So umfassend wie «Die Revolution ist tot. Lang lebe die Revolution!» hat sich wohl noch keine Ausstellung mit dem künstlerischen Umbruch befasst, welcher der Oktoberrevolution vor 100 Jahren vorausgegangen ist. Die Doppelschau im Kunstmuseum Bern und Zentrum Paul Klee untersucht die beiden grossen Kunstbewegungen, die nach der Revolution die Gesellschaft neu definieren wollten.

In Kunstwerken gesprochen: das «Schwarze Quadrat» (1915) von Kasimir Malewitsch auf der einen, das heroische Stalinporträt (1930er) von Alexander Gerassimow auf der anderen Seite.

Abstrakte Künstler wurden verfolgt

Dieser Gegensatz ist leider nicht unmittelbar erfahrbar. Die Ausstellungen sind streng geteilt: da die abstrakte Kunst von Konstruktivisten und Suprematisten im Zentrum Paul Klee, dort der soziale Realismus im Kunstmuseum Bern.

Die Chefkuratoren Michael Baumgartner (ZPK) und Kathleen Bühler (Kunstmuseum) beschäftigten sich unabhängig mit ihren Stilgebieten, die ab 1934 auch eine räumliche Trennung erfuhren: Nachdem Stalin eine Kunstdoktrin erlassen hatte, war abstrakte Kunst in der Sowjetunion inexistent. Sie wurde aus Museen und Kunstschulen verbannt, die Künstler wurden verfolgt und mussten flüchten.

Doch die Grenzen waren und bleiben fliessend. Ein verklärter Blick auf den Kommunismus führte ausserhalb der UdSSR zu sozialistisch-realistischen Strömungen, etwa in Lateinamerika (Stichwort: Diego Rivera). Künstler wie Ilya Kabakow, der offiziell als Illustrator arbeitete und im Untergrund eine eigene Bildsprache entwickelte, blickten später in versöhnlich-nostalgischem Ton auf ihr Leben in der UdSSR zurück.

Innerhalb der Landesgrenzen wiederum hielten sich sowjetische Künstler oft nur vordergründig an die strengen Auflagen Stalins. Werke von Künstlern wie Kusma Petrow-Wodkin, der im Kunstmuseum mit «Einweihungsfeier (Arbeiter Petrograd)» (1937) vertreten ist, funktionieren wie Bilderrätsel. Auf den ersten Blick bilden sie die kommunistische Wunschrealität ab, zeigen junge, gesunde Menschen vor blauem Himmel oder in Wohngemeinschaften in enteigneten Herrschaftsappartements.

Durch den realistischen Blick, den der Künstler bewusst auch auf aufgetürmtes Schmutzgeschirr oder herausfordernde Gesichter von Kontra-Revolutionären richtete, übte er im Rahmen des Möglichen Systemkritik – eine Taktik, die schon Freskenmaler der Renaissance anwandten. Wer dachte, sozialer Realismus sei plakative, zweidimensionale Kunst, wird eines Besseren belehrt.

Ebenso augenöffnend funktioniert der Ausstellungsteil im Zentrum Paul Klee. Die streng geometrischen Gemälde und Skulpturen von Alexander Rodtschenko, Wassily Kandinsky, El Lissitzky oder Ljubow Popowa ordneten nach der Wende zum 20. Jahrhundert die Kunstwelt neu. Die radikale Reduktion, die nach Stalins Kunstdoktrin zwar verboten war, als grafisches Element aber die Propagandaplakate prägte, könnte leicht als reine Formspielerei abgetan werden.

Doch es war vielmehr die Neuinterpretation der Kunst im modernen Zeitalter. Und eine Verdichtung. So nannte Malewitsch sein «Schwarzes Quadrat» eine Ikone. Das Bild musste im Ausstellungsraum am Ort platziert werden, der eigentlich der religiösen Ikone vorbehalten war. Das Spirituelle, reduziert auf ein Symbol – analog etwa zum Kreuz im Christentum.

Ästhetische Revolution

Diese ästhetische Revolution auf streng geometrische Formen beeinflusste Kunstschaffende weltweit, so auch den Hauskünstler Paul Klee oder die Zürcher Konkreten um Max Bill. Nicht alle Nachfahren der Konstruktivisten und der spirituelleren Suprematisten vermochten jedoch eine eigene Formsprache zu finden. Einige Positionen in der Ausstellung wirken austauschbar oder durch Fälschungen zur heiklen Ware.

Gerade von Malewitsch kursieren unauthentische Bilder. Darum griff Michael Baumgartner auf die Beratung von Kuratoren zurück, die im Umgang mit russischen Leihgaben geübt sind. Ausserdem wurde ein besonderes Augenmerk auf die Herkunftsgeschichte der Werke gelegt.

Am Ende öffnen beide Ausstellungen den Fokus und präsentieren zeitgenössische Werke, in denen sich Bildsprache und Themen der Revolutionsjahre spiegeln. Was schnell ins Beliebige kippen könnte, funktioniert gut – und verdeutlicht, was gute Kunst ausmacht: die universelle Gültigkeit.

Ausstellung bis 9. Juli im Kunstmuseum und Zentrum Paul Klee, Bern.