Eine der einflussreichsten Kunstsammlerinnen um 1500, die reiche Isabella d’Este, Gräfin von Mantua, versuchte jahrelang vergebens, sich von Leonardo da Vinci malen zu lassen. Ihr Traum: ein Bildnis so stark wie jenes von Cecilia Gallerani. Das 1489/90 in Mailand gemalte Porträt hatte sie sich von der Porträtierten sogar ausgeliehen. Ein Tabu: Denn Cecilia war die Mätresse ihres Schwagers, Ludovico Sforza, Fürst von Mailand.

Nicht nur Isabella war begeistert über dieses ungewöhnliche Porträt. Üblicherweise wurden Frauen in Norditalien damals schemenhaft und im strengen Profil gemalt. Niemand sollte ihnen in die Augen schauen, niemanden sollten sie mir ihrem Blick verunsichern. Bestellt wurden Frauenbildnisse meist zur Hochzeit, als Teil der Mitgift.

Cecilia war keine Braut, zwar erst 16 Jahre jung, aber selbstbewusst und sich ihrer Macht als Mätresse des mächtigsten Mannes in Mailand bewusst. Leonardo zeigt ihr Gesicht, ihre Augen, ihren Stolz und lässt sie durch die gegenteilige Drehung von Oberkörper und Kopf dynamisch erscheinen. Wen sie und das muntere Hermelin anblicken, lässt der Künstler offen. Über die Symbolik des Hermelins (Reinheit, Statthalter Sforzas, Schwangerschaft), über Leonardos Technik des Sfumato, der vielen hauchdünnen, verschleiernden Lasurschichten, wie über die Geschichte des Bildes wurden Bücher gefüllt.

Geringe Männerquote

Nicht erst in seiner Mailänder Zeit (1482–1499) malte da Vinci starke Frauen. Wie die Kunsthistorikerin Kia Vahland in ihrem neuen Buch «Leonardo da Vinci und die Frauen» ausbreitet, gibt Leonardo seinen belle donne als unerhörte Neuheit Stimme und Verstand und eine Seele. Sie rechnet zudem vor, wie gering die Männerquote in seinen wenigen Gemälden ist – selbst wenn man die Apostel des «Abendmahls», alle Christusdarstellungen und die Heiligen drei Könige dazurechnet. Wenn Leonardo Männer malte, dann schöne, androgyne Jünglinge. Oder wie beim «Abendmahl» in Mailand Figuren, deren Gestik und Mimik er bei Spaziergängen im Alltag skizziert hatte. Und er schuf kein einziges Porträt eines Herrschers.

Schon das erste profane Frauenbildnis Leonardos war kein Brautbild, sondern das Porträt einer platonisch Angebeteten. Ideale Frauen zu besingen, hatte Francesco Petrarca im 14. Jahrhundert in seinen Canzoniere über die ideale Laura vorgemacht. Die Medici-Fürsten in Florenz wie die reichen, gebildeten Bürger machten es ihm gerne nach. Nicht nur Muse, sondern ebenbürtige Dichterin war die Florentinerin Ginevra de’ Benci für den Venezianer Bernardo Bembo. In Leonardos Darstellung von 1478 ist sie schön wie ein Engel, aber blickt als gebildete Gesprächspartnerin dem Maler wie den Betrachtern selbstsicher in die Augen.

Selbstbewusste Madonna

Doch nicht nur die schönen Geliebten zeigt da Vinci als starke Frauen, sondern auch seine Madonnen. Schon bei der «Verkündigung» von 1472/75 sitzt bei ihm keine zitternde, beschämt zu Boden schauende Maria. Nein, er malt eine selbstbewusste in der Bibel lesende Frau, die den knienden, adrogyn-hübschen Erzengel Gabriel mit erhobenem Kopf begrüsst. Leonardo sperrt sie nicht wie üblich ins Haus, sondern zeigt sie auf der Terrasse. Die Gartenmauer hat einen Durchgang: Die Weite der Landschaft, die Welt stehen dieser Maria offen.

Auffällig ist, welch grosse, kräftige Hände Leonardo seinen Frauen zugesteht. Die Madonna in der Felsgrotte braucht sie, um die munteren Buben in der wilden Einöde zu beschützen. Johannes (dem Täufer) legt sie die Rechte liebevoll auf die Schulter, mit der Linken segnet sie Jesus, der neben Engel Uriel arg gefährlich am Abgrund sitzt. Warum er den Figuren in der ersten Fassung keine Heiligenscheine malte und mit Gold sparte und warum das Gemälde nicht bei der bestellenden Bruderschaft landete, wissen wir nicht genau. Die zweite Version der «Felsgrottenmadonna», unter Mitarbeit von Schülern entstanden, enthielt dann die üblichen Attribute. Nur bei der mütterlichen Kraft Marias machte da Vinci keine Abstriche. Erklärt wird Leonardos Vorliebe für starke Frauen mit seinem Verständnis, Frauen als schöpferisches Ebenbild der von ihm verehrten Natur zu sehen.

Er selber galt als genial, aber man warf ihm auch vor, unzuverlässig und langsam, eigenbrötlerisch, homosexuell und eitel zu sein, ein Wanderer von Mächtigen zu Mächtigen. Seine «Mona Lisa», sein fulminantes letztes Frauenbildnis, gab er gar nicht mehr aus den Händen. Seine Linie als Maler – lieber langsam, aber perfekt, lieber eigen- als fremdbestimmt – hielt er konsequent durch. Zum Leidwesen von Auftraggebern wie Isabella d’Este, zum Glück für uns Heutige.