Comic-Kunst vom Feinsten

Pulp heisst das freundliche kleine Wesen mit den grossen schwarzen Kulleraugen, das seit den 1990er- Jahren die Werke von M. S. Bastian bevölkert. Im Band «Bastomania» ist ihm ein eigenes Kapitel gewidmet. Auf über 500 Seiten breitet sich darin das bunte Universum des Bieler Künstlers aus – eine Retrospektive in Buchform mit fast 800 Bildern. Seit den 1980er- Jahren reisst M. S. Bastian, unterstützt von seiner Partnerin Isabelle L., die Grenzen zwischen Kunst, Illustration und Comic nieder. Pulp, eine Art alter Ego des Künstlers, reist nach Afrika, wagt sich in die Geisterbahn oder auf die hohe See. Das hier abgedruckte Werk ist eine Hommage an den Zeichentrickfilm «Prinzessin Mononoke» von Hayao Miyazaki. Die kleinen Baumgeister, die darin vorkommen, sehen aus wie Pulps Geschwister. Christina Genova

Leben, Spiel und Tod – zeitlos schön

Seine Wimmelbilder sind seit 450 Jahren ein Hit. Ob Feste, Schlittschuhläufer, Ernte- oder Jagdbilder: Was Pieter Bruegel (1529/30–1569) auf Holztafeln malte, wurde bereits von seinen Zeitgenossen kopiert und verbreitet. Seine Mischung zwischen liebevoll fabulierter Realität und Fantasy fasziniert bis heute. Neben der lustigen Welt des Feierns und Fressens wie in «Bauernhochzeit» oder «Kinderspiele» (Foto) lauern aber Tod, Bosheit und Sünde. Im «Turmbau zu Babel» malte er den menschlichen Grössenwahn in einer grossartigen Vision, in «Triumph des Todes» schockiert er mit allen erdenklichen Arten des Ablebens. Nur etwa 40 Gemälde des Niederländers sind erhalten, in Wien sind 30 (!) als Vorbote des Bruegel-Jahres
– 2019 ist der 450. Todestag – noch bis 13. Januar zu sehen. Im Bildband dazu sind Motive und Forschungen bestens erklärt und die Bilder grossformatig zu bestaunen. Sabine Altorfer

Volkslied, verzaubert

Da reibt man sich die Augen – und die Ohren. Sind das wirklich Schweizer Volkslieder? Etwa diese zirpende Mandoline – Italianità pur? Oder einige Tracks weiter: Ein schlichter Gesang, der an Mittelalter und Kathedralen denken lässt, aber kaum an ein Chalet mit Alpenluft? Dochdoch. Was so unschweizerisch klingt, sind traditionelle Lieder aus allen Regionen des Landes. Nur der Blick auf sie ist aussergewöhnlich. Denn normalerweise trifft man die Mezzosopranistin Marie-Claude Chappuis auf den Bühnen von Barockopern und klassischen Konzerten an. Das war nicht immer so. Sie sei singend auf die Welt gekommen und habe dreijährig voller Inbrunst «Là-haut sur la montagne» gesungen, schreibt die Freiburgerin im Booklet. Etwas von dieser ursprünglichen Liebe ist auf «Au cœur des Alpes» zu spüren – verfeinert und veredelt durch Arrangements, welche aus jedem Lied eine eigene Welt machen. Wunderschön! Anna Kardos

Ein Python packt aus

Na, wenn dieses Buch mal nicht lustig ist! Eric Idle gehört zu den Gründungsmitgliedern von Monty Python, den Beatles der Comedy. Mit ihren TV-Sketches und Filmen haben sie den britischen Humor geprägt. Wer erinnert sich nicht an die «Ritter der Kokosnuss» oder «Das Leben des Brian»? In seiner Autobiografie blickt Idle (75) zurück: Erzählt wie er Waise wurde, in den Nachkriegsjahren in einem Internat aufwuchs bis zum Aufstieg als Comedian, der mit den Popstars seiner Zeit verkehrte. Zu seinen Freunden gehörte George Harrison. Als sich keine Firma traute, «Das Leben des Brian» zu finanzieren, sprang der Ex-Beatles ein und rettete den Film, indem er seine Villa verpfändete und so vier Millionen Pfund auftrieb. Das Buch ist voller Anekdoten und Namedropping, Idle ist stolz, aber auch selbstironisch und -kritisch. Und unterhaltsam ist es allemal. Diese Python verschlingt man. Marc Krebs

10-mal Bergman zum 100.

