Theaterspektakel

Kommt das Sprechtheater wieder zurück?

Sandro Lunin bringt zum letzten Mal Theater- und Tanzproduktionen aus dem Weltsüden an die Gestade des Zürichsees.  Christian Altorfer

Sandro Lunin

Sandro Lunin bringt zum letzten Mal Theater- und Tanzproduktionen aus dem Weltsüden an die Gestade des Zürichsees. Christian Altorfer

Der künstlerische Leiter Sandro Lunin über globalisiertes Theater, die Kraft der Kontinuität und sein letztes Programm

Das Theaterspektakel Zürich findet heuer zum 38. Mal statt. Für den künstlerischen Leiter Sandro Lunin ist es die zehnte und auch letzte Ausgabe. Lunin wird ab der Saison 2018/19 die Kaserne Basel leiten.

Herr Lunin, wie fühlt es sich an, das letzte Programm für das Theaterspektakel zu programmieren?

Sandro Lunin: Es fühlt sich gut an. Nach zehn Jahren kann ich zurückschauen und mir überlegen, welchen Weg ich mit dem Programm gegangen bin. Diese Rückschau ist interessant. Gleichzeitig mischt sich natürlich auch Wehmut mit ein. Wehmut, dieses fantastische Festival zu verlassen.

War immer schon klar, dass Sie nach zehn Jahren gehen?

Das Mandat wurde jeweils verlängert. Nach sieben Jahren war aber klar, dass es 2018 einen Wechsel geben wird. Das finde ich auch völlig richtig so. Für das Festival ist es wichtig, dass wieder eine andere Person mit einem neuen Blick kommt.

Wie würden Sie den Weg beschreiben, den Sie die letzten zehn Jahre gegangen sind?

Ich kam damals vom Schlachthaus Theater in Bern und kannte primär das Theater- und Tanzschaffen auf dem afrikanischen Kontinent und im Nahen Osten. Meine Idee war jedoch, das Zürcher Festival auch gegenüber den anderen Kontinenten im Weltsüden zu öffnen. Asien und Lateinamerika vor allem.

Gerade in Afrika und im Nahen Osten ist in den letzten zehn Jahren extrem viel passiert. Der Arabische Frühling ist bereits Geschichte. Wie hat sich das Theaterschaffen in diesen Gegenden entwickelt?

Das ist von Land zu Land extrem unterschiedlich. Die Entwicklungen beispielsweise im Libanon, in Ägypten oder in Tunesien sind total anders verlaufen. Das hat natürlich mit der Geschichte und der jeweiligen Theatergeschichte dieser Länder zu tun. Es spielt eine extrem grosse Rolle, ob es einen akademischen Diskurs gibt oder wie mit der kolonialen Vergangenheit umgegangen wird. Generell kann man aber sagen, dass die Künstler im Nahen Osten wieder massiv unter Druck geraten sind. In Tunesien von salafistischer Seite. In Ägypten ist die Repression noch grösser geworden als zum Ende der Mubarak-Ära. Der Libanon jedoch bleibt das eigentliche künstlerische Zentrum des Nahen Ostens, trotz oder vielleicht auch gerade wegen der vielen Flüchtlinge aus Syrien.

Mit welchen konzeptuellen Gedanken sind Sie an dieses letzte Programm herangegangen?

Vor allem war mir wichtig, konsequent aus dem Bisherigen zu schöpfen und da anzuknüpfen. Natürlich hab ich mir auch überlegt, eine Spezialausgabe zu machen.

Wie sähe diese aus?

Beispielsweise nur Künstler einzuladen, die noch nie hier gewesen sind. Ich hab jedoch gemerkt, dass mir die kontinuierliche Arbeit wichtiger ist. So legen wir auch dieses Jahr unseren Fokus neben der Schweiz und Europa auf Afrika, Südamerika und Asien, im Speziellen auf den Mittelmeerraum. Da passiert derzeit gerade so viel Interessantes, es wäre schlicht ungeschickt, nicht da weiterzumachen.

Thematisch geht es um Geschichte, um Erinnerungsarbeit.

Es geht vor allem um die Spiegelung der Gegenwart in der Geschichte und umgekehrt. Wie können wir die Gegenwart durch unsere Geschichte besser begreifen? Diese Frage beschäftigt viele Theaterleute. Wo hab ich meine Referenzen? Woraus schöpfe ich eigentlich in meiner Arbeit? Viele besinnen sich in unserer extrem lauten Zeit zurück auf ihre historischen Quellen.

Ist das eine Reaktion auf die Globalisierung und Digitalisierung?

Das denke ich schon, ja. Die Künstler suchen eine Gegenposition zur Schnelllebigkeit und zum populistischen Marktgeschrei.

Lese ich Ihr aktuelles Programm richtig? Gibt es eine Rückkehr des Sprechtheaters?

Ein wenig schon, ja. Wir haben das Sprechtheater die letzten Jahre zwar auch immer gepflegt, obwohl der ganze internationale Festivalbetrieb vor allem auf performative Formate gesetzt hat. Für uns war es immer wichtig, starke Sprechtheaterpositionen, wie beispielsweise diejenige von Kornél Mundruczó, zu zeigen. Letztendlich steht das Theaterspektakel ja dafür, die verschiedensten Theaterformen zu vertreten. Dadurch ermöglichen wir dem Publikum auch die unterschiedlichsten Zugänge zum Theater.

Gibt es etwas, auf das Sie sich speziell freuen in der letzten Ausgabe?

Speziell freue ich mich darüber, dass der südafrikanische Theatermacher Boyzie Cekwana wieder hier ist. Er war bereits 2008 in der ersten Jury dabei. Dann haben wir eine Trilogie mit ihm produziert, später noch eine vierte Arbeit. Dass es sich ergibt, nun wieder ein Stück von ihm zu zeigen, und dass er im neuen Format der «Homestories» federführend beteiligt ist, das freut mich sehr.

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