Was macht eine Sammlung aus? Die neue Ausstellung im Kunstmuseum geht dieser komplexen Frage auf den Grund, und wählt einen unorthodoxen Weg: neun Räume, die verschiedene Schlüsselfiguren und -ereignisse zum Thema haben. Der Name der Ausstellung lautet «Basel Short Stories», wie abgeschlossene Kurzgeschichten sollen die Räume für sich selbst sprechen, aber unter dem Deckel der Stadt und ihrer öffentlichen Sammlung stehen. Sie leben von der freien Assoziation: Mittelalterliche Stiche hängen neben abstrakter Malerei, zeitgenössische Fotografie neben antik anmutender Skulptur.

Direktor Josef Helfenstein hat sich dafür zusammen mit verschiedenen Kuratoren, Künstlern und Wissenschaftern auf eine Schatzsuche begeben. Was hat er dabei erlebt? Wir trafen ihn zum Rundgang.

Herr Helfenstein, wie muss man sich diese Schatzsuche vorstellen: Sie sind spätnachts mit einer Kerze in die Tiefen der Sammlung gestiegen ...

Josef Helfenstein (lacht): So ungefähr. Die Idee für die Ausstellung hatte ich vor meinem Antritt hier in Basel. Ich lebte noch in den USA und schaute mir jeweils nachts, wenn ich Zeit hatte, online die Sammlung an. Dieses spätnächtliche Browsing hat mir für den Anfang geholfen, aber 90 Prozent der Sammlung sind nicht digital erfasst, also nicht einsehbar. Als ich hier 2016 ankam, begann ich zusammen mit Patrick Düblin intensiv Recherche zu betreiben, besprach das Projekt mit unseren Kuratoren, schaute mir Originale an, traf aber auch Menschen, die Basel unter ganz verschiedenen Gesichtspunkten kennen.

Zum Beispiel Michael Kessler, den Leiter des Pharmaziehistorischen Museums. Er schrieb für die Ausstellung einen Text zur Erfindung des LSD.

Albert Hofmanns Entdeckung widmen Sie einen der neun Räume in der Sonderausstellung.

Ja, und der ist exemplarisch für die Entstehung dieser Ausstellung: Wir haben Songs gesucht, die sich mit halluzinogenen Drogen auseinandersetzen, auch Bilder von Pop-Art-Künstlern gehängt, die in den Sixties gross wurden wie Liechtenstein oder Warhol. Wichtig war es, die Brücke vom LSD zu den alten Meistern zu schlagen.

Wir haben zum Beispiel mittelalterliche Stiche gesucht, die die Peinigungen respektive Horrortrips des heiligen Antonius zeigen. Man nannte diese Epidemie damals Antoniusfeuer. Eine schreckliche Krankheit, die auch in Basel immer wieder auftauchte, so wie die Pest. Heute weiss man, dass es sich um eine Pilzvergiftung handelte, vergleichbar mit den Halluzinationen, die durch LSD ausgelöst werden können. Mit solchen Querverbindungen führen wir verschiedene Epochen und künstlerische Positionen zusammen.

Um die Besucher auf neue Ideen und Zusammenhänge zu bringen?

Ja. Die Ausstellung soll diese Art von freier Assoziation fördern, indem sie die Vielfältigkeit, aber auch die Zufälligkeit der Sammlung beleuchtet. Je breiter die Assoziationsmöglichkeiten, desto grösser der Spielraum für Interpretationen. Dieses Angebot eines offenen Sehens ist mir wichtig.

Spielraum, den Sie auch zeitgenössischen Künstlern geben, die Sie in ausgewählte Räume einladen.

Genau. In einem anderen Raum geht es um Maria Sibylla Merian, die wenig bekannte Künstlerin, Naturforscherin und Tochter des Basler Kupferstechers Matthäus Merian der Ältere. Sie ist als erste Frau im 17. Jahrhundert über den Atlantik gereist, um da ihre Forschungen zu betreiben. Alles, was sie gesehen hat, hat sie in Kunst umgesetzt. Ihre Stiche und Aquarelle sind bei uns im Lager und wurden seit Jahrzehnten nicht mehr gezeigt, wenn überhaupt jemals. Im Zusammenhang mit Merian habe ich die Basler Künstlerin Silvia Bächli angefragt, ob sie sich zu diesem Raum Gedanken machen will. Sie willigte sofort ein, befasste sich intensiv mit Merian – und hat den Raum mit kuratiert. Sie hat eigene Werke aus der Sammlung des Kunstmuseums den Werken Merians gegenübergestellt, feine, grossformatige, organisch wirkende Papierarbeiten.

Wir haben auch noch mit anderen Künstlerinnen und Künstlern zusammengearbeitet – Pipilotti Rist etwa für den Raum, den wir der Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Iris von Roten widmen. Mit Miriam Cahn diskutierten wir den Basler Friedenskongress, und Not Vital hat den Friedrich-Nietzsche-Raum mit kuratiert.

Sie waren der Vermittler.

Eine Art Moderator oder Mediator, ja. Ich wollte für einmal die zentrale Perspektive des Kurators aufbrechen, die man dem Publikum manchmal fast aufzwingt.