Er hat das Unbewusste erforscht, Traum und Realität zusammengebracht, Ernst und Humor, starke und zugleich sensible Frauenfiguren weltberühmt gemacht: Ingmar Bergman. Im Sommer hat Arthaus aus Anlass des 100. Geburtstags des «besten Regisseurs alles Zeiten» eine Box mit zehn seiner besten Werke und reichlich Bonusmaterial zum Filmemacher selbst herausgegeben. Wirklich neu ist das umfassende Booklet à 80 Seiten. Der Vorteil dieser Box ist ihre Kompaktheit. Da hat man tatsächlich einen Grundstock Bergman. Zehn seiner besten Werke? Kann man so unterschreiben: «Das siebente Siegel», «Wilde Erdbeeren», «Das Schweigen», «Persona», «Szenen einer Ehe» oder «Fanny und Alexander» natürlich. Nachteil: Sie ist ziemlich teuer. Ein schönes Geschenk für alle, die durch dieses Jubiläum neu oder wieder auf den Schweden aufmerksam wurden. Regina Grüter

Starke Stimme gegen Rassismus

Der schwarze US-Schriftsteller James Baldwin (1924–1987) gehört zu den wichtigsten Intellektuellen der Bürgerrechtsbewegung und war eine ihrer stärksten Stimmen. In seinen Büchern und Essays wandte er sich gegen jeden Rassismus – also nicht nur gegen jenen, der die Schwarzen traf – und gegen jede Form von Ungerechtigkeit. Und er hat nichts an Aktualität eingebüsst. Baldwins Werk erlebte in den USA in den letzten Jahren eine Renaissance. Und jetzt legt der deutsche dtv-Verlag Neuübersetzungen vor. Bisher sind zwei Romane erschienen: «Von dieser Welt» und «Beale Street Blues». Das sind keine politischen Pamphlete, sondern ist grossartige Literatur. «Beale Street Blues» ist im Kern die Geschichte einer vom Rassismus bedrohten Liebe. Baldwin erzählt sie empfindsam und kraftvoll. Er findet Worte für Wut und Zärtlichkeit, für Verzweiflung und Hoffnung – und fesselt damit. Urs Bader

So denkt Susan Sontag

Auch vierzehn Jahre nach ihrem Krebstod und fast 40 Jahre nach dem in neuer Aufmachung publizierten Interview mit Jonathan Cott liest man Susan Sontag mit Begeisterung: Eine Ausnahmeerscheinung, eine originelle Intellektuelle, die das Nachdenken über Kultur und Politik mühelos mit dem Persönlichen verband. «Krankheit als Metapher», «Gegen Interpretation» und viele andere ihrer legendären Texte erörtert sie. Sontag liebt gleichermassen Hoch- und Popkultur, verehrt Rock ’n’ Roll genauso wie Dostojewski und Simone de Beauvoir. Ihre Analyse der gefährlichen Macht von Metaphern, die Krankheit zur persönlichen Schuld verdrehen, ist nach wie vor bestechend. Ihr grossräumiges Wissen und ihre pointierten Aussagen zu Feminismus und Literatur, zu Kunst und Faschismus und über das Wesen des Denkens im «aber» machen den Band zur äusserst anregenden Lektüre. Hansruedi Kugler

Superheld aus Schweizer Hand

Comic-Insidern ist Enrico Marini längst vertraut. Sein Name steht auf 35 Büchern, seine Werke erreichen insgesamt eine Millionenauflage. Marini gehört zu den gefragtesten Zeichnern Europas. In diesem Jahr konnte er seine bisherige Karriere krönen: Ihm wurde die Ehre zuteil, eine Batman-Geschichte zu konzipieren und umzusetzen. «DC Comics gaben mir ihre Spielzeuge, und ich durfte mich mit diesen amüsieren», sagt der 49-jährige Comiczeichner. Marini dachte sich einen «Crime Noir» aus und setzte diesen in aufwendiger Handarbeit um. Daraus resultierte die zweiteilige Geschichte «Der dunkle Prinz», die in der gebundenen Ausgabe besonders schön zur Geltung kommt. Mit diesem Doppelband verschenken Sie nicht eine Horrorstory, in cineastisch anmutender Kunst verpackt, nein, Sie lancieren auch gleich noch das Tischgespräch: «Wusstest Du schon, dass dieser Marini, einer der besten seines Fachs, ein Schweizer ist …?» Marc Krebs

