Er brauche jeweils sehr wenig, wenn er mit einem Buch beginne, sagt Michael Ondaatje. Nur eine Idee von zwei oder drei Figuren, oder eine Situation. Nützlich sei ein Ort oder eine Zeit, oder ein geheimnisvoller Moment. Bei seinem berühmtesten Roman «Der englische Patient» war es eine Krankenschwester, die am Bett mit einem Patienten sprach. In seinem neuen Buch «Kriegslicht», mit dem er in die Zeit des Zweiten Weltkriegs zurückkehrt, war es die Grenze zwischen Krieg und Frieden. Nicht nur das Kriegsende im politischen Sinn, sagt Ondaatje, auch eine Art familiäre Unruhe, und etwas Geheimnisvolles, von dem die Kinder nichts wussten.

«Im Jahr 1945 gingen unsere Eltern fort und liessen uns in der Obhut zweier Männer zurück, die möglicherweise Kriminelle waren», lautet der Anfang seines neuen Romans. Und in diesem Satz klingt viel davon an, was das Buch ausmacht: Da ist der Imperfekt des Märchentons, die Sepiafarbe der Erinnerung, das Zwielicht der Halbwelt, in dem sich Gut und Böse, Angst und Abenteuerlust mischen sowie die über die Familie hinaus erweiterte Wahlverwandtschaft. Nach Singapur würden sie gehen, sagten die Eltern, für ein Jahr. Und mit viel Aufhebens packt die Mutter den Überseekoffer. Doch dann, schon bald nach ihrer Abreise, entdecken die in London zurückgelassenen Geschwister Rachel und Nathaniel, beide im Teenageralter, ihren Koffer mit all den sorgfältig ausgewählten Sachen im Keller.

Schillernde Gemeinschaft

Können sie ihm trauen? Dem unscheinbaren Bekannten der Mutter, den die Kinder «Falter» nennen und der fortan für sie zuständig ist? Ihm und seinen schillernden Freunden, darunter der «Boxer von Pimlico», mit seinen wechselnden Geliebten, die Opernsängerin, oder der «Imker», der mit seinem Smoker nicht nur Bienen betäubt. «Lauter geschäftige Hitzköpfe, die, nachdem sie im Krieg Grenzen legal überschritten hatten, nun plötzlich zu hören bekamen, sie dürften dies in Friedenszeiten nicht mehr tun».

Während die etwas ältere Rachel sich abwendet und in der Welt des Theaters ihren eigenen Weg geht, empfindet Nathaniel zunehmende Faszination für die Gestalten dieser Halbwelt — «ein Junge, der allein war, ein Fremder unter Fremden, der sich seine Verbündeten und seine Gegner selbst auswählen konnte». Er nimmt einen Job in einem glamourösen Hotel an, er geht mit dem Boxer auf nächtliche Wasserfahrten auf der Themse, wo er Windhunde auf die Insel schmuggelt, später auf nachtdunkle Strassen mit einer anderen, unbekannten Fracht. Mit Agnes, die vielleicht ganz anders heisst, entdeckt er die Liebe in leerstehenden kriegsbeschädigten Häusern, die deren Bruder auf dem Immobilienmarkt verkauft. Doch dann gibt es einen Knall. Mit einem Überfall im Auto, chloroformgetränkten Taschentüchern, einem Messergefecht und einer Verfolgungsjagd wie in einem Spionage-Thriller der 1950er-Jahre taucht die Mutter wieder auf.

Ondaatje lesen heisst in ein flirrendes Gemälde aus Sprache eintauchen — ein rauschhaftes Fresko, das aus einzelnen präzis gezeichneten Bildern eine Atmosphäre im Zwischenbereich von Traum und Wirklichkeit entstehen lässt. Das kommt nicht von ungefähr. Noch bevor der 1943 in Sri Lanka geborene Michael Ondaatje als Autor von Romanen bekannt wurde, hatte er renommierte Preise für seine Gedichte erhalten. Bis heute hat er fast doppelt so viele Gedichtbände wie seine sieben Romane publiziert.

Mit «Der englische Patient», dem Roman über die Zufallsgemeinschaft von vier ganz unterschiedlichen Figuren in einer toskanischen Villa gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, wurde er mit dem Booker Preis ausgezeichnet. Die Verfilmung von Anthony Minghella aus dem Jahr 1996 gewann sieben Oscars.

Nach dem frühen Auseinanderbrechen der Ehe seiner Eltern war Ondaatje in Sri Lanka in der Obhut seiner Onkel und Tanten aufgewachsen, bis er 1954 als Elfjähriger alleine auf einem Schiff der Mutter und den Geschwistern nach England folgte. Mit 18 Jahren zog er von dort weiter zu seinem Bruder nach Kanada, wo er heute lebt. In Interviews sagt Ondaatje wiederholt, er wäre kein Dichter geworden, wäre er in England geblieben. Zu erdrückend war das Gewicht der möglichen Vorbilder. Und darin liegt vermutlich ein Schlüssel zu seinem neuen Roman.

Lückenhafte Geschichte

«Kriegslicht» hat einen zweiten Teil, in dem der nunmehr 28-jährige Nathaniel «in einem Haus mit einem ummauerten Garten» auf seine Jugend zurückblickt. Inzwischen weiss er, dass seine Mutter als Geheimagentin gearbeitet und ihre Kinder nur zu deren Schutz verlassen hat. Sie hatte einen letzten Einsatz, als der Krieg offiziell bereits beendet war, bis 1947 aber noch weiter schwelte. Nathaniel nimmt eine Anstellung bei den Regierungsarchiven an und hofft, dort Hinweise über das geheime Leben seiner Mutter zu finden. Sein Auftrag besteht allerdings darin, belastendes Material aus den Archiven zu tilgen, der zweite Durchlauf der sogenannten «stillen Korrektur» und die Grundlage für die revisionistische Geschichte.

«Ich weiss, wie man aus einem Sandkorn oder dem Bruchstück einer Wahrheit, das man entdeckt hat, eine ganze Geschichte machen kann», sagt Nathaniel im Buch. Eine Aussage, die gleichermassen für Ondaatjes Verständnis von Schreiben gelten mag, wie für die Leseerfahrung dieses Romans. «Ich wollte alles, was ich bei Gedichten liebte in die Prosa mitnehmen», erklärte der Autor in einem Interview, «das bedeutete vor allem, nicht alles zu sagen. Man schreibt 70 Prozent auf, und lässt dann dem Leser viel Raum teilzunehmen.» In «Kriegslicht», das aus der doppelten Perspektive des Teenagers und des zurückblickenden jungen Mannes von Selbstfindung und Orientierung in einer Zeit erzählt, in der Gewissheiten ausgehebelt, oftmals in ihr Gegenteil verkehrt und voller Lücken waren, hat Michael Ondaatje dem Leser sehr viel Raum gelassen. Darin liegen der Reiz und das Risiko des Romans.