Interview mit Kumu-Direktor Josef Helfenstein. Er steht im 2. Stock, Story 4 "Wunderliches aus dem Kabinett des Jacob Burckhardt" links neben ihm ein Teil der "Nil-Gruppe" von Malpieri

Josef Helfenstein vor der «Nil-Gruppe» von Malpieri

Interview mit Kumu-Direktor Josef Helfenstein. Er steht im 2. Stock, Story 4 "Wunderliches aus dem Kabinett des Jacob Burckhardt" links neben ihm ein Teil der "Nil-Gruppe" von Malpieri

Die Kunst aus der gängigen Ordnung herauslösen und das Museum für sich selber sprechen lassen. Das Kunstmuseum Basel hat eine riesige, weltberühmte Sammlung. Aber was sich alles in dieser Sammlung befindet, wissen die allerwenigsten, auch die Basler nicht. Das ist wegen der Menge auch gar nicht möglich.

Wie ging die Schatzsuche weiter?

Wir sichteten die Sammlung, und daraus erschlossen sich etwa 20 bis 25 Themen. Viele schieden aus, weil wir das Ganze in einem überschaubaren Rahmen halten mussten. Joseph Beuys zum Beispiel.

Welchen Ausschluss bedauern Sie besonders?

Wibrandis Rosenblatt, die mit drei verschiedenen Reformatoren verheiratet war: Wolfgang Capito, Martin Bucer und Johannes Oekolampad. Sie muss eine sehr beeindruckende Persönlichkeit gewesen sein, die damals wie keine andere die moderne Frau verkörperte. Aber leider gibt es sehr wenig Material über sie. Ein Teil dieser Thematik ist in den Erasmus-Raum eingeflossen: Erasmus von Rotterdam forderte als einer der Ersten öffentlich ein Recht auf Bildung für Frauen. Diesen neuen Blick auf Frauen und Kinder gibt es daher nicht in einem Rosenblatt-Raum, sondern bei Erasmus zu sehen.

Basel war für Erasmus und alle anderen Persönlichkeiten in dieser Ausstellung ein zentraler Ort – was für ein Bild der Stadt hat sich Ihnen bei Ihren Recherchen offenbart?

Ein sehr ambivalentes. Einerseits ist Basel Provinz, andererseits Welt. So haben es Nietzsche und Burckhardt festgehalten. Und auch Erasmus: Für ihn war Basel eine sichere Insel, wo er seine Bücher drucken konnte. Ein Ort der Toleranz, in Zeiten grössten Aufruhrs. Diese Haltung geht bis in den Friedenskongress hinein. Diesen sehe ich als Weiterführung einer 400 Jahre alten Tradition von Toleranz, auf die Basel zu Recht stolz sein kann: Europa war politisch und militärisch kurz vor der Explosion, da kamen Sozialisten aus ganz Europa und durften im Basler Münster gegen den drohenden Krieg protestieren. Die Basler Regierung und die Verantwortlichen für das Münster gaben ihnen sozusagen die Stadt. Das ist bemerkenswert.

Sie haben also selber ein sehr wohlgesinntes Bild der Stadt, arbeiteten ja auch mit privaten Sammlern zusammen für diese Schau. Man könnte fast meinen, Sie wollten sich anbiedern.

Wenn das so ankommt, dann ist das nicht mein Problem. Nein, ich möchte die soziale, intellektuelle, aber auch wirtschaftliche Geschichte der Stadt mit der Kunst verbinden. Wir haben nach meinem Antritt viel Energie aufgewendet, um die Sammlung neu zu zeigen: Die Reaktionen waren sehr positiv, die Leute hängen zwar an ihren Lieblingen, ich möchte ihnen aber auch Neues aus unseren Schatztruhen zeigen. Ich bin sehr dafür, dass Museen stets neue Facetten, Unbekannteres aus ihren Sammlungen zeigen sollten.

Gab es für Sie auch richtige Schätze unter Ihren Funden?

Ja. Dass Iris von Roten nicht nur Bücher geschrieben, sondern auch gemalt hat, ist weniger bekannt. Ich glaube nicht, dass ihre Bilder jemals in einem Museum gezeigt wurden. Wir zeigen zwei, eines davon ein Stillleben mit Iris-Blumen – für mich ein Selbstbildnis.

Sie haben Veränderungen angesprochen: Längst nicht alle Basler mögen Veränderungen. Das trifft auch bei den Hängungen im Kunstmuseum zu.

Ja, das habe ich auch festgestellt. Als wir einige bekannte Werke, etwa von Picasso, umplatziert hatten, erhielt ich erstaunlich viele Reaktionen. Das passte nicht allen Leuten.

Der frische Wind, den Sie ins Museum bringen, sorgte auch für Reibungen.

Ja, das ist auch gut so. Solche Reibungen zeigen ja, wie sehr die Menschen an dieser Sammlung hängen. Die Short Stories sind ein Experiment, entsprechend gespannt bin ich jetzt auf die Reaktionen. Mir geht es darum, das, was man nicht kennt oder aus Betriebsblindheit vielleicht gar nicht mehr sieht, zu zeigen.

"Basel Short Stories. Von Erasmus bis Iris von Roten", Vernissage Freitag, 9. Februar, 18:30 Uhr, Neubau Kunstmuseum.

Die Ausstellung läuft danach noch bis 21. Mai 2018. 

Ticket-Verlosung: Die bz verlost 5x 2 Eintritte. Teilnahme via E-mail oder bis 14. Februar per Post an: bz Basel, Verlosung Kunstmuseum, Viaduktstrasse 42, 4051 Basel.