Heimenhausen

Kummers Buben begeben sich auf Frankenjagd

Das Freilichttheater «Alti Sagi» lockt nach 2008 erneut Scharen an. Trotz unsicherer Wetterlage starteten die «6 Kummerbuben» am Donnerstag und gestern Freitag fulminant ihre Produktion. Wer Tickets hat, wird den Besuch nicht bereuen.

Erst gerade spielte Gotthelfs «Gäldstag» in der «Alten Sagi» zu Heimenhausen, möchte man sagen, doch ist es bereits wieder drei Jahre her. Jetzt, an gleicher idyllischer Stätte, mit demselben Verein und derselben Regisseurin, sorgen die «6 Kummerbuben» dafür, dass alle 7500 Sitzplätze auf der gedeckten Tribüne innert 37 Stunden ausverkauft sind. Ein Erfolg, der die 28 Schauspieler und 150 Helfer zusätzlich anspornt. Elisabeth Müllers Buch erzählt die Geschichte der armen Familie Kummer, bisher gab es sie als TV-Vorabendserie und Radio-Hörspiel. Noch nie aber als Theater im Freien.

Einzig das Wetter kann den Beteiligten um OK-Präsident Dieter Widmer einen Strich durch die Rechnung machen: Noch am Donnerstagmittag rang er mit sich, die Vorpremiere planmässig laufen zu lassen. Wetterberichte meldeten lokale, heftige Gewitter – besonders nachts. Keine gute Voraussetzung für ein Freilichtspiel. «Um Viertel nach eins hab ich geschluckt und gesagt, ‹wir spielen›.» Und Widmer sollte recht bekommen, Petrus hielt Blitz, Donner und Platzregen zurück, bis auch der letzte Besucher die «Alti Sagi» verlassen hatte.

Idylle pur

Obwohl es nur eine Vorpremiere war, obwohl die Premiere erst gestern Nacht stieg, nahmen die Schauspieler ihre Aufgabe ernst. Regisseurin Madlen Mathys (sie inszenierte bereits «Gäldstag» und «Polenliebchen») dankte im Vorfeld den Familienangehörigen, die wegen der 68 Proben seit Januar viele Abende alleine zu Hause verbringen mussten.

Der Schauplatz für die Uraufführung als Freilichttheater von Elisabeth Müllers Kummerbuben könnte besser nicht sein: Links steht die alte renovierte Sägerei, rechts die weiss verputzte Gnepfe. Im Hintergrund gurgelt die Oenz, am Kiesplatz zwischen den zwei Häusern plätschert Wasser in einen Brunnentrog. Hühner suchen ihr Gehege nach Körnern ab, auf der Stromleitung putzen sich Singvögel. Verwundert dürften sie sein vor dem, was sich unter ihnen abspielt: Da springen die sechs Buben der Kummers von der Schule heim, da explodiert der Motor eines grünen Oldtimers von Joggi, dem Sohn des jähzornigen Nachbarn und Gemeindepräsidenten Lüthi Hannes. Oder da fährt Bäcker Rothenbühler mit dem Töff vor und verteilt frisches Brot.

Die Kriegskasse füllen

Doch eigentlich geht es in dieser Geschichte nur um eines: Die Kummers haben kein Geld, um die Miete an Lüthi Hannes zu bezahlen. Und der will seinen Zins. Streit ist vorprogrammiert, vor allem, als sich ein reicher Fremder aus der Stadt für das Fluehüsli zu interessieren beginnt. Der Unbill nicht genug, stirbt auch noch Vater Gottfrieds Mutter, sein Bruder aus Bern ist ebenfalls pleite und die schrullige, dauerjammernde Untermieterin Bäbi Scheidegger stürzt in eine Schlucht. Da kann einzig ihr Mann Bänzli für Ruhe sorgen, grandios gespielt von Walter Fankhauser. Gerade ihm ist die Bühnenerfahrung anzusehen, er gewinnt mit seiner ungeschickten, aber herzerwärmenden Art sofort die Herzen der Zuschauer. Sein 150. Auftritt soll es sein an dieser Vorpremiere.

Drehbuchautor Renato Cavoli erzählt mit seiner Theaterfassung aus einer Zeit, als Kinder an Samstagen noch die Schulbank drückten. Als eine Reise aus dem Emmental nach Bern noch ein kleines Abenteuer bedeutete. Als Familien auf dem Lande oftmals jeden Rappen zweimal umdrehen mussten, um zu überleben. Kummers sechs Buben sind es denn auch, die einen Pakt schliessen und eine Kriegskasse zu füllen beginnen, um den fehlenden Zins zu bezahlen. Sie arbeiten in der Bäckerei oder sammeln Holz – und doch geraten sie immer wieder in Verruf.

Tosender Applaus

Nach über zweieinhalb Stunden ist das Stück aus, tosender Applaus von den Rängen. Den Schauspielern ist die Freude anzusehen, doch nach Vorpremiere und Premiere beginnt für sie die Arbeit erst richtig: Bereits heute findet die nächste Aufführung statt, weitere 18 und die Derniere am 13. August werden folgen. Wer Glück hat wie die Kummers am Ende, kann sich vielleicht an der Abendkasse doch noch ein Ticket ergattern.

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