Globalisierung ist ein Reizwort. Wir tun uns schwer mit ihr. Ist gerade WEF in Davos, steht sie in der Kritik. Die geht dann gegen diejenigen, die von ihr profitieren. Ist gerade Ferienplanung angesagt, sehen wir das Ganze weniger eng. Dann gehören wir selbst gerne zu den Gewinnern, die sich die Reise dahin, wo es warm und günstig ist, leisten können.

Globalisierung ist kompliziert. Deshalb interessieren sich Künstler für sie. Wo andere Vereinfachung suchen, pflegen sie die Komplexität. Dafür kann eine Reise ins Ausland helfen. Und der Austausch mit Künstlerinnen und Künstlern aus anderen Weltregionen.

In der Schweiz wird solcher Austausch vor allem von der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia und der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit, kurz DEZA, gefördert. Pro Helvetia und DEZA laden vom 8. bis 10. Februar in Basel zu einer Tagung. Crossroads nennt sich das Format, das einen Blick auf und hinter die Kulissen international vernetzter Kulturproduktion erlaubt (siehe Kasten).

Anlass für dieses Mini-Festival mit Aufführungen, Podien und Partys in der Kaserne und an der Universität sind Jubiläen von drei Verbindungsbüros von Pro Helvetia. Das in Neu-Delhi wird zehn, das in Johannesburg 20 und jenes in Kairo 30 Jahre alt.

Es braucht langen Atem

Die Verbindungsbüros – es gibt noch weitere in Moskau und Shanghai – dienen der der Pro Helvetia als Aussenstellen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Büros werden lokal rekrutiert und sind mit den Kulturszenen der jeweiligen Länder vertraut. Jasper Walgrave war lange Zeit der Leiter des Büros in Johannesburg. 2014 kam der gebürtige Belgier in die Schweiz und koordinierte von Zürich aus die Pro Helvetia-Aussenstellen. Derzeit ist er Projektleiter des Austauschprogramms der Stiftung mit Südamerika und leitet das Festival Crossroads.

Es erstaunt wenig, dass Walgrave den Wert des Kulturaustausches mit Südafrika hochhält. So erklärt er: «Die Globalisierung bringt es mit sich, dass es immer mehr Schweizer Künstlerinnen und Künstler gibt, die sich mit Kunstschaffenden und Institutionen in anderen Ländern austauschen wollen. Meistens ist das für die Beteiligten eine sehr intensive Erfahrung»

Die Aussenstellen von Pro Helvetia ermöglichen diese Erfahrung auf zwei Arten: Einerseits vermitteln sie mehrmonatige Aufenthalte für Schweizer Künstler vor Ort. Im Gegenzug besuchen Künstler aus diesen Ländern Partnerinstitutionen in der Schweiz. Zudem koordinieren die Büros Auftritte und Tourneen von Schweizer Künstlern in den jeweiligen Ländern.

Walgrave betont auf Nachfrage, dass der langfristig angelegte Austausch Wirkung zeigt. Gerade die Vermittlung von gemeinsamen Produktionen zwischen Schweizern und Künstlern vor Ort bringe viel. Einerseits erweitere sie den Erfahrungshorizont der angereisten Schweizerinnen und Schweizer. Andererseits bestärke sie die Kulturszene im jeweiligen Land: «Diese Austauscharbeit ist sehr wichtig. Ich habe gesehen, dass Künstler in ihrem ganzen Schaffen bestärkt werden und zu Integrationsfiguren über die Kunstwelt hinaus werden können», sagt Walgrave.

Es brauche jedoch einen langen Atem, bis sich die Kunst aus anderen Kontinenten uns erschliesse. «Es geht letztendlich darum, dass wir die Stereotypen, die sich durch die Geschichte gebildet haben, wieder auflösen. Erst dann können wir einander wieder auf Augenhöhe begegnen. Es dauert, bis wir die Komplexität solcher Begegnungen überhaupt begreifen.»

Die Rolle der Künstler

Einen ähnlichen Entwicklungsansatz verfolgt der Bund mit der Arbeit der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA). Dort geht man davon aus, dass Entwicklungsarbeit weit über wirtschaftliche Hilfe hinausgeht. «Wir sind der Überzeugung, dass eine unabhängige Kulturszene in jeder Gesellschaft eine wichtige Rolle spielt. Auch für Veränderungsprozesse. Sie setzen Themen, regen zum Denken an. Künstler sind häufig Meinungsträger.» Das sagt Géraldine Zeuner, in Bern zuständig für die kulturelle Entwicklungsarbeit der DEZA in rund 40 Ländern. Das tönt nach viel, ist es aber nicht. Die Kulturarbeit macht rund ein Prozent der DEZA-Ausgaben in diesen Ländern aus.

Einerseits werden Institutionen und Kulturschaffende vor Ort unterstützt. Beispielsweise Film- und Musikschulen. Andererseits ermöglicht die DEZA ausgewählten Künstlern Auftritte in der Schweiz und in anderen Ländern Europas. Über den Südkulturfonds werden pro Jahr rund 150 Veranstaltungen mit Künstlerinnen aus der ganzen Welt in der Schweiz unterstützt. Der Fonds ist ein Förderinstrument von Artlink, einem Verein, der wiederum vom DEZA alimentiert wird.

Die Förderung dieser Auftritte sei ein Beitrag zur erhöhten Diversität des kulturellen Lebens hierzulande. «Es ist wichtig für das Schweizer Publikum, diesen Künstlern begegnen zu können», ist Zeuner überzeugt. Auf Seite der geförderten Künstlerinnen und Künstler könne internationale Bekanntheit für deren Sicherheit existenziell sein. «Gerade wenn sie aus Ländern kommen, wo ihre Arbeit der Zensur zum Opfer fällt und sie selbst an Leib und Leben bedroht sind», so Zeuner.

Künstler als Forscher

Für Schweizer Künstler ist der Input von Auslandaufenthalten und Zusammenarbeiten mit Künstlern aus anderen Kontinenten vielleicht nicht ganz so existenziell. Er kann eine Künstlerkarriere jedoch prägen. Wie diejenige des Theatermachers Stephan Kägi, der mit Rimini Protokoll international Erfolge feiert. Seine explizit globalisierten Arbeiten, sei es mit ägyptischen Muezzins oder Arbeitern in indischen Callcentern, wären ohne Auslandaufenthalte kaum möglich geworden.

Auch der Basler Regisseur und Kurator Boris Nikitin hat vom Austausch profitiert. Er war mit Unterstützung der Pro Helvetia 2011 drei Monate in Neu-Delhi und später zwei Mal in Südafrika. «Mir gab der Aufenthalt in Indien, kurz nach Abschluss meiner Ausbildung, viel Selbstbewusstsein und hat mich stark beeinflusst», sagt er. Auch hätten diese Aufenthalte seinen Blick für globale Themen geschärft.

«Wir müssen erforschen, wie solche Kollaborationen überhaupt funktionieren», sag Nikitin. «Sie brauchen sicher Geduld und Zeit. Wie die ganze Globalisierung Zeit braucht. Gerade deshalb sind lange Residenzen wichtig. Gemeinsame Kunst zu entwickeln ist viel Arbeit. Und über Kontinente hinweg sehr komplex, wenn nicht sogar kompliziert.» Aber gerade dafür sei die Kunst da: «Dass sie sich mit der Komplexität der Welt auseinandersetzt.»