Kurt Marti Selbstauslegung am Stammtisch

Kurt Marti Selbstauslegung am Stammtisch

Für sich genommen, könnte man sich jede der vier kleinen Strophen von Kurt Martis Gedicht «vilicht» als unwirsch dahergebrummelte Äusserung an einem Stammtisch vorstellen.

Provokativ und trotzig lässt hier jemand die altbekannte Beschwerde anklingen: Man darf ja nicht mal mehr denken und reden, wie man will; man lässt einen ja nicht mehr sein und machen; vielleicht ists gescheiter, sich gar nicht mehr zu rühren! In den paradoxen Behauptungen steckt zugleich eine bittere Selbsterniedrigung. Das Beste, was ich tun kann, ist, gar nichts zu tun.


Im Ganzen verbinden sich die vier Abschnitte zu einem formal strengen, auf Wiederholung setzenden Gedicht. Darin zeigt sich seine Verwandtschaft zur konkreten Dichtung, die in den 50er-Jahren der Schweizer Eugen Gomringer mitgeprägt hatte. Die Sprache als materiellen Gegenstand zu gestalten, diesen Grundsatz hatte Kurt Marti 1967 in seinem Lyrik-Debüt «rosa loui» erstmals auf eine Schweizer Mundart angewandt.


Sechs Jahre später, im Band «undereinisch», dem unser Gedicht entnommen ist, kam eine Vielzahl von weiteren modernen lyrischen Formen ins Spiel. Marti hatte massgeblich dazu beigetragen, die Gleichsetzung von Mundartlyrik mit Heimatidyll und Konvention zu überwinden. In der Sprache seiner Landsleute, genauer: im Berndeutschen, griff er in der Folge immer wieder herzhaft in politische und gesellschaftliche Debatten ein.

Mildernde Modalverben

Wenn nicht p, dann p. Auf diese Formalisierung lassen sich die vier Konditionalsätze reduzieren. Somit wären sie selbstwidersprüchlich und sinnlos. Es sei den, man argumentierte, p sei eben nicht gleich p und würde äquivok verwendet, wie es in der Sprache der Logik heisst: Ungleiches wird gleich bezeichnet.

Zur Entwirrung tragen die Modalverben «müesst» und «sött» bei. Beim Machen und Sein steht das Gesollte einem anderen Sein und Machen gegenüber. Vielleicht ist so etwas gemeint: Wer nicht mehr arbeiten muss, wird Lust bekommen, sich zu engagieren. Wer nichts mehr darstellen und vorschützen muss, findet sich selbst.

Der Schriftsteller und alt Pfarrer Kurt Marti zusammen mit seiner Gattin Hanni am Freitag, 19. Januar 2001 in ihrem Domizil in Bern.

Der Schriftsteller und alt Pfarrer Kurt Marti zusammen mit seiner Gattin Hanni am Freitag, 19. Januar 2001 in ihrem Domizil in Bern.

Nicht durch mildernde Modalverben abgefedert sind allerdings die Sätze über das Sagen und Denken. Doch auch hier ist eine Ent-Äquivokation denkbar. Nur wer aufhört, daherzuplappern und anderen nachzureden, wird etwas Neues sagen. Nur wer den immergleichen Gedankenstrom einfach mal kappt, wird die Musse finden, einen echten, eigenen Gedanken zu fassen.

Kein Anspruch auf Gnade

Denken, machen, sagen, sein – aber richtig! Eine solche Auslegung bringt die Lektüre in die Nähe der Existenzphilosophie, etwa des frühen Martin Heidegger, der davor warnte, der Betriebmacherei und dem Gewäsch des «man» zu verfallen, statt sein «eigentliches Leben» zu ergreifen.

Das Grundmuster dieser expressionistisch zugespitzten Lebensauslegung, zu dem der ehemalige katholische Theologiestudent Heidegger durch Augustinus inspiriert wurde, ist auch ein christliches. Der Berner Pfarrer und Schriftsteller Marti war seinerseits Theologe und vertraut mit den Strategien der christlichen Tradition zur Relativierung alles allzuweltlichen Strebens.

«Nüt me», nichts Eitles mehr denken, machen, reden, sein; aufhören, das Falsche zu tun, behaupten und verlangen: Das könnte die radikale Version eines religiösen Ideals sein. Doch Martis Gedicht redet nicht einer abermaligen Streberei das Wort, denn alle Wenn-dann-Sätze sind mit dem titelgebenden «vilicht» eingeleitet.

Vielleicht denke, handle, spreche und existiere ich unter geeigneten Umständen dereinst überhaupt – vielleicht aber auch nicht. Hier lauert eine noch schwärzere Seins-Möglichkeit. Mit Gnade ist eben nicht zu rechnen, auch wenn einer alles richtig macht. Die Gelassenheit des Demütigen, philosophische Daseinsanalyse und Trötzelei am Stammtisch: All das spricht aus Martis Berndeutschen Zeilen.