von Roland Erne

Die nüchterne Erkenntnis ist unmissverständlich: «Niemand wartet auf Plakate!» Stephan Bundi, seit Jahren international angesehener und ausgezeichneter Grafikdesigner mit Bündner Wurzeln und eigenem Atelier in Boll bei Bern, muss es wissen. Und er kennt sich damit aus, wie dem Betrachter zwingend entgegenzu- kommen ist.

«Ein Plakat soll auffallen, überraschen und dadurch neugierig machen», hält er beim Treffen im Berner Kunstmuseum-Café fest. Zumal das Format vorgegeben und damit ein «winziges Spielfeld» abgesteckt sei. Unverwechselbarkeit ist ihm denn auch ein elementares Anliegen. Die Königsdisziplin der visuellen Kommunikation verträgt keinen Déjà-vu-Effekt.

Er selber hat sich früh schon für Plakate interessiert, mit denen er im alten Engadiner Bahnhof Samedan aufgewachsen ist. Ersten Entwürfen im Kindergarten-Alter folgte bei der Aufnahmeprüfung zur Grafiker-Ausbildung mit 17 ein «Nabucco»-Plakat als Arbeit nach «freier Wahl».

Verdi und die Oper haben ihm nicht etwa kulturbeflissene Eltern, sondern vielmehr das «Wunschkonzert» von Radio Beromünster näher gebracht. Musik, neben Klassik insbesondere Jazz, begleitet seither weiterhin seinen Arbeitsalltag.

Heute sind Stephan Bundis Plakate in renommierten Kunststätten zwischen Paris und New York, London und Peking präsent. Und sein Flair für Literatur, Musiktheater und Schauspiel kommt mit Buch-Illustrationen für den Berner Cosmos Verlag und Theaterplakaten zum Zug.

Nach Arbeiten für das Stadttheater Bern in der Ära Gramss ist seine Handschrift seit dem Amtsantritt von Intendant Beat Wyrsch auf den Plakaten des Theaters Biel Solothurn erkennbar. Bundis Botschaften kommen auch in Fachkreisen an. Mehrere seiner Werke wurden in den ersten beiden Spielzeiten Wyrschs am Jurasüdfuss mit Auszeichnungen dekoriert.

Allein sechs Theaterplakate der vergangenen Saison (zu den Opern-Produktionen «Lucia di Lammermoor» und «Otello» sowie zu den Schauspiel-Inszenierungen «Tartuffe», «Antilopen», «Genannt Gospodin» und «Leonce und Lena») schmückt der «Red Dot Award Communication Design 2009», vergeben von einer jedes Jahr neu bestimmten Jury in einem international anerkannten Wettbewerb.

Auf grosse Resonanz stiess insbesondere Bundis «Tartuffe»-Plakat, prämiert auch mit einem Platin Award vom Graphis Poster Annual in New York und im Wettbewerb «100 beste Plakate 08» (Deutschland, Österreich, Schweiz).

Die bildstarke «Tartuffe»-Variation (Bundi hält sie im Bild rechts in den Händen) will einem in der Tat nicht mehr aus dem Kopf, kaum hat man sie wahrgenommen. Der auch für Unternehmen, soziale Institutionen und andere Kulturveranstalter tätige Gestalter spricht von einem aus der Ferne und Nähe unterschiedlich erkennbaren Kippbild mit eingesetztem Text als Bildelement.

Über dem ausgeschnittenen bzw. schematisch angeschnittenen Konterfei von Hauptdarsteller René-Philippe Meyer schwebt ein schwarz eingefärbter Heiligenschein, Kinn und Hals begrenzt ein «Schriftkragen» - Ausdruck des anvisierten Bezugs zwischen Bild und Typografie.

Bundis Plakat-Aussage zielt auf das scheinheilige Wesen von Molières zweigesichtiger Titelfigur und wurde offenkundig weit herum verstanden. «Ich will das Anliegen des Autors visualisieren, nicht mich selbst», sagt er dazu und verweist auf eine auch durch seine Dozententätigkeit an der Berner Kunsthochschule weiter gegebene Empfehlung: Es gilt, den Inhalt auf den Punkt zu bringen, ohne beispielsweise den Ausgang des Stücks zu verraten.

Zudem sieht er sich in fast allen Bühnenwerken mit «Liebe, Mord oder Totschlag» konfrontiert. Also ist mit einem Theaterplakat eine Antwort zu finden auf die Frage: «Was ist an einem bestimmten Stoff spezifisch anders als in ähnlich gelagerten Vorlagen?»

Hinzu kommt die ausgesuchte Farbgebung, für die Plakate des Theaters Biel Solothurn aus Budgetgründen meist mit nur zwei Druckfarben - «eine herausfordernde Einschränkung». Mit Blick auf das «Tartuffe»-Sujet hat er sich für die «zeichenhafte» und «emotional besetzte» Farbkombination Gelb-Schwarz entschieden. Stichworte dazu: Gefahr und Gift, Salamander und Wespen.

Geleitet von der Wahl einer je nach Aufgabe angewandten Technik, ist Bundi daran gelegen, von A bis Z alles selber zu machen, von Fotos über Farbauszüge bis hin zu Lithos; für die Theaterplakate zu Bieler und Solothurner Produktionen vertraut er in der Regel auf eine am Computer bearbeitete Mischform zwischen Zeichnung und Fotografie.

«Eine Plakat-Idee muss reifen», betont Bundi, um beizufügen, dass zum Produktionsprozess das Effektvolle des Unerwarteten gehört. Für die Umsetzung bis zur Fertigstellung einer druckfertigen, lithotechnisch bearbeiteten Datei investiert er jeweils rund vier Arbeitstage. Hunderte, wenn nicht Tausende von Ideen habe er in den letzten 35 Jahren skizziert und wieder verworfen, weil sie für den jeweiligen Auftrag nicht richtig waren, bekennt Bundi und verhehlt nicht, dass er für ein neues Thema auch mal Recycling betreibt.

«So gesehen, finde ich heute eine Idee wesentlich schneller als in früheren Jahren - die Erfahrung macht es aus.» Und durch seine Ausbildungstätigkeit ist sich Bundi bewusst geworden, dass Wissensvermittlung zur Klärung zuvor unausgegorener Ideen beiträgt.

Am Theater Biel Solothurn schätzt er die inspirierenden Gespräche mit dem künstlerischen Personal als Basis für sein eigenes Mittun. Wobei sein Engagement als Plakat-Designer ganz selbstverständlich an die Stück- und Hörlektüre für jede Produktion geknüpft ist. Zudem besucht er alle Inszenierungen beider Sparten.

Den Reiz seiner Gestaltungsarbeit für das Theater hat Bundi überdies schnell erklärt. Der Raum für immer wieder ebenso anspruchsvolle wie spannende Kreativität sei so gross und weit wie sonst nirgends, gibt er zu bedenken. Mit seinen Worten: «Kulturplakate entwerfen ist wie einatmen, gute Alltagswerbung wie ausatmen.»