Coole Box für kleine Ohren

Unser Rekord liegt bei fünf Minuten. Fünf Minuten vom Auspacken der CD aus der verschweissten Folie bis zum finalen Schrottzustand infolge Totalverkratzens. Kein Wunder: sechs Kinderhände zwischen zwei und acht Jahren in Aktion an nur einem Abspielgerät sind Gift für jede CD. So endete manch eine abgespielte Geschichte statt mit «Ende gut, alles gut» in Tränen und Boxhieben. Das ist nun Vergangenheit. Jetzt haben wir eine Toniebox, ein handliches, kubisches Abspielgerät mit Haben-wollen-Faktor, das Audiofiles abspielt, sobald man eine kleine Figur in Form der kleinen Hexe, von Connie oder von Räuber Hotzenplotz auf den Deckel legt. Die Bandbreite an Geschichten sowie Musik ist riesig: von Grimms Märchen bis hin zu «Die drei ???». Auch die Box ist schon für Zweijährige kinderleicht zu bedienen. Bei uns jedenfalls kriegt: ich boxe, du boxt, wir boxen, gerade eine ganz neue Bedeutung. Anna Kardos

50 Jahre weisses Gold

Ohne klaren Wunsch sollte man keine CDs schenken. Beim Weissen Album («The Beatles») mache ich eine Ausnahme. Erstens gehört es zu den wenigen ewigen Werten der Popmusik, zweites war 1968 dieses Doppelalbum meine allererste selber gekaufte LP. Das prägte nachhaltig. Ich finde noch heute alles genial, alles, inklusive «Ob-La-Di, Ob-La-Da» und «Revolution 9». Produzent George Martin wollte den Fab Four seinerzeit einreden, aus 2 besser 1 zu machen und den Rest der 30 Stücke zu kübeln. Sünd und schade wärs gewesen.
Zum 50. wurde «The Beatles» mit dem Segen von Paul und Ringo neu abgemischt und angereichert. Ob in diversen CD- und LP-Varianten oder gar in der «Ltd. 7 Disc Super Deluxe Edition»: Es bleibt ein Wunderwerk. Absolut grossartig. Das kritiklose Schwärmen sei mir aufgrund meiner Vergangenheit nachgesehen. Ich kann nicht anders. Hans Graber

Verschollener Mingus entdeckt

Nach Alkoholexzessen, Depressionen und Nervenzusammenbrüchen kehrte der grosse Jazz-Bassist Charles Mingus Anfang der 70er-Jahre auf die Bühne zurück und war erfolgreicher denn je. Es folgte eine hektische Zeit mit vielen Projekten und Tourneen und Konzerten, von denen nur wenige dokumentiert sind. Ein zufällig gefundener Konzertmitschnitt vom Februar 1973 in Detroit kann deshalb als kleine Sensation bezeichnet werden. Eine Rarität schon deshalb, weil Roy Brooks hier den langjährigen Schlagzeuger Danny Richmond ersetzt und dabei einen tollen Job machte. Zum Quintett gehörten weiter Joe Gardner (Trompete), der unterschätzte Saxofonist John Stubblefield und erstmals der spektakuläre Don Pullen am Klavier. Das Quintett spielte in dieser Besetzung nur kurz, verinnerlichte den typischen Mingus-Sound aber exzellent und spielte mit einer Energie, die an die besten Mingus-Bands erinnert. Stefan Künzli

Räume des stillen Staunens

Der Petersdom, Notre Dame de Paris, Westminster Abbey oder die Sagrada Familia werden das Jahr hindurch von Touristen überrannt: Spektakuläre Sakralbauten locken auch Nichtgläubige zur Besichtigung, in Metropolen und abseits davon. Kirchen zeugen von architektonischer Kühnheit, vom Geist ihrer Entstehungszeit. Aus der Fülle prächtiger Gotteshäuser in Europa haben die Autoren 40 ausgewählt. Die Fotos und Texte laden ein, das stille Staunen wieder einzuüben und auszukosten. Bettina Kugler