Sie arbeiten schon Jahrzehnte als Kabarettisten zusammen. Wie hat sich Ihre Arbeit verändert?

Sibylle Birkenmeier: Vor über dreissig Jahren waren wir „kulturkritisch“, heute sind wir vermehrt auch explizit politisch unterwegs und nehmen die grossen gesellschaftlichen Themen auf, die politischen Mechanismen. Damals waren „Dinge“ so wichtig, das Design als Zentrum des Lebens. Man hat die Persönlichkeit über Dinge ausgedrückt, fühlte sich individuell. Das Thema Europa wurde uns wichtig, die Zukunftsperspektiven, die Friedensbewegung - auch die diesbezüglichen Enttäuschungen. Konstant geblieben bei allen Arbeiten ist das Interesse an „Haltung“, die Frage, wie ist meine Haltung zu den politischen Fragen, findet meine Haltung als Mensch überhaupt ihren Ausdruck und wie geht das? Wie bei mir? Und wie bei andern? Heute wird die Demokratie immer mehr zerfressen von Interessengruppen. Das beschäftigt uns.

Sie sagen ja auch, Sie kämpfen gegen „die Verblödung“.

Michael Birkenmeier: Genau! Wir kämpfen für das Primat des Menschlichen und gegen einen Anpassungszwang auf allen Ebenen, der uns verangsten und verblöden lässt. In gewissen Bereichen haben wir alle unsere Ecken, an denen wir verblöden. Aber seit der Medienrevolution und der Globalisierung müssen wir immer zuschauen, wie Verblödung geht. Das Wort „abebräche“ bezeichnet das gut, Kabarett war früher ein Forum für Intellektuelle. Auch die Zeitungen waren anspruchsvoller. Die Massentauglichkeit steht heute gründlich über allem, ungeachtet der Frage, ob etwas der Sache oder dem Menschen gemäss ist, ihm gerecht wird. Die „Quote“ tötet. Heute werden politisch unliebsame Stimmen immer sichtbarer totgeschwiegen. Nicht jeder hat die Power und den Innovationsgeist wie der Historiker Daniele Ganser, mit dem wir im Ackermannshof zwei Abende machen.

Trotz aller Problematik auf der Welt müssen Sie als Kabarettisten viel Lacher erzeugen ...

S.B.: Bei uns wird gelacht und geweint. Wir lachen doch selber so gerne, Lachen ist wirklich Medizin! Wir steuern nicht die vielgenannte „Betroffenheit“ an, das ist ja im Grunde eine Totallähmung. Vielleicht gelingt es uns, zu berühren, zu stärken, zu ärgern, zu erfreuen. Für uns bedeutet ein neues Programm, Gedanken und Gefühle zu entdecken, die wir in dieser Form noch nicht gesehen oder gehört haben. Das ist unser Ziel. Träume sind dabei wichtig. Als Kind habe ich öfters geträumt, ich unterhalte Einbrecher mit Spielen, damit sie nicht einbrechen in das Haus, in der meine Familie wohnt. Das hat mich stolz gemacht. Ich hatte immer gute Beziehungen zu den Angstfiguren der Erwachsenen aufgebaut, ich hatte diese Ängste nicht. Migration ist das Thema, das uns noch über –zig Jahre hinaus beschäftigen wird, das wird nicht an uns vorbeigehen, auch die Klimaerwärmung wird das Thema noch verschärfen.

Das wirkt etwas moralisierend ...

Nein, wir sind keine moralische Anstalt, wir gehen immer von eigenen Erlebnissen aus und suchen eine Haltung. Haltung entsteht immer wieder neu. Wir zeigen unsere Sympathie zu Ansätzen, die in eine Zukunft führen. Wir zeigen die eigene „Vergammeltheit“ und die der Welt. Wir zeigen uns persönlich den Leuten. Sie nehmen teil an unserer Haltungsarbeit. Wir verstehen uns eigentlich als Narren. Spüren auch immer ein bisschen das Messer am Hals.

Ihr neues Programm heisst „Freiheit Gleichheit Kopf ab.“ Warum denn „Kopf ab“?

M.B.: Eine Stelle im neuen Stück erzählt es: Wir haben jahrelang im Fernsehen unsere Abendunterhaltung genossen, Gruselsciencefiction, Krimis mit Gewaltexzessen jede Menge, das war lange unser Dessert des Tages. Und jetzt bekommen wir das in Realität von der IS geliefert. Wo wird heute nicht das Eigene abgeschnitten, „integriert“, zugeschnitten auf das vorgegebene Format? Es wird dir genau gesagt, was du zu tun hast, und was nicht. Du musst einfach spuren! Oder Geld und Job und Existenz weg! Das macht Verangstung, ist die Enthauptung. Wir sagen „Kopf auf!“, wir müssen uns neu be-haupten. Was lassen wir uns denn noch alles gefallen? Wir müssen in den Widerstand gehen, unsere Kinder wollen uns ganz sehen, behauptet sehen.

Wer hier kein Flüchtling sein wolle, mache auf einheimisch, behauptet der Flyer. Sind wir alle Flüchtlinge?

S.B.: Wir alle in dieser Gesellschaft sind innerlich schon ziemlich auf der Flucht. Und wir werden nun mit Menschen konfrontiert, die aus Kriegen flüchten müssen um ihr nacktes Leben zu retten. Das ist ein interessanter Spiegel! Die meisten politischen „Vorgänge“ sind Projektionen. Wer sagt, er habe in seinem eigenen Land keinen Platz mehr, sagt viel über seine inneren Platzverhältnisse aus. „Wir müssen den Schleppern das Handwerk legen“, moniert die Wirtschafts- und Polit- Schlepperbande in Davos. Die Politik liefert uns derzeit wirklich genug Material. Es ist der Krieg der Reichen gegen die Armen.

«Kopf ab»: Das tönt nach blutigem Abend.

M.B.: Nein, das wird Vollblutkabarett! Saftig, kräftig, stark. Kabarett ist unsere Welt, dafür und davon leben wir, das ist immer ein Balance-Akt. Herzerfrischend wollen wir sein und politisch «be-hauptet». Wir zünden gleich über Basel und Umgebung ein wahres Bouquet, ein Feuerwerk mit zahlreichen Veranstaltungen - und freuen uns darauf.