Kunst
Konstrukteur der neuen Wirklichkeit

Das Musée Unterlinden in Colmar zeigt den russischen Konstruktivisten Alexander Rodtschenko

Isabel Zürcher
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Alexander Rodtschenko, ein Entdeckergeist im Dienste der Moderne, 1922 in seinem Atelier. Adagp/Paris 2017

Alexander Rodtschenko, ein Entdeckergeist im Dienste der Moderne, 1922 in seinem Atelier. Adagp/Paris 2017

Кауфман М.А.

Die Linie liegt der ganzen Welt zugrunde, und der Leinwand genügt ein Kreis. Elementare Formen lassen sich zu Raum ausdehnen. Und der Kontrast spitzt Zeichen zu, die – schwarz, weiss, rot – für die freiwillige Luftflotte, für Speiseöl oder Backwerk werben. Radikal ist Alexander Rodtschenkos Verzicht auf jedes dekorative Extra. Unerschrocken durchkreuzt der russische Avantgardist Konventionen der bürgerlichen Wohnkultur, collagiert das Bild der Wirklichkeit in kühnen Diagonalen, rhythmisiert den Film mit brüsken Schnitten und sucht in seiner ganzen Produktivität mit dem Tempo der industrialisierten Zukunft Schritt zu halten.

Die Kunstwissenschaft hat es vielfach beschrieben: Als Maler, Fotograf, Industriedesigner, Typograf, Experimentalfilmer und Innenarchitekt war der 1891 geborene Alexander Rodtschenko an vorderster Front unter denen, die der visuellen Kultur im Zuge gesellschaftlicher Erneuerung alles zutrauten. Wenn das Musée Unterlinden in Colmar dem russischen Konstruktivisten seine Sommerausstellung widmet, rückt sie scheinbar ein Randkapitel in den Blick. 34-jährig war der Künstler, als er 1925 zur Internationalen Kunstgewerbe-Ausstellung nach Paris aufbrach. Und hatte weit mehr als den Entwurf eines multifunktionalen, wandelbar möblierten «Arbeiterclubs» für den russischen Pavillon im Gepäck.

Mit Bildern in Öl, grafischen Entwürfen, Plakaten, Büchern und Zeichnung begleitete ihn auch der Ehrgeiz, sich selbst im Epizentrum der europäischen Avantgarde bekannt zu machen. Colmar rekonstruiere «in gewissem Masse» sein damaliges Reisegepäck, heisst es etwas unscharf im Katalog. Und wenn sich Rodtschenko auf Kolumbus, auf Thomas Edison und auf Charlie Chaplin berief, wird er auch als Stratege erkennbar: Als einer, der sehr genau wusste, wer Entdeckergeist, Fortschritt und Unterhaltungswert für sich verbucht und unter wessen Flagge seine eigene Bildsprache an Gewicht zulegen konnte.

Ingenieur der neuen Realität

Das «Festival International de Colmar» – zum 29. Mal unter künstlerischer Leitung des Dirigenten Vladimir Spiwakow – mischt im Juli ein bisschen russisches Kapital und einen Hauch grossbürgerlicher Eleganz unter den Tourismus von «Petite Venise», während das Aufbauteam im Musée Unterlinden vor ein paar Tagen noch Alexander Rodtschenko ins rechte Licht rückte. Leihgeberin der Präsentation ist das A. S. Puschkin Museum in Moskau, dem der Pariser Werkkomplex 1991 direkt von Rodtschenkos Erben zukam. Im Neubau der Basler Architekten Herzog & de Meuron fügt sich der «Ingenieur der neuen Realität» nun in eine Kulisse ein, deren Nischen und Öffnungen thematische Schwerpunkte setzen wie auch Durchblicke schaffen.

Ein 1922 entworfenes Teeservice trifft bruchlos auf grafische Entwürfe. Das Interesse am Theaterkostüm legt neben Werbung oder Möbeldesign die Signalwirkung der Zeichnung offen. Wenn die Stirnwand Beispiele von Rodtschenkos manchmal schwindelerregenden fotografischen Perspektiven versammelt, sieht man sich erinnert an die eingangs präsentierten Modelle, mit denen er bereits ab 1918 den Raum in Bewegung versetzt hatte. Beiläufig ist auch etwas von den Interieurs zu erhaschen, in der er mit Varva Stepanova und der gemeinsamen Tochter lebte und arbeitete. Kaum überprüfbar bleiben die Inhalte, die Rodtschenkos multiperspektivisches Temperament schriftlich einzufangen suchen. Wem die kyrillische Schrift fremd ist, dem bleiben die Sprachfragmente Blindtext und dekoratives Extra.

Alles ist machbar, alles ist möglich

Beim Einrichten mitgewirkt hat unter anderem Alexander Lavrentiev, Rodtschenkos Enkel. Zur Sowjetzeit selbst noch zum genannten «Ingenieurkünstler» beziehungsweise Produktdesigner ausgebildet, ist der Grossvater alles andere als eine kunsthistorische Instanz. Nicht die «Archäologie des Museums» zähle hier, sondern «ein Ereignis der zeitgenössischen Kunst». Lavrentiev blickt schelmisch, während die Übersetzerin ohne Zögern sein Russisch ins Deutsche überträgt: «Das Erbe meines Grossvaters hat mich sehr erleichtert.» Denn nach diesem radikal erfinderischen, nach allen Medien und Himmelsrichtungen ausholenden Schaffen gelte uneingeschränkt bis heute: «Alles ist machbar und alles ist möglich.»

Alexander Rodtschenko Musée Unterlinden, Colmar, bis 2. Oktober. Zur Ausstellung erscheint ein reich bebilderter, kommentierter Katalog in französischer Sprache.

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