Expressionismus heisst knallige Farben und wilde Gefühle, heisst Überschwang, Freiheitsdrang – und heisst deutsch. Denn als Expressionisten gelten laut Schulbuch vor allem deutsche Künstler, die kurz nach der Jahrhundertwende ihren grossen Aufbruch feierten: Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Franz Marc, Karl Schmidt-Rotluff. «So habe er das an der deutschen Uni auch gelernt», sagte Kunsthaus-Direktor Christoph Becker. «Doch nun muss ich umlernen.»

Er kann das in einer Ausstellung in seinem eigenen Haus. Der Titel: «Von Matisse zum Blauen Reiter. Expressionismus in Deutschland und Frankreich». Das klingt einfach und man erwartet, dass die Ausstellung einen Weg aufzeigt. Von Henri Matisse, dem farbenfrohen, fast abstrakten Franzosen und Vertreter des Fauvismus bis zur 1912 in Murnau und München gegründeten berühmten Expressionisten-Gruppe. Denn, so die Theorie von Forscher und Ausstellungs-Initiator Timothy O. Benson: «Die jungen deutschen Künstler waren elektrisiert von Vincent van Gogh, waren nach ihren Reisen nach Paris begeistert von den Fauvisten.» Zudem hätten fortschrittliche Galeristen in Deutschland die französischen Maler ausgestellt.

Theorie und Praxis

Doch die Kunstgeschichte war komplizierter. Sie war keine Einbahnstrasse und auch zeitlich passierte nicht alles in geradliniger Abfolge. Bensons Fazit: Eigentlich war es «ein ständiges Geben und Nehmen über die Grenzen hinweg.»

Die Ausstellung soll nun die Theorie sichtbar machen. Sie soll nicht nur die komplexen gegenseitigen Beeinflussungen zeigen, sondern auch die Entwicklung des Expressionismus von etwa 1880 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges, der all die reichen internationalen Verflechtungen zerschlug. Und zudem wird noch auf die einzelnen Strömungen und Gruppen fokussiert. Eine Herkules-Aufgabe, die gescheitert ist.

Eine Pariser Wand sei die zentrale Zeit-Achse, erklärte Kuratorin Cathérine Hug, darum herum gruppiert sei, was in Deutschland, in den einzelnen Städten oder Gruppen passiert sei. Die Idee ist gut, in der Praxis aber funktioniert das Konzept nicht. Verwirrung statt Erkenntnis ist das Resultat. Warum hängen denn nun französische und deutsche Bilder fröhlich durchmischt nebeneinander? Muss man tatsächlich mit pointillistischen Bildern von Paul Signac beginnen? Warum nicht mehr der bahnbrechenden und einflussreichen Fauvisten zeigen? Man verliert schnell den Faden. Das ist schade. Aber auf der anderen Seite: Die Bilder sind grossartig, sind süffig. Doch bevor man verwirrt aufgibt und einfach naiv in die Bilderpracht eintaucht, möchte man ja verstehen.

Leicht verstehen kann man, wie van Goghs «Strohdächer in Chaponval» oder sein «L’homme à la pipe» die deutschen Maler elektrisierte. Oder man versteht intuitiv die farbliche Verwandtschaft, denselben Rot-Grün-Gegensatz-Klang von André Derains «Bâteaux dans le port de Collioure» von 1905 und Ernst Ludwig Kirchners «Tanzlokal Bellevue» (1909/10). Warum hängt dann aber das farblich und stilistisch verwandte «Intérieur à Collioure» (1905) von Henri Matisse nicht bei diesem Paar? Und müsste man nicht auch Kirchners «Dodo am Tisch» mit Matisse und den farblich vibrierenden Transvestiten in «Modjesko, chanteur soprano» von Kees van Dongen zueinanderbringen?

Fragen bleiben

Und war selbst der innerdeutsche Expressionismus wirklich nur ein deutsches Phänomen? Die Gruppe der in Dresden und Berlin beheimateten Künstlergruppe Brücke war es zum grossen Teil. Doch die zweite grosse Künstlervereinigung, der Blaue Reiter, entstand zwar 1911 in Murnau und München, aber war eigentlich ein internationaler Melting Pot. Initianten waren der Russe Wassily Kandinsky und der Deutsche Franz Marc. Eng verbunden waren Alexej Jawlensky, Marianne von Werefkin (beides Russen), Gabriele Münter oder der Franzose Robert Delaunay.

Wir verschieben die kunsthistorischen Überlegungen, schliesslich verspricht der umfangreiche Katalog Hilfe. Lieber nutzen wir die Zeit vor den Originalen. Wir bewundern die Radikalität von August Mackes «Landschaft mit Kühen und Kamel» und von Karl Schmidt-Rotluffs rot-blauem «Deichdurchbruch», die Farbpracht von Marianne von Werefkins «rotem Baum» oder die nervöse Grossstadt-Hektik in Kirchners «Strasse in Berlin». So wird aus der Verwirrung Begeisterung.