Sie sind seit zwei Jahren mit Ihrem Solo-Programm «In der Kommentarspalte» auf Tour. Im Internetzeitalter ist das eine Ewigkeit.

Renato Kaiser: Allerdings. Als ich das Programm schrieb, hatte ich noch gar keine Videokolumne, trat vor allem auf Kleinkunstbühnen und an Slams auf und war völlig irrelevant im Internet.

Das hat sich seither geändert: Mit Ihren satirischen Videobeiträgen bei «Watson» erreichen Sie Tausende. Erleben Sie jetzt auch die Schattenseiten der Popularität?

Nein, es hält sich in Grenzen. Ich bin noch nicht berühmt genug, um in den Online-Kommentaren die grossen Arschlöcher abzukassieren. Und ich bin ein Mann. Das ist ein Vorteil. Habe ich eine Meinung, dann ist dies die Meinung eines Mannes. Hätte ich aber eine Meinung als Frau, dann würden mich Idioten mit «untervögelt» kommentieren. Das kann man bei Social-Media-Kräften beobachten wie Pony M oder Sophie Passmann. Frauen, die sich positionieren, haben viel schneller Shitstorms am Hals. Ein weiterer Vorteil bei mir: Ich habe kaum äusserliche Merkmale, ja, ich habe nicht einmal eine Frisur, über die man ablästern könnte.

In Ihrem Programm kommentieren Sie Kommentare. Ihre Kernaussage?

Durch Plattformen wie Facebook können jetzt alle mitmachen. Ist es ein Wertezerfall? Ich weiss es nicht. Es ist vor allem ein Zwang. Und für alle sichtbar.

Früher gabs den Stammtisch, heute gibt es Facebook?

Genau. Facebook fordert uns ständig dazu auf, eine Meinung zu haben. Facebook fragt mich: «Was machst Du gerade» und gibt mir so das Gefühl, uhuere wichtig zu sein. Und weil bei Facebook alle «Du» sind, sind auch alle wichtig. So schaukelt sich das extrem hinauf und wir alle werden im Minutentakt gefragt, was wir von «No Billag» halten, wie wir über Flüchtlinge denken oder ob wir LGBT kennen. Ständig wird man um seine Meinung gefragt. Das erklärt auch die Zunahme an Wortmeldungen. Früher wären viele Kommentare nie ans Tageslicht gekommen.

Ein besonders denkwürdiger Kommentar?

Wie sich die Kommentarkultur in der Gesellschaft verändert hat, zeigte sich für mich bei einem Kommentar von SVP-Politiker Andreas Glarner. Als man 2016 Schweizer Handgranaten in den Händen von Dschihadisten fand, sagte Glarner in einem Interview: «Vielleicht müssen wir künftig unsere Waffen ohne Logo liefern, damit man nicht weiss, woher sie stammen.» Bei einem Satz wie diesem weiss man als Satiriker auch nicht mehr, was man dazu noch sagen will. So etwas wäre vor zehn Jahren noch undenkbar gewesen.

Boshaftigkeiten und Gehässigkeiten steigern sich. Eine üble Spirale?

Ja, schon. Jeder Hillbilly aus Appenzell Innerrhoden wird mit Meinungen konfrontiert und meint, er müsse auch eine abgeben, zum Beispiel über Transmenschen. Dabei müsste er doch gar nicht. Und im Internet kommt dazu: Alle müssen schreiben. Dabei ist das doch vielen Menschen nicht gegeben.

Manche setzen sich auf Snapchat Hasenohren auf. Der bessere Weg?

Wenn es um Social Media geht, ist mir diese Variante von Kommunikation eigentlich lieber, ja. Die Internetwelt wäre weniger gehässig, wenn bei heiklen Themen, nehmen wir Flüchtlinge, alle nur mit einer Kätzchenmaske und mit komischer Stimme mitreden dürften. Das würde alles komplett entschärfen. Aber es ist noch immer so, dass die meisten hitzigen Diskussionen schriftlich geführt werden. Und das auf bedenklichem Niveau. Ich glaube, die Entwicklung sollte alle Bildungspolitiker darin bestärken, dass kreatives Schreiben noch mehr gefördert werden muss. Damit sich die Leute auf Facebook weniger auf den Grind geben.

Soloshows: 8. bis 10. Februar, Teufelhof, Basel.
24.2. Casinotheater, Winterthur.
24.5. Kabaretttage, Olten.