Kunsthalle

Leere Blicke, leere Gesten, voller Angst

Vor schwarz lackiertem Aluminium versucht ein Performer (rechts), sich um sich selbst zu drehen, während seine Kollegin durch die Besucher hindurchstarrt.

Vor schwarz lackiertem Aluminium versucht ein Performer (rechts), sich um sich selbst zu drehen, während seine Kollegin durch die Besucher hindurchstarrt.

Pünktlich zur Art Basel wird in der Kunsthalle aufgetrumpft und Anne Imhof gestaltet eine mehrtägige Oper fürs Museum.

Angst. Am Anfang stand der Titel und die Idee, eine Oper zu schaffen. Die deutsche Künstlerin Anne Imhof baut ihre Konzepte zunächst mit kühlem Kopf und erschafft am Ende doch starke Emotionen, die haften bleiben. Pünktlich zur Art hat die Kunsthallen-Direktorin Elena Filipovic mit ihr eine junge Künstlerin eingeladen, die gerade hoch im Kurs steht. Denn vor wenigen Monaten hat die in Frankfurt am Main ansässige Imhof den begehrten Preis der Nationalgalerie in Berlin erhalten. Die Ausstellung-als-Oper besteht aus grossformatigen Gemälden, aus mit Buttermilch, Wasser und Whisky gefüllten Becken und aus den Aktionen einer Gruppe Performender in den drei Ausstellungsräumen. Eine Bühne gibt es nicht. Die Besucher bewegen sich frei und schauen den Performern zu, die noch bis Sonntag täglich für ein paar Stunden auftreten.

Es ist das bisher grösste und umfangreichste Werk in Imhofs Schaffen und wird anschliessend in den Hamburger Bahnhof in Berlin sowie zur Biennale de Montréal weiterziehen. Erst dort lassen sich dann der zweite und dritte Akt dieser Oper, die so rein gar nichts opernhaftes an sich hat, erleben. Zur Vernissage in Basel, die mit «The Prophets» überschrieben war, kamen die Besucher in Scharen.

Vorsicht, lebende Falken

Obwohl Elena Filipovic immer wieder betont, die Ausstellung würde auch ohne Performer funktionieren, sind es doch ihre Aktionen, die am eindrücklichsten sind. Als Gruppe marschieren sie zunächst wie auf einem Mode-Laufsteg auf und ab. Hier ist der leere Blick bereits Programm. Immer wieder verlangsamen sich ihre Schritte und frieren fast zu Standbildern ein. Die ursprünglich als Fotografin ausgebildete Imhof überlegt sich für ihre Performances zunächst sehr präzis gebaute Bilder. Wie die Performer dann von einem zum nächsten Bild kommen, können sie selbst entscheiden.

Es sind Tänzer, Models, Studenten und Freunde von Imhof, mit denen sie teilweise schon seit mehreren Jahren zusammenarbeitet. Sie alle sind jung und tragen schlabbrige Alltagskleidung. Sie führen einzelne Gesten aus – wie plötzliches Hochreissen des Armes – und verharren in ihren Positionen, bis vom Handlungsimpuls nichts mehr übrig bleibt und die Gesten gänzlich leer und bedeutungslos geworden sind. «Zombies» wurden die Akteure von Imhofs Performances von einem Kritiker einmal genannt. Aber in Wirklichkeit sind sie Schablonen einer jungen Generation, die sich mit Coolness schmückt, Pepsi-Dosen wie kostbare Sammlungsobjekte vor sich aufstellt und ihre Selbstbestimmung an Markenprodukte abgibt.

Zwei lebende Falken, die auf Gewichthebestangen sitzen und über eine Leine am Fuss festgemacht sind, führen diesen Freiheitsverlust doppelt vor Augen. Sie dominieren die Performer, ohne es zu wissen. Sie tragen Augenklappen. Vor ihnen dreht sich ein Performer unablässig um sich selbst (siehe Foto) als versuche er, Kopf und Rumpf unabhängig voneinander zu bewegen. Doch diese Falken sind gleichzeitig selbst Gefangene. Wie Traumszenen tauchen einzelne Bilder auf: Der Körper einer Frau wird von den anderen mit hochgestreckten Armen weit über den Köpfen durch den Raum getragen. Opferung oder Rettung? Eine Performerin starrt mit leerem Blick durch die Besucher hindurch und scheint doch um Aufmerksamkeit zu betteln.

Anne Imhof schafft subtile und kraftvolle Bilder mit vielfältigen Deutungsebenen und erfüllt den Raum mit stummen Zeugen und Zeugnissen, die Schritt für Schritt die Erinnerung an ein traumatisches Schicksal freilegen. «Angst» hat keine Handlung wie eine konventionelle Oper, aber jongliert mit den elementaren Bestandteilen dieser Kunstform und macht deutlich: Der Ursprung von Angst, diesem universellen, menschlichen Gefühl, liegt stets in einem Machtgefälle, das von den Performern in immer neuen Konstellationen und einer unerschöpflichen Bildfülle aufgezeigt wird. Sie werden so zu anklagenden Ikonen der Gegenwart.

«Angst» wird in dieser Woche täglich von den Performern bespielt. Höhepunkt ist der fünfstündige «Act I» am Mittwoch.

Mo, 11–14 Uhr: The Lover. Di, 11–14 Uhr: The Choir & 16–19 Uhr: The Clown. Mi, 19–24 Uhr: Act I. Do: 16–19 Uhr: The Spitter. Fr, 17.6., 11–14 Uhr: The Spitter. Sa, 18.6., 19–24 Uhr: Return of the Lover. So, 19.6., 16–19 Uhr: End, 1st of at least three.

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