Ist das ein U-Boot oder ein Schiff, das so ungelenk wie fröhlich über diese Zeichnung dampft? Aus welcher Welt stammen die Geister, die perfekt gemalt, geschliffen wie Porzellanfiguren, aber unheimlich wie HR Gigers Aliens, uns aus blinden Augen anschauen? Sind die Clowns, diese rudimentären Strichfiguren in heikler Balance, lustig oder böse? Aus welcher Volkskunst oder Fantasiewelt stammen wohl die kunstvoll in Ornamenten und gezeichneten Rahmen angeordneten Tiger, Hirsche, Menschen, Häuschen und Bergfotos?

Wer um die labyrinthisch angeordneten braunen Stellwände im Gerolagcenter Olten flaniert, wird mit unterschiedlichsten Bildwelten konfrontiert und ebenso ungewöhnlichen Biografien ihrer Schöpfer. Von der Kuratorin Emeline Fichot erfährt man von Menschen mit schweren, auch psychischen Krankheiten, von Leseschwächen, Sehbehinderungen, von ihrem Leben ausserhalb gängiger Muster. Von Menschen, die einsam stundenlang in ihrer Küche stricheln oder die betreut in Werkstätten ihre Kreativität entfalten können.

Teilhaben statt ausgrenzen

Wir befinden uns in der Ausstellung «Aare Brut» in Olten. Der Titel wirkt so abschreckend wie gesucht, die Sache selber aber ist sehenswert. «Aare Brut» nennt die Behindertenorganisation Procap ihren ersten Kunstpreis der Schweiz für Menschen mit Behinderungen. Im seltsamen Titel werden unterschiedliche Dinge verquickt: Zum einen Art Brut, der Fachbegriff für naive Kunst, für Werke von Aussenseitern und Menschen, die keine Kunstausbildung absolviert haben. Zum Zweiten die Aare, weil die Ausstellung in Olten stattfindet – und sie in den nächsten Jahren allenfalls in einer anderen Stadt an der Aare wiederholt werden soll.

In der Kunstgeschichte hat Kunst von Menschen mit Behinderung in den letzten hundert Jahren einen rechten Stellenwert bekommen, in Lausanne gar ein eigenes Museum. Erinnert sei an Werke von Adolf Wölfli, Louis Soutter oder der Künstler aus dem österreichischen Gugging, die längst in renommier- ten Museen hängen, und die wegen ihrer urtümlichen Kraft, ihrem eige- nen Denk- und Bildkosmos hoch geschätzt werden.

Was gibt es heute Vergleichbares in der Schweiz? Das fragten sich die Initianten von Procap und luden Künstlerinnen und Künstler ein, sich um den ersten Schweizer Preis zu bewerben. Eine Jury mit Fachleuten aus Psychiatrie, soziokultureller Arbeit und Kunstbetrieb sichtete die Dokumentationen und wählte vierzehn Werkgruppen aus.

Mit der Ausstellung und dem Preis wolle man den Werken und ihren Schöpfern «eine Sichtbarmachung» ermöglichen. Kuratorin Emiline Fichot erklärt: «Früher hat man in der Arbeit mit und für Behinderte viel von Égalité gesprochen, heute von Inclusion.» Warum zeigt man sie dann isoliert im Oltner Industriegebiet und nicht in einem «normalen» Museum, eingeschlossen in die gängige Kunstwelt? Und warum betont man die Eigenheit ihrer Schöpfer, ihr Schaffen aus ihrem Inneren und setzt den Interessierten auf der Website völlig nichtssagende Biografien vor, aus denen weder die Art ihrer Behinderung noch ihre besonderen Lebensumstände ersichtlich werden? All diese Fragen und Bedenken konnte der Besuch nicht ausräumen.

Stark an der ganzen Veranstaltung sind die Werke, ist ihre Intensität, Subtilität, ihre rohe Kraft, wie sie Künstler und Sammler Jean Dubuffet einst als Merkmal der Art Brut definiert hat. Sie lohnen den Besuch.

Gewinnerin malt die Welt gut

Der erste Preis der «Aare Brut» wurde am Samstag nun an Rosalina Aleixo aus Fribourg für ihre bunten, lebensfrohen Farbstiftzeichnungen vergeben. Die 50-Jährige besucht meist einen Tag pro Woche die Werkstatt Creham in Fribourg, wo man ihr ein kreatives Umfeld bietet. Beschwingt wirkt die Aufteilung ihrer Bilder in viele kleine Felder, in denen Figuren, Häuser, Landschaften und geometrische Ornamente sich gekonnt und abwechslungsreich durchdringen. Was fröhlich und unbeschwert auftritt, hat aber oft einen traurigen Hintergrund: Rosalina Aleixao greift aktuelle Nachrichten auf, etwa das Lastwagenattentat von Nizza, und malt ihm einen glücklichen Verlauf. Menschen zu trösten, die Welt etwas besser zu erfinden, ist ihr Schaffens-Antrieb.

Aare Brut: Gerolagcenter Olten, bis 28. Oktober, Eintritt frei.