Lulu auf dem Pfad vor ihrem Hotel in ein wildes Handgemenge mit ihrem einstigen Ehemann Gerald. Hoch über den Klippen verlieren die beiden Alten das Gleichgewicht und stürzen in die Tiefe. Mit diesem Drama beginnt Peter Nichols seine elegant erzählte Familiengeschichte «Die Sommer mit Lulu» – und er endet, nach einer Lebensreise rückwärts durch die Jahrzehnte, im August 1948, dem ersten gemeinsamen Sommer der beiden tragisch Verunglückten. Dazwischen liegen, in idealtypischer Ferienlektüremanier, Liebe, Leid, Affären und Intrigen, legendäre Poolpartys, stilvolle Langusten-Dinner und romantische Segeltörns. (aw)

Bilder einer Potsdamer Jugend

Potsdam, 1985: Die letzten gemeinsamen Sommerferien, bevor sich ihre Wege trennen, verbringen die Schulfreunde René, Dirk, Michael und Mario mit Erdnussflips-Essen, Rumgammeln und Über-Mädchen-Philosophieren. Es ist ein brütend heisser Sommer, und in der Stadt herrscht gähnen-de Urlaubsleere. So bleibt den vier Teenagern nichts ande-
res übrig, als in subversiven Spelunken Prosagedichte von Baudelaire abzuschreiben, Ost-Zigaretten zu rauchen und die tausend Mark von Renés Vater in alkoholische Getränke zu investieren. Sieben Wochen sturmfreie Bude und ein Riesenbatzen Geld, weil der Vater zur Friedenskonferenz nach Genf gefahren ist, um über die Abrüstung von nuklearen Mittelstreckenraketen zu verhandeln: Das klingt nach ungebremstem Spass. Tatsächlich ist André Kubiczek mit «Skizze eines Sommers» ein unterhaltsames, flirrendes Buch über den «Summer of ’85» gelungen, über das Erwachsenwerden an sich und in der ehemaligen DDR im Speziellen. (aw)