Performance

Labiler Raum, beherrschte Kunst

Martin Zimmermann wird in der Fondation Beyeler zum eigenartigen und eigensinnigen «Besucher». ZVG/Caroline Minjolle

Martin Zimmermann wird in der Fondation Beyeler zum eigenartigen und eigensinnigen «Besucher». ZVG/Caroline Minjolle

Der Tanztheater-Clown Martin Zimmermann bespielt das Beyeler-Museum in Riehen.

Der Flügel spielt, auch wenn niemand daran sitzt, und auf der Leinwand, die sich vor uns aufspannt, sehen wir den Teich vor dem Beyeler-Museum mit seinem ruhigen Wasser. Bis plötzlich einer daraus auftaucht: Martin Zimmermann, nass bis auf die Knochen. Er steigt an Land, umrundet das Museum, klopft an die raumhohen Fenster, erschleicht sich den Einlass und geht – jetzt trocken, aber im löchrigen T-Shirt – durch die schönen Räume. Schaut sich die Werke an, ist mal Besucher, mal Aufseher, und keine falsche Ehrfurcht trübt Neugier und Treuherzigkeit. Am Flügel sitzt jetzt Colin Vallon und spielt beherzt gegen die automatische Endlosschleife an.

«Der Besucher» heisst die Performance, die Martin Zimmermann, der Tanztheater-Clown, längst bekannt aus der Zusammenarbeit mit Dimitri de Perrot, für die Calder-Fischli/Weiss-Ausstellung erarbeitet hat und die von Freitag bis Sonntag drei Mal zu sehen war. Ein Programm, das die Struktur der Ausstellung, die Werke zweier Künstler(gruppen) verbindet, kopiert: Im ersten Teil gibt es einen Slapstickfilm, der in den Museumsräumen spielt, im zweiten eine Bühnenshow. Live.

«Der Clown existiert mit seiner Silhouette, und das ist schon die Geschichte», hat Martin Zimmermann in einem Interview gesagt. Der fadendünne Athlet mit dem ausdrucksstarken Gesicht und den grossen Augen bewegt sich wie ein Kind durch die Ausstellung und zeigt uns dabei nebenbei auch, wie fraglos wir Verhaltensregeln übernehmen.

Er gibt den Besuchern, die die Ausstellung verlassen, grüssend die Hand, ist faszinierter vom Feuerlöscher und dem Arbeiter-Znüni hinter einer Tapetentür als von den kostbaren Werken, die darüber hängen, und aus Fischli/Weiss’ «Dünger»-Installation nimmt er sich, ohne zu zaudern, den «Pflanzenvernichter» mit für den Putzwagen.

Kein Bild, ein gerahmtes Loch

Den Übergang in den zweiten Teil markiert ein schwarzes monochromes Bild – das natürlich an Malewitsch denken lässt und die wunderbare Ausstellung hier im vergangenen Winter. Es ist aber kein Bild, es ist ein gerahmtes Loch. Martin Zimmermann verschwindet darin und findet sich im Museumsmagazin wieder, wo es nicht nur ein Miniaturmodell der Ausstellung gibt, in dem er sich als Gulliver erweist, sondern auch eine grosse Schachtel, die dem Versteckkasten aus seinem Soloprogramm «Hallo» zum Verwechseln ähnlich sieht. Und dann erscheint er auch wirklich auf der Bühne. Steht da und grinst. Und da ist ja auch der eckige Raumkasten, der sich unentwegt zur Raute verschiebt und zusammenklappen lässt, und auf dem er herumturnt; Martin Zimmermann ist zurück in Teilen des Bühnenbildes von «Hallo» – aber Museen sind ja auch keine Produktionsstätten, sondern zeigen, was schon da ist und wert, erhalten zu bleiben.

Was folgt, sind schöne Nummern im und mit dem Klapp-Raum, dem Spiegel-Turm, der Maske und dem künstlichen Zwillingskörper, der Melone, die sich zerschmettern lässt, der Kapitänsmütze und dem unsäglich hässlichen Mantel.

Verspielt, aber hochpräzise

Scheinbar verspielt ist das alles, doch hochpräzise, der Mann auf der Bühne kämpft und tanzt, buhlt und posiert, zunehmend dramatisch angetrieben und doch gehalten von der Musik, die Colin Vallon aus dem edlen Flügel holt. Man kann sich sehr viel Gescheites denken bei diesen Szenen, die von Spiegelungen leben und von Doppelungen, der Durchlässigkeit von Grenzen und dem Gegensatz von Organischem und Künstlichem, Festem und Labilem, aber man kann eine Dreiviertelstunde lang auch einfach nur zuschauen und die Kunst, die einem hier geboten wird, geniessen. «Und das ist schon die Geschichte.»

Weitere Fokus-Veranstaltungen zu Werken von Alexander Calder und dem Schweizer Künstlerduo Fischli/Weiss und zum Thema des labilen Gleichgewichts: über Tanz (6. Juli, Prof. Dr. Christina Thurner), Ökologie (17. August, Markus Ritter) und Physik (31. August, Dr. Martin Bammerlin).

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