Solothurner Literaturtage

Krokodil Köbi bringt Kinder zum Lesen

Auf Kuschelkurs geht sie mit ihren kleinen Zuhörern nie: Kinderbuchautorin Claudia de Weck und Krokodil Köbi gestern in Solothurn.

Auf Kuschelkurs geht sie mit ihren kleinen Zuhörern nie: Kinderbuchautorin Claudia de Weck und Krokodil Köbi gestern in Solothurn.

Buchautorin Claudia de Weck nimmt Kinder ernst – aber mit viel Humor. An den Solothurner Literaturtagen stellte sie die Leseförderung mit Hilfe des Krokodils Köbi vor.

Der Deckel des Korbkoffers öffnet sich einen Spalt, und hervor lugt eine grüne Krokodilsschnauze. «Achtung Köbi», raunt Claudia de Weck, «hier ist es gefährlich, es hat ganz viele Kinder.» Tatsächlich: Es müssen an die sechzig sein, dazu Eltern und Lehrer. Gemeinsam sitzen sie im Gewölbekeller des Alten Spitals. Wobei sitzen das falsche Wort ist. Die einen rutschen vor Aufregung auf der Sitzfläche hin und her, die anderen hüpfen förmlich auf ihren Stühlen auf und ab, es wird laut geflüstert.

Die Aufregung ist berechtigt. Schliesslich steht vor ihnen Claudia de Weck, Illustratorin und Autorin vieler Kinderbücher. Und damit nicht genug. Die 1953 geborene Zürcherin ist auch ausgebildete Pädagogin und arbeitet zudem passioniert im Bereich der Leseförderung.

«Leseförderung ist eigentlich ein veralteter Begriff», korrigiert sie im Gespräch. Heute spreche die Forschung viel mehr von Literalitätsförderung. Man wolle mit den Kindern ja nicht das Lesen üben, sondern umfassendere Dinge vermitteln. «Die Ebene der Bilder gehört mit dazu», erklärt sie, «genauso wie das Geschichtenhören oder das Selbersprechen. Es geht ganz allgemein darum, den Kindern Zugang zu verschaffen zur Sprache und zum Medium Buch.»

Und beides scheint im Kindesalter besonders leicht möglich. So schnell Kleinkinder sprechen lernen, so leicht lassen sie sich offenbar mit dem Büchervirus anstecken, besagt die Erfahrung der Literalitätsförderung: Schon eine einmalige Begegnung zwischen Kindern und Autorin nimmt die Kleinen auf in die faszinierende Welt der Bücher. Sie werden häufiger Bibliotheken aufsuchen, mehr lesen, sich mehr für Bücher interessieren als ihre Altersgenossen.

Deshalb kriecht Krokodil Köbi nicht nur an den Solothurner Literaturtagen aus seinem Korb. Es besucht mit der Kinderbuchmacherin auch regelmässig Schulen – und sogar schon Kindergärten. Denn das Erstaunliche ist: Die Leseförderung – pardon, Literalitätsförderung – setzt ein, noch bevor die Kinder lesen. «In den vergangenen fünfzehn Jahren hat die Forschung entdeckt, wie wichtig das Kleinkindalter für die Literalität ist», erklärt de Weck. «Dann lernen die Kinder, Handlungsabfolgen zu erkennen, sie lernen, kleine Geschichten zu erfassen. Und die Weichen für die Sprachentwicklung werden gestellt.» Wer mit sechs in die Schule kommt und noch nie ein Buch in der Hand hatte, sei laut der aktuellen Forschung schon im Nachteil. «Offenbar schleppen die Kinder diesen Nachteil mit in die Oberstufe, sogar bis in den Berufseinstieg», erklärt de Weck.

Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr und was Gretel nicht liest, beeinträchtigt Margrit also noch im Arbeitsleben. Es ist geradezu frappant, wie viel Zukunftspotenzial in Barbapapa, den sieben Geisslein oder Michel aus Lönneberga steckt. Doch all das vergisst augenblicklich, wer Claudia de Weck bei einer ihrer Lesungen erlebt.

Dort ragen gerade zwanzig Kinderhände in die Luft. Es geht um die Frage, wer zum Krokodilzeichnen nach vorne kommen will. Und stracks werden de Weck und die Kinder zu einem Team. Die Illustratorin skizziert die Pfoten, die Kinder vollenden den restlichen Körper. Krokodil um Krokodil türmt sich so auf dem riesigen Zeichenblock. Jedes mit eigenem Charakter, manche perfekt getroffen, manche mit viel Fantasie dargestellt. Doch wie viel in den Kindern steckt, weiss de Wecks Begleiter, Krokodil Köbi, längst: «Die sind ja nicht blöd», stellt es gleich zu Beginn der Lesung klar.

Dass Köbi kein niedliches Tier mit putzigem Pelz ist, sondern ein Reptil und ein Jäger, sagt einiges über den Stil der Zürcherin aus. Auf Kuschelkurs geht sie mit ihren kleinen Zuhörern nie. Stattdessen ist das Tempo hoch, der Anspruch auch – und das kindliche Publikum schon bald ebenfalls in Hochstimmung. «Ich habe lange in Frankreich gelebt», erzählt Claudia de Weck. «Dort nimmt man Kinder viel früher ernst, während man im deutschen Raum das Kinderzimmer zum Mythos erhebt.» Kein Wunder beschönigt die Buchmacherin nicht, dass nur jedes zehnte Krokodiljunge überlebt. Und in ihrem neuen Buch «Jakob, das Krokodil» (das gemeinsam mit Georg Kohler anhand einer wahren Geschichte entstand) stirbt zum Schluss der Krokodilgreis Jakob.

Aber, wer sich in der Abteilung der Kinderbuchklassiker umsieht, stellt erstaunt fest, wie unzimperlich auch dort die Themen sind: Ob Pippi Langstrumpf, Oliver Twist oder Elefant Babar – da werden Eltern verjagt oder gejagt, Mütter und Väter sterben. Kaum aber sind die Eltern weg, mausert sich der kindliche Held zum Superhelden. Claudia de Weck meint dazu lachend: «Als Erwachsene sollten wir uns das hinter die Ohren schreiben und unseren Kindern genug Freiraum lassen.»

Und was ist der ultimative Geheimtipp der Expertin an die Eltern? «Sobald die Kinder selber lesen, hören viele Eltern auf, Geschichten zu erzählen oder Bücher vorzulesen. Für das Kind wirkt das wie eine Bestrafung fürs Lesenkönnen.» Deshalb Claudia de Wecks Tipp: «Unbedingt weiter vorlesen! Wenn es dem Kind zu langsam geht, kann es ja immer noch selber weiterlesen!»

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